Samstag, 5. Mai 2012

Eine Ode auf Carlos Alberto

In den letzten Tagen dieser Saison 2011/12 besteht die größte Freude als Werder-Daumendrücker darin, dass diese 49. Spielzeit einfach nur vorbei ist, die Abschlusstabelle in die Almanache gedruckt wird und gut. Da werden selbst eiserne HSVer zustimmen.
Es gilt, schnell dieses Inferno von Werders schlechtester Rückrunde ever zu vergessen. Das einst leuchtende Grün im Werder-Wappen scheint allmählich zu einem tristen Grau verblasst. Das alles fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem 1992er Europapokalsieg, bei dem Klaus Allofs im Finale von Lissabon Torschütze war und Thomas Schaaf  den Stürmern des AS Monaco den Ball abhechelte.

Flankiert wird der Stillstand im Mittelmaß von dem Exodus langjähriger, teurer Werder-Stars. Ja, wo gehen sie denn nur alle hin? Özil zaubert  seit zwei Jahren für Real, Frings kickt seit einem Jahr noch ein bißchen in Kanada, Merte ein bißchen mehr für Arsenal. Nun werden Borowski, Rosenberg, Silvestre oder auch Marin folgen. Und Tim Wiese? Real Madrid? Nicht ganz so „königlich“, Hoffenheim. Vergessen wir nicht Pizarro und Naldo, die  längst ungeduldig mit den Hufen scharren.
Marko Marin angelte sich bekanntlich Chelsea, der Champions League-Finalist und Barca-Besieger. Wer zunächst an einen verspäteten Aprilscherz glaubte, wird sich bei Marins kolportierter Ablösesumme vermutlich wie Klaus Allofs die Hände gerieben haben. Stolze acht Millionen Euro sollen die „Blues“ für Marin springen lassen. Offenbar hält Chelsea-Coach Di Matteo Marin tatsächlich für den „German Messi“. Spinnen die Briten etwa?
Chelsea hat sich doch nicht etwa davon blenden lassen, dass Marins Nachname ebenso fünf Buchstaben lang ist wie Messis oder Marin bei Werder die Messi-Trikotnummer zehn trug. Oder haben Chelseas Scouts etwa zu oft Marins Werbespot für einen Klebehersteller angeschaut? Spätestens seitdem dürften sie wissen, dass nur Pattex stärker an Marins Fuß klebt als alle Bälle aus der weiten Welt des Fußballs. Welch groteske Zeit, „the German Messi played in Bremen“ und keiner hat‘s bemerkt…
Als Werder-Daumendrücker erhält man derzeit oft hämische Hinweise, wonach Werders Zukunft nun auf klangvolle Kickern wie Trybull, Hartherz oder Füllkrug beschränkt sein wird. Sportschau-Onkel und Werder-Edelfan Reinhold Beckmann wähnte sich kürzlich beim Doppelpass-Besuch daher schon in Tolkiens „Mittelerde“. Moderator „Wonti“ Wontorra,  übrigens nebenbei kritischer Werder-Kolumnist, grinste dazu nur staatsmännisch. Ja, die fetten Jahre an der Weser sind definitiv vorbei.
Der Beckmann hat gut reden. Denn, jetzt singt er auch noch. Hiermit ist kein Ansage-Sing-Sang in der Sportschau gemeint. Auch nicht, wie er weiland als Kommentator des 2006er WM-Endspiels erkannte, dass der fröhliche Tony Christie-Schlager „The way to Amarillo“ aus den Stadionboxen plärrte, während Franzosen und Italienern vor dem Elfmeterschießen gewaltig die Knie zitterten. Nein, Beckmann hat seine musische Seite entdeckt und ist zu einer Art Chansonnier avanciert.
Neulich gab er mit seiner Combo Band im Hamburger NDR-Funkhaus ein Live-Konzert. Das Publikum wusste zuvor nicht, dass Beckmann ihnen gleich etwas in die Ohren summen wird. Und: Hört! Hört! Offenbar ist Beckmanns Gästen nicht einmal hören und sehen vergangen. Für den Einspieler „Bremen“ mit dem Refrain Einmal mir dir nachts durch Bremen sollen Beckmann & Band fürwahr Standing Ovations geerntet haben.

Ob Klaus Allofs und Thomas Schaaf ebenfalls mitgeklatscht hätten? Fraglich. Schließlich hätte man Beckmanns Liedchen, mit einem Augenzwinkern gesagt, auch vielleicht als Ode auf Carlos Alberto verstehen können.

Carlos Alberto, jene nachtschwärmerische und ziemlich teure Galionsfigur der jüngeren Bremer Einkaufspolitik, dessen Namen sich Allofs und Schaaf in jeder Transferperiode aufs Brot schmieren lassen dürfen.Eine Ode auf diesen Ballkünstler do Brazil, damit hat in diesen grauen Werder-Zeiten nun wirklich niemand rechnen können…

Kommentare:

  1. Hmmm, wer weiß, vielleicht wird Marin bei Chelsea noch zu Messi. Anscheinend weiß Di Matteo mehr als wir erahnen können...

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  2. Oder verfügt über ein überaus gutes Fernrohr...

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