Samstag, 3. August 2013

»Wir sind eine Leidensgemeinschaft!«

Der 1. FC Saarbrücken,  bei dem einst Felix Magath und Andy Brehme die Stiefel schnürten, kickt derzeit in der 3. Liga. In der 1. DFB-Pokalrunde trifft das Gründungsmitglied der Bundesliga auf Werder Bremen. Die treuen Fans des FCS hoffen, wie schon im Sommer 2012, auf einen neuerlichen Pokalcoup im altehrwürdigen Ludwigsparkstadion.

Fans wie FCS-Blogger Carsten Pilger, der als eine Art  »Fußball-Kulturbeauftragter« seines Lieblingsklubs längst erstklassig ist und sich anlässlich des Pokalduells in der Rubrik »Der Libero fragt nach…« im Interview die Ehre gibt. Carsten spricht über die vorübergehende Pause seines FCS-Blogs, den FCS an sich, das ungleiche Pokalduell, die medienwirksame Göttinger Fan-Initiative »Glotze aus, Stadion!« und nicht zuletzt über seinen »ersten Helden« Karsten Hutwelker.

Hallo Carsten Pilger! »Wieder mal Geschichten, Erlebnisse und Kommentare zum FCS«. Was macht eigentlich das FCSBlog2.0?

Hallo Libero! Das Blog hat vor etwas mehr als einem Jahr die Arbeit wieder aufgenommen. Ich hatte selbst irgendwie beim Abschied im September 2009 vermutet, dass es vielleicht irgendwann wieder was ähnliches geben würde, aber mit jedem Jahr mehr eigentlich weniger daran geglaubt. Aber nach einem Jahr im Ausland und völliger FCS-Abstinenz war da auf einmal im Ausland wieder diese Stimme, die mir zurief, es sollte wieder ein Blog geben. Die Leser dürfen sich das wie bei Zinedine Zidanes Comeback in der Nationalelf vorstellen. Dort war es aber am Ende nur der Bruder, der was im Schlaf zuflüsterte. Angeblich!

Der FCS mischt nach zwischenzeitlicher Fünftklassigkeit seit 2010 in der 3. Liga mit. Zum Saisonende gewann der FCS zwar zum dritten Mal in Folge den Saarlandpokal, rangierte aber als Elfter nur im Niemandsland der Tabelle. Woran lag es?

Im Verbandspokal hat sich die Einstellung des Vereins gebessert. Die Spieler wissen, dass der DFB-Pokal wichtige Gelder bringt, also ist die notwendige Ernsthaftigkeit da. In der Liga lag meiner Meinung nach der Hase zum einen darin begraben, dass im ersten Jahr von Jürgen Luginger ohne Sportdirektor schon vor Beginn strategische Fehler gemacht wurden. Im Sturm verließ sich Luginger auf Marcel Ziemer als einzige Spitze – und der fiel zu Saisonbeginn gleich aus. Luginger hat generell immer mal wieder länger gebraucht, um die passende taktische Variante für sein Material zu finden. Deswegen gab es Anfang des Jahres auch vielfach Abstiegsängste. Ich muss ihm lassen, dass er aber immerhin irgendwann den Schalter umgelegt hat.

Der Saarbrücker Kader verzeichnete viele Abgänge, nach zunächst schleppender Spielersuche wurden zuletzt fast täglich Neuzugänge vermeldet. FCS-Präsident Paul Borgard kommentierte einige Transfers im kicker gar damit, »auch mal harte Hunde im Team haben zu wollen«. Welche Saarbrücker Kicker machen besonders Mut? Was ist für den neuformierten FCS in der neuen Saison drin?

Ich überspring mal die Frage, ob eher weiche oder harte Hunde wünschenswert sind. Mut machen weniger einzelne Kicker, als dass einerseits der Kader in der Breite verstärkt wird und vor allem im Sturm nun genügend Alternativen vorhanden sind. Das war meiner Meinung nach der Schwachpunkt der Vorsaison. Mit Thomas Rathgeber gibt es nun einen erfahreren Stürmer mehr. Und Maurice Deville ist allein schon aufgrund des jungen Alters und seiner Leistungsbilanz in der Regionalliga ein sehr interessanter Angreifer. Außerdem braucht es mehr Luxemburger im deutschen Fußball!

Zu großen Vorhersagen will ich mich nicht hinreißen lassen. Wenn dann mir eigentlich stets vernünftig erscheinende Zeitgenossen sagen »Mit dem Kader spielen wir um den Aufstieg mit!«, löst das bei mir eher allergische Reaktionen aus. Solche Aussagen vor Saisonbeginn taten dem FCS nie gut.

Am Sonntag gastiert in der 1. DFB Pokal-Runde mit Werder Bremen erneut ein Bundesligist im Ludwigspark. Wie stark schätzt Du Werder, auch in Anbetracht des Trainerwechsels von Thomas Schaaf zu Robin Dutt, ein?

Ich würde mir persönlich wünschen, dass Dutt vielleicht mal dem Ex-Saarbrücker Johannes Wurtz die Chance in der Bundesliga gibt. Vor Saisonbeginn hat er bereits den Profivertrag bekommen, vielleicht sehen wir ihn ja öfter!Sonst ist die Vorhersage eher schwierig. Nach Ende der Ära Rehhagel hatte Bremen mit dessen Nachfolgern auch erst einmal Pech. Dutt wird es definitiv nicht leicht haben, andererseits könnte ich mir vorstellen, dass Bremen auch weiter ein eher ruhiges Pflaster in der Bundesliga bleibt und er zunächst viel Kredit bei Fans und Verantwortlichen bekommt.

Was meinst Du, erlebt Werder wie in den beiden Sommern zuvor, dass der Pokal im Ludwigspark wieder einmal seine oft beschworenen »eigenen Gesetze« zeigt? Dein Tipp?

Bremen war ja in den vergangenen Jahren oft für dicke Blamagen gut. Wünschenswert wäre das aus meiner Sicht schon, da ich voraussichtlich die erste Pokalrunde verpassen werde und bei einem weiteren Spiel schon gerne im Ludwigspark noch einen Bundesligisten hätte. Der Trainerwechsel wird die Werderaner aber wohl zusätzlich anspornen.
 
 
Ich bin mal gespannt, wie viele Zuschauer den FCS im Ludwigspark anfeuern werden. Apropos anfeuern: Was hältst Du eigentlich von der kürzlich ins Leben gerufenen Initiative »GLOTZE AUS, STADION AN«? Bisher haben sich dieser viele zumeist viert- oder fünftklassige Traditionsklubs wie der VfB Oldenburg, Altona 93 oder Victoria Hamburg angeschlossen.

Drittligisten werden da wohl nicht reingehen, da sie befürchten, dass es als »Alleingang« bewertet wird, der ihnen bei Verhandlungen mit dem DFB und den Sendern um mehr Fernsehgelder Nachteile bringt. Deswegen wundert mich die eher kleine Liste von Regionalligisten oder Oberligisten nicht. Fördernswert ist das schon. Was mir inhaltlich bei der Kampagne fehlt, sind die Argumente. Ich lese dieses »Support your local club!«, aber objektiv betrachtet ist das für sich noch kein Argument. Höchstens bei uns Fußballromantikern. Der durchschnittliche Fußballfan ist nun mal - bedingt durch gesellschaftlichen Wandel - der Typ, der das Skyabo der Dauerkarte vorzieht und seinen einzigen Stadionbesuch im Jahr wie einen Pauschalurlaub durchplant. Dort liegen die potenziellen Stadiongänger - aber allein mit eher bittenden Parolen kommen die nicht.

Finale Frage: Der FCS feiert in diesem Jahr seinen 110. Geburtstag. Was ist für Dich das Besondere, das Anziehende, am FCS? Wer ist Dein ewiger Held?

Mein »erster Held« war Karsten Hutwelker, der Wandervogel und begnadete Allrounder. Wirkliche »Helden« brauche ich eigentlich nicht, mit meinen Freunden suche ich öfters mal zu Saisonbeginn einen Lieblingsspieler für die kommende Spielzeit – der nicht unbedingt der beste Torjäger sein muss! Da hatten wir schon einigen Spaß, mit Greg Strohmann, den wir gegen alle Widerstände immer wieder anfeuerten.

Aber eigentlich bleibt das Anziehende am FCS, dass es fast keine Helden gibt und so vieles doch nicht so rund läuft. Dieter Ferner ist sicher ein Held, aber auch das hat ihm weder gegen den DFB, noch gegen Kräfte im Präsidium geholfen. Wir sind eine Leidensgemeinschaft, aber gewiss eine, in der es immer mal wieder Hoffnung auf Besserung gibt.

»Der Libero« bedankt sich für das Interview.

Carstens FCS-Blog 2.0  ist laut Selbstbeschreibung »ein unabhängiges, kritisches, aber nicht vollends spaßbefreites Fan-Blog, das sich mit dem 1. FC Saarbrücken und dem Fußball im Allgemeinen beschäftigt« und wurde im Herbst 2012 von dem Magazin 11Freunde zum Blog des Monats ernannt. Daneben bereichtert Carsten Pilger die saarländische Fußball-Kultur mit dem lobenswerten FCS-Fanzine „Der Leuchtturm“ und war an der in diesen Blogwänden veranstalteten Themenwoche "50 Jahre Bundesliga - Titel, Tränen und bloß nicht wie Tasmania" beteiligt.

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