Samstag, 29. September 2012

Hoch lebe der HSV, hoch lebe »Horst-Uwe«!

Heute Abend werden beim großen HSV der Abwechslung halber wieder einmal Glanz und Gloria herrschen. Im Sommer gratulierte bereits der FC Barcelona, wenn auch ohne Lionel Messi im Gepäck, mehr oder weniger persönlich im Jubiläumsspiel. Anlässlich seines 125-jährigen Klubjubiläums wird der Bundesliga-Dino sich heute nun selbst bei seiner großen Geburtstagsgala feiern. Die MOPO jubelte hierzu unlängst: Am 29. September blickt Fußball-Deutschland auf den HSV.

Schau an, selbst die Spieltagsplaner des DFB spannten sozusagen Spieltagsgirlande und lassen an diesem Samstag, ja ausgerechnet, den "kleinen HSV" Hannover 96 beim großen HaEsVau gastieren. Mal sehen, ob dieses Prestigeduell aus Sicht des "großen HaEsVau" zu einer Gala wird. Zu der abendlichen Geburtstagsgala haben sich jedenfalls vielen HSV-Legende angesagt.

Neben „Uns Uwe“ Seeler, den 1983er Helden rund um Felix Magath, „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch, „Bananenflankenkönig“ Manni Kaltz undsoweiter oder auch Ex-Manager Günter Netzer soll gar der im Rothosen-Kosmos mystisch verehrte Kevin Keegan auf der Gästeliste stehen. Ob der kleine Engländer seinen Gassenhauer »Head over heels in love« noch einmal schmettern wird, ist zwar nicht bekannt.


Als sicher gilt indes, dass HSV-Idol Jimmy Hartwig die Playback-Platten seiner Trällereien »Mama Calypso« und »Ich bin immer zu früh« verlegt haben soll. Da dieser Sound doch eher von gestern scheint, hätte sich HSV-Messias Rafael van der Vaarts nebst Gattin  vermutlich ohnehin nicht auf die Tanzfläche verirrt.

Nicht nur von gestern, sondern schier in der Versenkung verschwunden, scheint hingegen ein besonderer HSVer zu sein, der beim Bundesliga-Dinos eigentlich einen besonderen Platz einnehmen müsste. Nicht Charly Dörfel. Es geht um keinen Geringeren als Dirk Weetendorf, seines Zeichens hochaufgeschossener HSV-Stoßstürmer aus den 90er Jahren . Denn anders als jenem Dirk Weetendorf gelang es in der 125-jährigen HSV-Historie noch keinem der vielen vermeintlichen HSV-Stürmerstars, als Kreuzung der Legenden Uwe Seeler und Horst Hrubesch etikettiert zu werden. Kein Wunder, dass die HSV-Fans ihm den Namen „Horst-Uwe“ hinterherposaunten.

Leider birgt die Karriere Weetendorfs eine kleine Ironie. Denn das „Kopfballungeheuer reloaded“ köpfte nicht etwa den großen HSV zu tollen Titeln oder gar zum Champions League-Triumph. Nein, der große HSV ließ  „Horst-Uwe“ nach wenigen Toren in einer überschaubaren Anzahl von Einsätzen ausgerechnet zum Nord-Rivalen Werder Bremen ziehen. Dort nahm ihn ausgerechnet HSV-Ikone Felix Magath als Werder-Trainer unter seine Fittiche und bei Werder sollte „Horst-Uwe“ ausgerechnet mit dem DFB-Pokalsieg 1999 den einzigen Titel seiner Profikarriere stemmen.

Doch, wie man in den Weiten des Netzes nachlesen kann, huldigen treue wie hingebungsvolle HSVer ihrem „Horst-Uwe“ noch immer und haben Weetendorf seinen Grenzgang zu Werder längst verziehen. Oder, wie lässt es sich sonst erklären, dass auf versprengten HSV-Fanseiten noch immer uralte Steckbrief-Fragebögen auftauchen, auf denen „Horst-Uwe“ verrät, dass seine Lieblingsspeise „Milchbohnen“ sind. In diesem Sinne: hoch lebe der HSV, hoch lebe „Horst-Uwe“!

Mittwoch, 26. September 2012

Tip Top Töpperwien

Was macht eigentlich dieser Rolf Töpperwien? „Töppi“ feiert heute seinen 62. Geburtstag. Gratulation! Die derzeitige „Englische Woche“ in der Bundesliga dürfte daher er wohl nur am Rande mitbekommen. Anders als früher, als Töpperwien mit seinem Mikrofon in der Hand die Seitenlinien bestürmte und Kicker und ihre Trainer mit seinen Fragen mehr oder weniger rasend machte.

Zwei Jahre ist es nun her, dass der „Vater aller Feldreporter“, wie die Frankfurter Rundschau ihn einmal nannte, nach seinem 1.444 Spiel in die verdiente Reporter-Rente ging, zwei Tage vor seinem 60-sten. Ja, und irgendwie vermisst man ihn. Trotz seiner anekdotenreichen wie zum Teil absurden Autobiographie, die er längst auf den Markt geworfen hat und die den typisch töpperwien’schen naiv-narzisstischen Subtext enthält: „Ich geiler Hengst, hab ‘se alle vor mein Mikro gekriegt...“.




Und so dann und wann geht „Töppi“ meist im Zweiten noch auf Sendung. Manchmal seziert er dort besondere Ereignisse im Fußball, indem er etwa bei Markus Lanz ohne Punkt und Komma zum Pyro-Thema seine damit gemachten Erfahrungen als Rampensau der Grasnarbe abfeuert. Auch im Sport1-Doppelpass durfte „Töppi“ bei Herrn Wontorra mit am Stammtisch sitzen und seine Meinungssalven abschießen, obschon sich „Wonti“ und  „Töppi“ nie richtig stehen sehen konnten.
Selbst im Sportstudio tauchte „Töppi“ vor kurzem wie aus heiterem Himmel vor der legendären Torwand auf, als ein gewisser Leon „Andröööösen“ wegen seines tollen Comebacks nach 28-monatiger Verletzungspause dort zu Gast war. Und da „Töppi“ aus diesem Anlass ja auch offenbar eingeladen worden war, betete er dem verdutzten Dänen gleich vor, wie man dessen Nachnamen richtig ausspricht. Da war er wieder:  Tip Top Töpperwien.Und machte auch vor der Torwand nicht Halt. Nicht, dass er etwa mitschießen durfte. Nein, Sportstudio-Lady Katrin Müller-Hohenstein durfte sich vor und nach dem munteren „Drei unten, drei oben“-Geschieße hilflos und mit rollenden Augen anhören, wie Töpperwien sich regelrecht an sich selbst ergötzte. Er ratterte gandenlos und wie aus der Pistole geschossen alle Torwandschützen der Sportstudio-Geschichte herunter, die mindestens fünfmal getroffen hatten.

Da bei „Töppi“ meist nicht weniger geht, ließ er sich kürzlich obendrein in der Sport-Bild als „weltgrößten Eintracht-Fan“ ausrufen. Damit nirgendwo eine Zwietracht entsteht. Die Rede ist von der Eintracht aus Braunschweig, die in der 2. Liga von Erfolg zu Erfolg eilt. Selbst ein gewisser Felix Magath im benachbarten Wolfsburg goss nach fünf Auftaktsiegen und einem Remis des Meisters von 1967 munter Öl ins auflodernde Erstligafeuer. Das sehe schwer nach Aufstieg aus, unkte Magath. Passend zu seinem 62. Geburtstag dürften „Töppi“ der Lauf seiner Eintracht und Magaths Glaskugelblickerei sicher gefallen.

Ob deshalb gleich mit ihm wie weiland an der Grasnarbe die Gäule der Euphorie durchgehen müssen? Nur, warum denn eigentlich nicht. Denn trotz sämtlicher Achterbahnfahrten der Eintracht durch die 2. und 3. Liga hat „Töppi“ seiner gelienbten Eintracht stets die Stange gehalten - ganz im Sinne des dieser Tage etwas abgedroschenen Mottos: Liebe kennt keine Liga! Und jetzt einmal ganz ohne Ironie gesagt. Auch das klingt verdächtig nach: Tip Top Töpperwien!

Samstag, 22. September 2012

So wie einst bei Real Madrid

Einst waren die Barden Noel und Liam Gallagher die Gesichter von Oasis, stritten sich noch öfter als sie Alben veröffentlichten und konnten sich meist auf ihren Lieblingsklub Manchester City als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Nachdem Oasis längst im Nirwana des Brit-Pop verschwunden ist, sorgen die  „Radaubrüder“ neben ihren musikalischen Projekten im Kosmos ihres Lieblingsklubs so dann und wann für Rock’n Roll.
Und in der Flut wechselnder Namen mehr oder minder klangvoller Stars im City-Kader scheinen zumindest die Gallagher Brothers City konstant ein Gesicht zu geben.

By the way, wofür braucht Manchester City für seine angestrebte Rolle als Wannabe-Global Player im Fußball überhaupt eine Marketingabteilung? Wenn sich  einer der Gallaghers einen hellblauen City-Schal umhängt, dann anstatt die Klampfe oder das Tamburin in die Hand zu nehmen und zu  manchestercity'eskem nölend seinen Senf abgibt. Dann bekommt das die Fußball-Welt irgendwie mit. Besonders handfest ist da stets der jüngere Gallagher Liam unterwegs, der sich trotz ausgeprägtem Rüpel-Gehabe ausgerechnet für eine Reinkarnation John Lennos halten soll.

Weiland  lieferte sich Liam nicht nur mit einem gewissen Paul Gascoigne in einem Londener Club eine zünftige Keilerei . Hartnäckig hält sich auch die Legende, wonach Liam einmal United-Ikone Éric Cantona in einer Autowaschanlage in Manchester mit einem Eimer Wasser begossen haben soll. Wie in begossener Pudel könnte sich Liam indes am letzten Dienstag im Estadio Santiago Bernabéu gefühlt haben, als er sich wie der Archetypus urbritischer Stiernackenfans zum Schlachtenbummler der Woche pöbelte…

 
Was bei Manchester Citys Champions League-Gastspiel bei Real Madrid geschah? Liams Citizens gingen fünf Minuten vor dem Abpfiff plötzlich in Führung, weshalb Liam mit dicker Sonnenbrille und in schwarzer Lederjacke wie ein City-Maskottchen auf LSD die Tribünentreppen des Bernabéu hoch und runter stolzierte. Zwischen irritierten älteren spanischen Señoras mit Fächern in der Hand riss Liam nicht nur derbe Sprüche und ekstatisch seine Arme gen Nachthimmel, sondern soll dazu unschuldige Real-Wachmänner abgeknutscht haben. Im Oasis-Sound gesagt: Standing on the shoulders of giants...
 
Nachdem Cristiano Ronaldo für Real das Blatt Momente später doch noch zu einem 3:2-Triumph last Minute wenden konnte, war Gallagher really not amused, rastete vielmehr völlig aus  und  musste angeblich gar aus dem Bernabéu getragen werden. Ob er Reals Wachleute ein trotziges „City, till I die“ entgegen krähte? Ist nicht bekannt. Zu dieser Bernabéu-Nacht könnte etwa die für den Schlachtenbummler der Woche wohl einmalige wie fast historische Schlagzeile passen:»Real Madrid schmeißt Liam Gallagher raus!«

Aus welchem Blickwinkel man sie auch immer deuten möchte. Sagen wir einfach, so wie einst bei Real Madrid...   

Mittwoch, 19. September 2012

Remmidemmie rund um Rummenigge

Als Kalle Rummenigge ehedem mit schnellen Beinen und besonderem Torriecher noch über die Rasenrechtecke dieser Fußballwelt dribbelte, da galt er als Weltklassekicker. Eines Abends im Londoner Wembleystadion machte der 1981 noch juvenile Rummenigge einmal richtig Remmidemmie, als der gebürtige Westfale das Fußball-Mutterland in dessen eigenen Wohnzimmer mit zwei Treffern zerlegte.

Daraufhin sollten einige Briten - wie das Barden-Duo Alan & Denise - zu spinnen beginnen und trällerten auf ihn sogar Oden, die »Rummenigge, what a man« heißen und  über den Ärmelkanal hinwegfegten. Dieser wilde Wembleyabend ist bald 30 Jahre her. 

 
 
Kalle Rummenigge selbst hat außer der deutschen Hymne bei Länderspielen nie vernehmbar selbst gesungen und dieses Liedchen erst recht nicht, da er es angeblich gar nicht lustig fand. Apropos Singsang. Bekannt ist nur, dass er auf Jahreshauptversammlungen des FC Bayern ab und zu Gedichte vorträgt. Noch bekannter ist, dass er seinen Rang im Olymp des großen FC Bayern längst gefunden hat. Und so dann und wann lässt er Blitze von diesem Olymp nieder.

So wie neulich, als er einstige Bayern-Granden wie Kahn und Scholl aufs Korn nahm. Ganz  in dem mehr oder minder subtilen Tenor gehalten, man müsse sich entscheiden, ob man dem FC Bayern dienen oder ihn als Experte anpinkeln wollen. Rumms! Und sie sollten sich nicht wie ein gewisser Lothar Matthäus um Kopf und Kragen reden. Einen Rundumschlag bekamen per Stadionzeitung ebenfalls Lothar himself, Thomas Helmer und der zum Kolumnisten avancierte Thomas Berthold ab. Sie hatten Bayerns Martinez-Transfer bekrittelt. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns: Remmidemmie rund um Rummenigge.

Rund um Rummenigge könnte man, augenzwinkernd gesagt, übrigens auch ein eigenes Quiz auflegen. Eine der vielen Fragen könnte lauten: schon gewusst, dass Rummenigge selbst einmal den TV-Experten in ihm mit Leben füllte? Ob sich die älteren Semester wohl noch an Fußballabende entsinnen können, an denen er den ARD-Kommentatoren Heribert Faßbender und Gerd Rubenbauer am Mikrofon sekundierte? Diese fast ausgestorbene Spezies nennt sich „Co-Kommentator“. Jene Spezies dabei steht nicht neben Delling, Beckmann oder sonstwem im Mantel an der Grasnarbe, sondern drückte sich Seite an Seite mit jenen Mikrofon-Ikonen und deren großen Egos in kleine Kabinen.

Ein Beispiel für Rummenigges Redegewandheit gefällig? Es war einst beim 1990er WM-Finale, Andy Brehme hatte gerade seinen (später entscheidenden) Strafstoß kurz vor dem Schlusspfiff gegen Argentinien verwandelt, Rubenbauer jubelte und jubelte. Und Rummenigge? Der dribbelte als staubtrockener Co-Kommentator sachlich um Rubenbauers Siegtorekstase herum, wie der folgende YouTube-Schnipsel ab Minute 2:46 zeigt.
 

„Aber dieser Teufel im argentinischen Tor hatte wieder die Ecke. Er ist ein Elfmeterkiller, muss man direkt sagen,“ so hat sich by the way 1990 Remmiedemmie mit Rummenigge angehört...

Samstag, 15. September 2012

Auf Knopfdruck?

Der HSV und die Bundesliga - eine schier ewige Geschichte. Das scheint ebenso für den HSV und Rafael van der Vaart zu gelten. Der Eindruck entsteht jedenfalls, sofern man die vergangenen Wochen Revue passieren lässt. Rafael van der Vaart ist bekanntlich zurück an der Elbe, auch dank Investor Kühne, der den klammen Rothosen bei dem Transfer seines Wunschspielers mächtig unter die Arme griff. Seither herrscht beim Bundesliga-Dino in Agonie fürwahr Euphorie.

Am ersten Wochenende, nachdem die VdV-Verpflichtung ausgerufen worden war, sollen nicht weniger als 3.000 VdV-Trikots mit seiner 23 über die Ladentheken gegangen sein. Euphorischere Zeitgenossen erkannten in dem Mittelfeldkicker gar den größten HSV-Zugang seit Kevin Keegan, regelrecht ekstatische HSVer preisen van der Vaarts messianische Strahlkraft. Selbst der kicker legte seine Nüchternheit kurz ab und pries Van der Vaart erst Donnerstag als Messias. Und siehe da: als der HSV neulich im Nordderby  Werder Bremen unterlag, thronte der holländische Hoffnungsträger nebst Gattin auf der Tribüne des Weserstadions und schien weitaus öfter im Kamerafokus gewesen zu sein als seinen strauchelnden Gefährten in roten Hosen.

Wie eine Stimme der Vernunft klang da kürzlich Günter Netzer, als der einstige Manager des Bundesliga-Dinos in einer Kolumne mahnte, Van der Vaart sei kein Heilsbringer. Kein vernünftiger Mensch könne glauben, dass ein einziger Spieler auf Knopfdruck eine ganze Mannschaft verändern werde.

Und bei der Gelegenheit. Was ist eigentlich mit jenen Wechseltheatern, für die Van der Vaart den HSV während seines ersten HSV-Gastspiels auf die Bühne zog? Ähnlich interessant wie Netzers Mahnung ist hier auch die andere Hamburger Perspektive. Also, was denkt eigentlich ein St.Pauli-Anhänger über den Transfer? Der LIBERO hat nachgefragt bei Frodo vom FC St. Pauli-Fanzine »Der Übersteiger«, der die Umstände des Transfers kritisch kommentiert:

„Es ist erstaunlich, wie die Vergangenheit verklärt wird. Das Foto mit dem Valencia-Trikot und sein Satz "Wenn ich in Hamburg bleiben müsste, dann hätte ich Schmerzen." wären für mich ausreichende Gründe, ihn nicht mehr für meinen Klub auflaufen sehen zu wollen. Aber vielleicht ist es ja auch gerade deswegen eben nicht "mein" Klub. Auch die vor Wochen noch lautstark geäußerte Abneigung gegenüber Kühne wurde von vielen jetzt schnell wieder über Bord geworfen. Schlußendlich wird der sportliche Erfolg zeigen, ob es die richtige Entscheidung war. Spannend darüber hinaus natürlich noch die Situation, wenn er denn vor Vertragsende wieder wechseln will. Sowohl menschlich/moralisch, wie dann von Seiten des Vereins und der Fans mit ihm umgegangen wird, als auch finanziell, da Kühne da ja weiterhin eingebunden ist.“

Der juvenile van der Vaart hatte es sich zwischen 2005 und 2008 zur Gewohnheit gemacht, gern mit Wechseln zu Klubs in die ganz große Fußball-Welt zu kokettieren und ließ sich bisweilen gar in Trikots seiner Wunschklubs abknipsen. Doch vielleicht ist der AbvanderVaart tatsächlich Schnee von gestern und hat sich bei Real Madrid und Tottenham seine Hörner abgestoßen.

Ungeachtet all dessen, scheint für viele HSVer der „letzte König des HSV“ zurückgekehrt zu sein. Schließlich wirbelte der torgefährliche Holländer anno 2007 schon einmal auf Augenhöhe mit dem großen Uwe Seeler, als Van der Vaart Seelers Torrekord von annodazumal einstellte. VdV traf seinerzeit in den sieben Auftaktpartien seiner bis dato letzten HSV-Saison 2007/2008 jeweils einmal.

Ob er es wieder tut? Vielleicht fängt VdV bereits bei seinem morgigen HSV-Comeback im Gastspiel bei Eintracht Frankfurt damit an. Fürwahr, das könnte wie Baldrian auf den besorgten Uns Uwe wirken und wäre tatsächlich fast wie »auf Knopfdruck«...

Dienstag, 11. September 2012

Vienna calling

Dienstag, 11. September. Wien, Ernst-Happel-Stadion. Österreich versus Deutschland. Bereits früh morgens surrt Falcos Liedchen »Vienna calling« mahnend aus dem Radio.

Mahnend, da fast jedes austro-deutschen Duell einen Hauch von Revival an jenen 3:2-Triumph Österreichs in dem argentinischen Städtchen Cordoba birgt. Oder allenfalls  bei den Österreichern die Hoffnung weckt, dass sich die deutsche „Schmach von Cordoba“ wiederholen könnte. Also, dass die Austria die „Piefkes“ noch einmal in einer Partie von Belang schlägt, Reporter deswegen „narrisch“ werden undsoweiter.

Eigentlich drehen sich derlei aufkommenden „Cordobareien“ um einen Sieg in der argentinischen Pampa, in dem fast nur noch um die „Goldene Ananas“ ging. Austria war vor dem letzten Spiel dieser Zwischenrunde bereits ausgeschieden und die Deutschen einen 5:0-Kantersieg gegen den Nachbarn landen müssen, um doch noch schon verpassten Einzug ins Halbfinale dieser 1978er WM zu erreichen.  „Bananenflankenkönig“ Manni Kaltz war anno 1978 auf dem Rasenrechteck Cordobas zugegen. Fast so messerscharf wie einst seine Flanken gab Kaltz einmal in der WELT zu Protokoll:

„Sie haben ein Spiel gewonnen. Und was hat es ihnen gebracht? Gar nichts! Ich glaube, sie haben das Spiel nie verkraftet.“
Um der Chronistenpflicht genüge zu tun, darf die zentrale Cordoba-Gestalt nicht unerwähnt, deren Name diesem Duell fast schon eine eigene Melodie gibt. Österreichs ewiger Torjäger und damaliger Doppelstorschütze Johann „Hans“ Krankl, der sich dank seiner vielen Tore beim FC Barcelona sogar den Namen Goleador verdiente. Für einige Zeit sollte Krankl gar als Österreichs Bundestrainer wirken. Doch Sehnsüchte nach neuerlichen Cordobas konnte Krankl nicht stillen. Ob mit oder ohne Krankl, heute Abend flammt die erneute Cordoba-Gefahr für die hochfavorisierte deutsche Elf auf.

Doch, was wenn im Fall der kühnsten Fälle sich ausgerechnet ein gewisser Marko Arnautovic zum österreichischen Helden sozusagen als Erbe Krankls aufschwingt? Muss Jogi Löw dann seinen Hut nehmen und Philipp Lahm die Binde abgeben? Arnautovic selbst kündigte bereits die plumpe Pauke schlagend an, "Deutschland weh tun" zu wollen. Der Schlüssel für den Erfolg sei ein Tor von ihm selbst und dass Austria-Keeper Almer keinen Treffer kassiere...  
Jener Krankl gab übrigens auch seinen Ehrensenf dazu ab, sieht den Nachbarn schwächeln und tippte ein cordobaeskes 3:2 Ausrufzeichen. Arnautovic und Krankl. Da frage ich mich glatt, ob dieser Arnautovic, wie weiland jener Hans Krankl es unter dem Pseudonym Johann K. tat, auch einmal Gassenhauer namens »Der Bätmän bin i« trällern würde?


Bei allem Respekt vor dem ewigen Hans Krankl alias Johann K., Falcos »Vienna calling« lässt einen da leidlich weniger „narrisch“ werden …

Freitag, 7. September 2012

Kein Kanonenfutter

Hört man Jogi Löw in diesen Tagen vor dem Duell gegen die Färöer-Inseln so reden, könnte man meinen, sie existiert nicht. Löw spricht einfach davon, dass der  Fußball-Zwerg aus dem hohen Norden für Poldi und Kollegen schlichtweg  „kein Kanonenfutter“ sei. Und, das war es. Doch, sie existiert: eine kleine deutsch- färöische Fußballtradition.

Etwas eigenartig wirkt sie, fast schon eigenwillig. In etwa so, wie auf den wenigen Kunstrasenfeldern auf der Inselgruppe die Elfmeterregel ausgelegt wird. Dort darf ein dritter Spieler in das Elfmetergeschehen  eingreifen und dem Schützen den Ball festhalten. Warum? Wegen des heftigen Windes, der über die Färöer weht. Deutsch- färöische Fußballtradition? Genau. Eventuell stehen Günter Netzer und Gerd Delling für diese Tradition, als Netzer und Delling einmal über färöische Fußballfinessen plauderten.


Vielleicht steht aber auch der Balkan-Schwabe Fredi Bobic, Europameister 1996, für diese kleine Tradition. So taucht Bobic doch auf einer Gedenkbriefmarke der FIFA auf, die ihn im Zweikampf gegen grätschende färöische Verteidiger zeigt. Seinerzeit, als amtierender Vize-Weltmeister zeigte Teamchef Rudi Völler noch den deutschen Kickern wie sie über die Rasenrechtecke streunen sollen. Richtig, es gibt nur einen Rudi Völler. Wer erinnert sich noch, als Völler solche Partien wie gegen die Färöer mit der mystischen Melodie „es gibt keine Kleinen mehr“ untermalte. Und ließ bei diesen Gelegenheiten gerne die sagenumwobene „Brechstange“ aus der kreativen Kiste holen. Lang, lang ist es her.

Jogi Löw als einer von Völlers Nachfolgern wird nachgesagt, jene Brechstange derart tief in die DFB-Asservatenkammer verbannt zu haben, dass sie kaum einer wiederfinden kann. Hoffentlich gelingt es Jogis Löwen heute Abend gegen die Färöer mit schnellen Spielzügen, raffinierten Rochaden und vielen Toren ein Trauma des letzten deutsch-färöischen Duells aufzuheben, welches ich als Augenzeuge vor zehn Jahren im damaligen Niedersachsenstadion in Hannover erlitten habe. Ein Trauma dank flotter wie fleißiger Färöer und einfallslosem Völler'schen Quer- und Rückpassgeschiebe mit gleichzeitigen Brechstangenelementen. 

Protagonist jenes absurden Abends war ein gewisser Michael Ballack. Wie fast alle Zuschauer an diesem nasskalten Herbstabend erwartete ich ein Schützenfest und schmunzelte, als der Torhüter der Färöer den Rasen mit einer Pudelmütze betrat und durch den Nieselregen hüpfte. Momente nach dem Anpfiff bekam ich dann gleich Mitleid mit den Gästen aus dem hohen Norden. Es gab Strafstoß, doch der aufgezogene Jubel als Ouvertüre eines torreichen Abends brandete merkwürdig schnell ab. Michael Ballack schnappte sich den Ball, klemmte ihn sich unter den Arm und marschierte majestätischen Schrittes in Richtung Tor.

Am Elfmeterpunkt angekommen legte er den Ball in für ihn arttypischer Haltung, das heißt mit grimmigem Blicke und breiter Brust, auf den Elferpunkt. Jene furchteinflößende Aura schien selbst auf den Tribünen des alten Niedersachsenstadions spürbar. Britische Gazetten sollten Ballacks außerordentliche physische Präsenz später einmal als „arrogance“ bewundern. Den Strafstoß versenkte Ballack humorlos im Stile Johan Neeskens in der Mitte des Tores. Der pudelmützige Keeper der Färöer war kurz zuvor ehrfürchtig in die andere Torecke gehechtet. So, als habe er Ballack eine Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrücken sehen. Michael Ballack schien in diesem Moment auf der Höhe seiner Zeit. …

Wider den allgemeine Erwartungen, erstarrten die Fußballer von den Färöer-Inseln danach weder in Ehrfurcht noch ergaben sie sich gegen die Herren Vize-Weltmeister in ihr Schicksal. Vielmehr schien die pomadige Völler-Elf schon Mitte der 2. Hälfte regelrecht am Ende, aufgeweicht vom Regen und der Kampfkraft der wackeren und weithin unterschätzten Gäste. Es hatte den Anschein, als hätten sie noch nie von der einstigen färöischen Sensation gegen Österreich im schwedischen Landskrona gehört.


Dies alles gipfelte in einer Schlussphase mit gnadenlosen Pfiffen bei jedem deutschen Ballkontakt und Szenenapplaus für feinste färöische Flachpässe, über fünf Meter versteht sich. Nachdem sich Völlers Elf nach einem Arne Friedrich-Eigentor und einem Kopfballtreffer Miro Kloses zu einer knappen 2:1-Führung gequält hatte, lief kurz vor dem Abpfiff plötzlich ein kleiner blonder färöischer Angreifer allein auf Olli Kahn zu und zielte auf Kahns Kasten. Im Niedersachsenstadion herrschte einen Moment lang kollektiver Schochzustand. Landskrona in Hannover? Diese atemlose Schrecksekunde war erst beendet, als der Ball an den Innenpfosten klatschte...

Die färöischen Fans jubelten und wedelten euphorisch mit ihren  Fahnen. Während der „Titan“ vor Entsetzen fast „kahnsinnig“ wurde, war Ballack völlig untergetaucht. Das tat ich ihm gleich und flüchtete in Richtung Parkplatz. Dort erzählte man sich später, wie die Völler-Elf das 2:1 gerade so über die Zeit gerettet hatte und wie bei der färöischen Ehrenrunde jener Pudelmützenkeeper fahnenschwenkend durch die Gegend gehüpft war. Die Wikinger seien kein Kanonenfutter gewesen, hieß es dann zwischen hupenden Autos. Jogi Löws warnendes Sätzchen kommt mir daher merkwürdig bekannt vor. So, als wenn er damals auch im Stadion gewesen wäre...

Dienstag, 4. September 2012

„Schwarze Tulpe“ im Schwarzen Loch

Was macht eigentlich, Ruud Gullit? Genau gesagt ist er seit Kurzem 50 Jahre alt und damit so jung wie Rolling Stones oder bald die Bundesliga. Während der Euro 2012 in Polen und der Ukraine war der einstige niederländische Superstar, immerhin 1987 Europas Fußballer des Jahres, fast jeden Tag zu sehen. Denn Gullit tauchte im UEFA-Vorspann und in sämtlichen TV-Parforceritten durch die Geschichte der Euro auf, wie er anno 1988 als Kapitän der Niederlande dem Coupe Henri Delaunay lächelnd in die Höhe hob.

Ein solch bahnbrechender internationaler Triumph war selbst Johan Cruyff mit der Elftal nicht gelungen. Zuvor hatte Gullit im  88er Euro-Finale gegen die UDSSR den wegweisenden niederländischen Führungstreffer geköpft. Der geniale Gullit, der wegen seiner wallenden Rastamähne „schwarze Tulpe“ gerufen ward, sprang mit dem AC Mailand von einem Titel zum anderen und verfügte damals über eine ähnlich hohe Strahlkraft, wie sie wohl nur Hollands Fußball-Heiliger Cruyff hatte.



Nun, Jahrzehnte später hat es den Anschein, als sei die „schwarze Tulpe“ im Schwarzen Loch gelandet. Nach anfänglichen Erfolgen als Spielertrainer des FC Chelsea in der Prä-Abramowitsch-Zeitrechnung, Stippvisiten als niederländischer Juniorennationaltrainer, als Coach bei Traditionsklubs wie Feyenoord und Newcastle United oder beim Beckham-Klub Los Angeles Galaxy, verirrte sich Gullit nach Tschetschenien. Hatte Gullit in den 80ern noch Songs gegen Rassismus veröffentlicht und seine Tore dem damals inhaftierten Nelson Mandela gewidmet, ließ Gullit sich sein Engagement beim Klübchen Terek Grosny mit vielen Millionen Rubeln fürstlich entlohnen.

Klubchef war dort seinerzeit der tschetschenische Diktator Ramsan Kadyrow, dem Gullit sozusagen als Vasall an der Seitenlinie diente. Gullits Grosny-Gastspiel endete jäh und jämmerlich. Nachdem Gullit erfolglos blieb, attestierte Kadyrow ihm, mehr Zeit in Discos als auf dem Trainingsplatz zu verbringen. Dann suspendierte er Gullit verbunden mit dem demütigenden Angebot, aber bei Terek Grosny zumindest Jugendcoach bleiben zu können.
Heute wirkt Gullit vor allem als TV-Experte und kommentiert unter anderem die niederländischen Länderspiele. Den nach der Euro vakanten Bondscoach-Posten hatte sich Gullit, wen wundert es, selbst öffentlich durchaus zugetraut, spielte aber bei der Postenvergabe keine Rolle. Bondscoach wurde dann ein gewisser Louis van Gaal, dem Gullit dann via Twitter viel Glück und Erfolg wünschen sollte. 

Man darf gespannt sein, ob sich der „Tulpen-General“ van Gaal wohlgesonnen an jene Glückwünsche erinnern wird, falls die „schwarze Tulpe“ einmal kritisch dürftige Darbietungen seiner Erben in der Elftal kommentieren sollte?

Sonntag, 2. September 2012

Mitten ins Herz

Die 50. Bundesligasaison geht weiter. Die Themenwoche „50 Jahre Bundesliga - Typen, Titel und bloß nicht wie Tasmania“ endet heute. Im letzten Beitrag der Themenwoche erinnert sich DER LIBERO-Blogger Björn Hoeftmann an das allererste Bundesligator Timo Konietzkas, an unvergessliche Geniestreiche Bernd Schusters und wie es sich anfühlt, für einen Moment lang Fan von Bayer Leverkusen zu werden. Jubeln, Aufspringen und laut Mitgrölen inklusive...

Die gute, alte Bundesliga startete kürzlich in ihre 50. Saison. Anpfiff ihrer historischen Eröffnungsspielzeit war hingegen am 24. August 1963. Schnell  machte sich Borussia Dortmunds Stürmer mit dem Bürstenschnitt Friedhelm Konietzka unsterblich, indem er um Punkt 17 Uhr eine Flanke von Lothar Emmerich unprätentiös über Werder Bremens Torlinie drückte. Das Premierentor der Bundesliga fiel nach nicht einmal 35 Sekunden. Dabei umweht Konietzkas „Geburtsschrei der Bundesliga“ (NDR) damals wie heute eine bedauerliche Tragik.

Wird heute jeder 08/15-Abstauber von Mario Gomez in zigfacher Wiederholung seziert, blieb es an jenem 24. August 1963 einzig jener Kulisse vom 32.000 Zuschauern im Weserstadion vorbehalten, Konietzkas Abstauber in Augenschein zu nehmen. Denn es existieren schlichtweg keine Film- oder Bildaufnahmen seines „unvergänglichen Schnellschusses“ (11 Freunde). Bevor dieser eigenwillige Timo Konietzka im März 2012 von uns ging, hat er einmal gesagt, einziges Erinnerungsstück sei ihm stets der Schuh gewesen, mit dem er jenes Tor erzielt hatte. Jenen Schuh hatte Konietzka sich später vergolden lassen und auf ein Regal in seinem Haus platziert.
Einen Sportschauschauer der 1. Stunde habe ich einmal sagen hören, dass Bernd Schuster sich in seiner Verschrobenheit  nicht großartig von diesem Konietzka unterschieden haben soll. Gewiss, Schuster wirkte in einer anderen Zeit und dabei stets etwas kapriziös.

Nachdem der „Blonde Engel“  Anfang der 90er Jahre seinem spanischen Exil ‹adios› gesagt hatte, lotste Bayer-Manager Calli Calmund Schuster nach Leverkusen. Schuster sollte nach klangvollen Stationen bei Barca, Real und Atletico Madrid unter dem Bayer-Kreuz für etwas mehr Glanz und Gloria sorgen. Denn das nach heutigen Maßstäben hoffenheimeske Image eines Platistikklubs zehrte seinerzeit noch gewaltig an Bayer 04 Leverkusen. Die spätere allseits gefühlte „Menschwerdung“ der Werkself nach der dramatischen Vize-Saison 2001/2002 war noch nicht am Horizont erkennbar und Manager Calmund für jeden schillernden Silberstreif dankbar.  



Lässt man Schusters dreijährige Spielzeit im Dress der Werkself Revue passieren, prägte er als genialer Regisseur anders als mancherorts erwartet keine Epoche eines eleganten Bayer-Spiels, in der die erhoffte Leichtigkeit des Schuster’schen Seins von der Meisterschale geschmückt worden wäre. Gute zwei Dekaden später, bleiben unterm Strich aber immerhin zwei Glanzlichter in Erinnerung, die der schrullige Schuster sagen wir einmal, „hinterlassen“ hat. Anders als Konietzkas ungesehener Abstauber erhielten jene zwei brillanten Treffer Schusters die mediale Aufmerksamkeit, die ihnen gebührte.

Das hat dazu geführt, dass falls irgendwie, irgendwo und irgendwann über schönste Bundesligatreffer gefachsimpelt wird, mir des „Blonden Engels“ Geniestreiche sofort einfallen. Geniestreiche Numero eins ereignete sich kurz nach der WM 1994 gegen Eintracht Frankfurt, als Schuster den weit vor seinem Gehäuse stehenden Uli Stein per Heber von der Mittellinie überwand - es wurde später zum Tor des Jahres 1994 und gar zum Tor des Jahrzehnts gekürt. Noch heute habe ich habe übrigens  von der „alten Tante“ Sportschau, geschweige denn von Heribert Faßbender, keine Antwort auf meine beiden Postkarten erhalten, die für Schuster votierten…
Eines vorweg: zu Schusters Geniestreich Numero zwo weise ich eine stärkere emotionale Bindung auf. Es muss etwa im Frühling 94 gewesen sein, als der Karlsruher SC vor meinen Augen im Haberland-Stadion in Leverkusen gastierte. Und dieser KSC surfte damals fast eine Saison lang auf der Welle seines epochalen 7:0-Triumphes im UEFA-Pokal über den FC Valencia. Angetrieben in nie mehr erreichte Höhen wurde der KSC von dem wilden Winnie Schäfer, der um sich herum eine Truppe toller Typen getummelt hatte. Die da wären: Keeper Oliver Kahn, Stopper Jens Nowotny, der bärbeißige Ballschlepper Wolfgang Rolff, die Ballverteiler Rainer Schütterle und Manni Bender, der russische Dribbler Sergei Kirjakow oder der buchstäblich kampfstarke Rainer Krieg. Und nicht zuletzt Torjäger Edgar Schmitt, der sich dank seiner vier Treffer beim erwähnten  7:0-Kantersieg irgendwann den Schriftzug „Euro-Eddy“ auf seinen Grabstein gravieren lassen darf.

Der Nachhall der Namen jener KSC-Helden dürfte ältere KSC-Schalträger wohl noch immer wehmütig werden lassen. Damals auf den Tribünen des Haberland-Stadions hatte man aber eher anderes im Sinn. Tatsächlich machte dort der feine KSC-Kalauer die Runde, wonach man annahm, dass der wilde Winnie seinen nicht minder stürmischen Stieren Kahn und Schmitt sicher vor sämtlichen Partien dieser Saison Blut zu trinken gegeben habe, da das Duo nicht seinen gefürchteten Tunnelblick verlöre. Ja, und den letzten Rest aus der Amphore, so die Annahme, würde sich der wilde Winnie selbst kredenzen…
Von solch blutigem badischen Brimborium ließen sich Schuster & Co. aber kaum beeindrucken. Vielmehr errangen Schuster und Kollegen in der rassigen Partie bis wenige Momente vor Schluss eine knappe 2:1-Führung,  bis Schuster zu seinem erwähnten zweiten Geniestreich ansetzte. Bayers Brasilianer Paulo Sergio kam von der linken Außenlinie zum Flanken und erreichte jenen Schuster. Der stand am rechten Strafraumeck gut elf Meter vor Kahns Kasten und katapultierte Sergios Flanke volley per Vollspann ins KSC-Netz. Kahn war völlig chancenlos, sein Kasten schien noch Momente darauf zu wackeln. Es entstand gar der Eindruck, als habe Kahn sich aufgrund der archaischen Gewalt des Schuster’schen Schusses kurz weggeduckt.  

Danach vibrierte das Haberland-Stadion für seine bescheidenen Verhältnisse regelrecht, von allen Seiten brandete ekstatischer Jubel auf. Ich selbst bemerkte schlagartig, wie ich gemeinsam mit den Bayer-Fans aufgesprungen war und euphorisch mitgejubelte. Was war passiert? Eigentlich bin und war ich doch Werder-Daumendrücker. Geht das überhaupt? Urplötzlich Fan von Bayer Leverkusen zu werden? Heute: beinahe zwanzig Jahre später, weiß  ich es besser. Die Erklärung ist simpel. Schusters brillanter Volleyschuss  traf mich genau wie die meisten der 25.000 Zuschauer: und zwar mitten ins Herz. Ich hatte in dieser aufgeladenen Schlussphase einfach einen dieser pulsierenden Momente miterlebt, für die man Fußball schaut und ins Stadion geht.  
Mitten ins Herz! Es dürfte fast vergeblich sein, zu erwähnen, dass sich jene treffende Wirkung selbst bei den kampfstarken KSC-Kickern zeigte. Nur halt, auf der anderen Seite der Medaille. Allen voran Kahn, Schmitt und der wilde Winnie Schäfer senkten ihre Köpfe, brüllten umher und sehnten den Abpfiff förmlich herbei. Kurzum: sie wirkten blutleer. Von dem feinen KSC-Kalauer, der anfangs auf den Tribünen des Haberland-Stadion die Runde gemacht hatte, war da längst keine Rede mehr… 
 

Samstag, 1. September 2012

»Siehste Rudi, der Fußballgott ist und bleibt ein Bayern-Kunde«

Interview bei der Themenwoche „50 Jahre Bundesliga“. Ben Redelings ist Deutschlands erfolgreichster Fußball-Komiker, Bestseller-Autor, Filmemacher und »der ungekrönte Meister im Aufspüren kurioser Fußballgeschichten« (»Deutsche Akademie für Fußballkultur«). Regelmäßig schreibt er für das Magazin »11FREUNDE«, »Reviersport« und »Spiegel Online«. Nach Meinung der »Jungen Welt« tut er dies sogar »um Längen besser als Nick Hornby« (Quelle: scudetto.de). Im Interview mit dem LIBERO blickt Redelings heute auf bald 50 Jahre Bundesliga zurück und erinnert sich dabei an gebrannte Mandeln, an seine erste Bundesligapartie und verrät außerdem seine ewigen Bundesligahelden…
 
Foto: Sascha Kreklau

Hallo Ben Redelings! Die Bundesliga geht in ihre 50. Saison. Ben, was fällt Dir als erstes zur „Mutter aller deutschen Ligen“ ein?

Gebrannte Nüsse mit dem grünen Verschluss zu 1 DM und gebrannte Mandeln zu 2 DM mit dem roten Klebe-Ring um die Plastikverpackung. Nach Siegen unseres VfL im Ruhrstadion gab es für meine Mutter von meinem Bruder und mir immer die Mandeln. Meist mussten wir auf dem Heimweg aber nur eine Mark investieren. Das fällt mir tatsächlich immer als Erstes ein, wenn ich an die große, bunte Bundesliga denke. Ein starkes Gefühl von Heimat verbinde ich damit!

Erinnerst Du Dich noch an Dein erstes Spiel, bei dem Du im Stadion warst? Ich schätze, einer der beiden Kontrahenten wird sicher Dein Lieblingsklub VfL Bochum gewesen sein.

Ich kann mich sehr bewusst an die Partie VfL Bochum gegen den 1. FC Kaiserslautern (4:1) am 29.10.1983 erinnern, weil ich da meinem Hintermann immer auf die Füße gestiegen bin. Von einem Wellenbrecher abstoßend wollte ich mich eine Reihe höher stellen. Der alte Herr hat sehr mit mir geschimpft, weil er neue Schuhe anhatte und den Anpfiff von seiner Frau wegen der nun verdreckten Treter zu Hause schon erahnte. Meine eigene Eintrittskartensammlung beginnt weit früher – aber da fehlen häufig die konkreten Erinnerungen zu den Spielen.

Du hast kürzlich das Buch „ 50 Jahre Bundesliga – Das Jubiläumsalbum“ veröffentlicht.  Sag mal, welche ist für Dich die schönste Anekdote aus bald einem halben Jahrhundert Bundesliga?

Es gibt wohl nicht den einen ultimativen Moment in 50 Jahren Bundesliga. Wenn es ihn gäbe, ich würde mir eine Zeitreisemaschine bauen und zu diesem einen unsterblichen Augenblick zurück reisen. Und wenn ich das Ding erst einmal hätte, würde ich mir sofort eines der zahlreichen Eigentore des Kaisers live anschauen, den zusammen gebrochenen Pfosten in Gladbach wieder zusammen flicken, beim Mittagessen vor der legendären 32-Minuten-Halbzeit mit Wolf-Dieter Ahlenfelder anstoßen und Rudi Assauer in den Sekunden nach Schalkes 4-Minuten-Meisterschaft ins Ohr flüstern: »Siehste Rudi, der Fußballgott ist  und bleibt ein Bayern-Kunde«! Ach, wie wär das herrlich!      

…hast eigentlich Du einen ewigen Bundesliga-Helden? Wenn ja, wer ist es und aus welchem Grund?

Aus der eigenen Erinnerung heraus sind es natürlich meine Bochumer Jungs auf dem Rasen des Ruhrstadions. Von Siegfried Bönighausen über Katze Zumdick bis zu Dariusz Wosz. Bei uns im Stadion habe ich mich damals auch in den gealterten Entertainer Wolfgang »Otto« Kleff verliebt. Ich glaube zu der damaligen Zeit, habe ich erstmals das Spiel auch als Unterhaltung empfunden – und nicht nur als Sorgenveranstaltung um meinen sympathischen Lieblingsklub.
 
Nun zur finalen fünften Frage: Als Edelfan des VfL Bochum musst Du leidensfähig sein. Was erwartest Du von Deinem VfL in den nächsten 50 Jahren Bundesliga?

Edelfan ist und bleibt fies! Aber zur Frage: Eine unbeschwerte Saison voller Freude und schöner Momente mit einem glorreichen Ende – egal wie und wo und wann – erhoffe ich mir in den nächsten 50 Jahren. Ansonsten würde ich mich schon damit begnügen, einen Klub zu haben, den ich voller Stolz meinen Freunden und Bekannten immer wieder aufs Neue empfehlen kann.
 
Vielen Dank für das Interview!




Die 50. Bundesligasaison geht weiter. Die Themenwoche „50 Jahre Bundesliga - Typen, Titel und bloß nicht wie Tasmania“ endet hingegen am morgigen Sonntag.

Im letzten Beitrag erinnert sich DER LIBERO selbst an die Tragik des historischen ersten Bundesligatreffers von Timo Koniezka, an Geniestreiche des »Blonden Engels« Bernd Schuster und wie er für einen Moment lang Fan von Bayer Leverkusen wurde. Jubeln, Aufspringen und laut Mitgrölen inklusive...