Dienstag, 28. August 2012

Hinz und Kunz und Lothar Woelk

Themenwoche „50 Jahre Bundesliga“, Teil 4. Blogger Heinz Kamke widmet sich in seinem Beitrag eher nachrangig seinem“ VfB Stuttgart. Eine größere Rolle spielt die intensivste Zeit seiner Beziehung zur Bundesliga, moralische Zeigefingererhebungen in kicker-Sonderheften gegenüber Geschäftsleuten in kurzen Hosen“ und warum einst Reiner Wirsching für ihn so etwas wie die letzte Hoffnung war.


Im Sommer 1983 veröffentlichte der Kicker ein Sonderheft mit dem Titel "20 Jahre Bundesliga". Was für mich als Spätgeborenen einerseits ein hilfreiches Kompendium sein sollte und auch war, führte mich andererseits erstmals auch etwas tiefer in die Schattenseiten des Profifußballs ein. So hatte ich den Begriff "Bundesligaskandal" bis dahin zwar immer wieder gehört und wusste im Wesentlichen, dass Schalke und ein Mann namens Canellas damit zu tun gehabt hatten; tiefer reichte weder meine Kenntnis noch mein Wissensdurst. Die Vergangenheit, noch dazu die dunkle, hatte mich als Steppke nicht allzu sehr interessiert – genauso wenig wie 1978 jene dunkle Gegenwart, die bei meiner ersten WM als Sechsjähriger “Militärjunta” gelautet hatte.

Mit Blick auf die Bundesliga kam Kicker-Chefredakteur Heimann vordergründig zu dem Schluss, sie habe sich in ihren 20 Jahren "trotz Turbulenzen und Problemen" bewährt. Liest man indes den einen oder anderen Absatz seines Leitartikels, darf man sich durchaus fragen – zumindest nehme ich mir die Freiheit –, wie es dazu kommen konnte, dass diese Liga noch immer besteht und gar nicht so wenige Menschen in ihren Bann zieht:

"Heute sind die 90 Minuten Spiel am Samstag nur noch Nachhall eines wahren journalistischen "Trommelfeuers" der vorangegangenen sechs Tage. Daß "auch noch" Fußball gespielt wurde, ist für viele lediglich noch der statistischen Vollständigkeit halber erwähnenswert. [...]

[...] Die Kluft zwischen denen, die mit dem Fußball und durch ihn in kurzer Zeit zu Großverdienern werden und jenen, die als Zuschauer in erster Linie dieses Geld aufbringen, wird immer größer. Der Fußball gerät in Gefahr, seine Anziehungskraft als Volkssport zu verlieren."
Und natürlich hatte man auch den passenden Ratschlag zur Hand:

"Nicht zur Schickeria darf es den Fußball drängen, sondern wieder mehr hin zu den Millionen Menschen, die mit Freuden sofort zurück in die Stadien strömen, wenn sie dort erleben können, was sie suchen: Spaß am Fußball als Spiel, Aufregung, Unterhaltung, Spannung, Abwechslung – eben Freude."
Spiel, Spaß, Spannung, Freude – da bin ich schon ein wenig hin- und hergerissen zwischen dem Impuls, dem geschätzten Herrn Heimann ungeachtet seiner arg getragenen Formulierung ein zustimmendes "Gegen den modernen Fußball!" zuzurufen (davon ausgehend, dass er es an irgendeinem jenseitigen Ort – unaufgeregt an einem Scheinwerfer drehend, um einen klaren Blick auf die Bundesliga zu haben – hören würde), und meiner festen Überzeugung, dass es Unsinn ist, gegen den modernen Fußball zu sein. Was auch schon Erich Ribbeck und sein Libero 2000 einsehen mussten, aber das ist ein anderes Thema.

Während die Liga nun in ihre fünfzigste Saison geht, beginnt für mich erst die fünfunddreißigste Spielzeit. Nach dem Kölner Double ging's los, ohne Kausalität. Die Bundesliga hat mich seither stets begleitet, und ich sie, zumeist eng und treu. Dass ihre Anziehungskraft gelegentlich variierte, mag zum Teil an ihr gelegen haben, zum Teil an den Resultaten, zum Teil an mir selbst. Mal verfolgte ich sie verbissen, mal spielerisch bis vermeintlich entspannt, in seltenen Fällen ein wenig angewidert und immer wieder auch frustriert.
Oh, das klingt jetzt gar nicht so positiv, irgendwie. Vielleicht habe ich mich doch etwas zu sehr am gedruckten Leitmedium orientiert, das sich immer mal wieder kritisch mit dem ganz Grundsätzlichen befasste. So bereits im ältesten mir zur Verfügung stehenden Bundesliga-Sonderheft 1969/70, das sich in lesenswertem Ton und unter fleißiger Verwendung des Halbgeviertstrichs mit den allfälligen Begleiterscheinungen des Profifußballs befasst:

"Es ist längst kein Geheimnis mehr, daß am Feuer der Begeisterung für das runde Leder gar viele ihr Süppchen kochen. [...]
Bei Bundesligaschlagern wird – nach der privaten Rechnung von Fachleuten – jeweils gut eine Million DM umgesetzt.

[...] Die Stände mit Bier, großen und kleinen Würstchen, Süßigkeiten und Souvenirs sind dann umlagert, als gäbe es etwas geschenkt. Dabei muß der Stadionbesucher, der seine Kehle ölen will, für eine Flasche Bier mindestens den stolzen Preis von einer Mark berappen; dabei kostet ein Stück Stoff am Stiel – Fahne genannt – sechs bis sieben DM.
An den Souvenirständen gibt es beinah nichts, was es nicht gibt – und alles zu gesalzenen Preisen.

Übermäßiger Bierkonsum nimmt dabei einem Teil der Käufer den Blick für die richtige Preisrelation. Dennoch gehen selbst teuer entstandene Fahnen ab und zu in Flammen auf."
Im gleichen Heft wird übrigens der damalige Braunschweiger Trainer Helmut Johannsen mit einer visionären Aussage zitiert: "Aber auch der Libero wird nicht die letzte Lösung sein. Er wird – so meine ich – "aufgelöst", indem je nach Erfordernis etwa ein Verteidiger die Aufgabe übernimmt. Schon aus dem Überraschungsmoment heraus müssen neue taktische Varianten gefunden werden." Erich Ribbeck war zu jener Zeit Trainer von Eintracht Frankfurt.

Aber ich wollte nicht von Taktik reden, sondern über Inhalte des Kicker. Der sich auch in den Folgejahren gerne mal am Finanziellem rieb, so im Sonderheft 78/79 mit dem Text "Das Geld verdirbt die Jungen", in dem der vom 1. FC Köln soeben verpflichtete Bernd Schuster das Schlagwort der "Großverdiener ohne Leistungsnachweis" illustrieren durfte. "Ein schlimmes Kapitel", übrigens.
1982 befasste sich Rainer Kalb ebenfalls mit dem lieben Geld sowie mit einem "Vorurteil an Stammtischen: Die Profis vernachlässigen ihren Beruf" und deckte auf: "Der schlimme Punkt ist nämlich der: Unsere Nationalspieler kennen den Wert des Geldes nicht mehr, denn nur in seltenen Fällen müssen sie den "echten" Preis bezahlen."

Beispiele gab es reichlich, von den 15 % Rabatt, die VfB-Spieler beim Kauf eines Neuwagens aus Stuttgarter Produktion erhielten, bis hin zum vereinsübergreifend agierenden Egon Rascher, "der Goldschmuck herstellt. Kumpel von allen, mit allen per Du, gewährt er den Stars Rabatte von fast 80 Prozent, um so die anderen Vereinsspieler zu ködern, die wenigstens eine Goldkette wie die Nationalspieler haben wollen, wenn sie schon nicht Nationalspieler sind."
Angesichts solcher Zustände und der Selbstvermarktung einzelner Bundesligaspieler, legte der Kicker, nicht zuletzt im Angesicht der Breitner'schen Rasur, den Finger in die nachweltmeisterschaftliche Wunde: "Es gibt Geschäftsleute, die spielen Fußball nur noch, um weiter Geschäfte machen zu können. Manchmal fragt man sich, ob sie beim Spielen noch Freude empfinden, Spaß." Da war sie also wieder, die Freude. Oder eben nicht.

Immerhin: "Aber die Geschäftsleute in kurzen Hosen bilden dennoch die Minderheit."
Dann jedoch: "Doch leider bestimmen ausgerechnet sie das Bild der Branche. Denn sie sind verteufelt gute Fußballer. Auch wenn sie sechs Tage im Jahr weniger trainieren als Hinz und Kunz oder Lothar Woelk."

Zum besseren Verständnis habe ich einen Auszug aus jenem Heft (S. 31) beigefügt:

Genug der Sonderhefte. Deren wichtigstes fehlt nämlich. Ist verloren gegangen. Oder zumindest vorübergehend verschütt. Es steht auch nicht Kicker drauf, sondern BP. Genau, die Mineralölgesellschaft. Die hat in den 70ern und 80ern einige Jahre lang ein Heftchen im A5-Format herausgegeben, das inhaltlich nicht in Ansätzen mit denen des Kicker oder mit modernen Zeitschriften zu vergleichen ist. Aber es war mein erstes eigenes, das von 79/80.
Die Saison 78/79 war, ich sagte es bereits, die erste gewesen, die ich recht regelmäßig verfolgt hatte – ganz besonders, nachdem ich in der Winterpause eine Wette gegen einen Freund meines Vaters eingegangen war. Er hatte auf den HSV gesetzt, ich auf Kaiserslautern, das in jener Saison bis zum 27. Spieltag nahezu durchgehend an der Spitze stehen sollte, dann aber vom VfB, damals noch ein Verein unter vielen, und schließlich vom späteren Meister aus Hamburg abgefangen wurde.

So etwas sollte mir nicht noch einmal passieren, ich musste mich also besser informieren. Natürlich in Papas Sonderheften unterschiedlicher Provenienz, aber eben auch und nicht zuletzt im eigenen BP-Heftchen, das mich durch die Saison begleitete und mir lange Jahre lang immer wieder an dieser oder jener Ecke des Hauses in die Finger kam. Mit Keegan auf dem Titelbild. Inklusive BP-Logo auf der Brust, klar.
 
Und jetzt ist es weg. Vermutlich beim Umzug meiner Eltern verschwunden, vielleicht auch, ich kann das nicht mit Sicherheit ausschließen, einem momentanen nostalgiekritischen Ordnungswahn meinerseits zum Opfer gefallen.

Kurz dachte ich über einen Nachkauf im Online-Antiquariat nach, etwas länger darüber, mal bei meiner Tante anzufragen, ob sie aus ihrer Zeit als Tankstellenbesitzerin noch ein paar Heftchen im Archiv liegen habe. Sie hatte mir damals ein paar Hefte für meine Freunde mitgegeben, deren Väter weder Kicker-Abonnenten noch an fünf Tagen pro Woche auf irgendeinem Fußballplatz anzutreffen waren, sodass ihr fußballerisches Fundament zunächst nicht allzu solide und der einen oder anderen familiären Erschütterung unterworfen war.
Gleichwohl entstanden auch bei ihnen erste Liebeleien mit einzelnen Vereinen, die bei den meisten von uns zwischen familiärer Tradition (zunächst) und Distinktion (später) schwankten und zum Teil nicht nur eine gewisse Langlebigkeit erreichten, sondern auch mit der notwendigen Klarheit im Urteil einher gingen. So war mein Freund Matze Krause rasch bei der Hand, als es darum ging, jenes Foulspiel an Ewald Lienen zu verteufeln und eine drakonische Strafe zu fordern. Mit dem zunächst übersehenen (man hatte die Informationsflut in jungen Jahren noch nicht so im Griff) Umstand konfrontiert, dass der Übeltäter ein Bremer gewesen war, schwenkte er sogleich auf eine deutlich moderatere Linie ein, verzichtete aber darauf, ob Siegmanns erhaltener gelben Karte eine Protestnote an den DFB zu formulieren.

Von besonderer Relevanz waren, wem sage ich das, die statistischen Daten der Spieler. Wer war besonders groß, schwer, klein, alt, leicht oder eben, und darauf legten wir unser Hauptaugenmerk, jung? Schließlich wollten wir wissen, wie viele Jahre wir noch zu trainieren hatten, ehe wir selbst in einem Profikader auftauchen würden – gerne nahm mein Vater diese berufliche Perspektive immer mal wieder zum Anlass, bereits in jungen Jahren die kolportierte Alkohol- und Nikotinabstinenz der Nachwuchsstars zur Conditio sine qua non einer erfolgreichen Sportlerlaufbahn zu erheben. Der Schlucksee war mir zu jener Zeit ebenso wenig ein Begriff wie Preben Elkjær Larsen.

Während in den ersten Jahren die neuen Namen zwar nicht an uns vorüber rauschten, aber eben doch neue Namen waren, von denen man den einen oder anderen im Lauf der Saison wieder hörte, war die Situation nach den Juniorentiteln unter Dietrich Weise und einer gewissen medialen Präsenz eine andere: plötzlich tauchten im Bundesliga-Sonderheft junge Spieler auf, die wir schon kannten. Deren Erfolge wir live am Fernseher miterlebt hatten. Thomas Herbst stand nach seinem Wechsel von der Hertha (der anderen!) nach München im Kader des FC Bayern, Zorc und Loose beim BVB, Vollborn bei Uerdingen oder Leverkusen, so genau unterschied man da ja nicht, auch Wohlfarth, Waas, Falkenmayer oder Brunner standen am Beginn durchaus beeindruckender Karrieren. Der VfB war leider nicht vertreten, war aber bestimmt schon mit dem Scouting von Michael Nushöhr und Leo Bunk beschäftigt.
Wie gesagt: wir sahen uns vor allem die jungen Spieler an und wünschten ihnen Einsätze – im Grunde würden sie uns ja den Weg bereiten. In meiner Sonderheftpremierensaison 79/80 zählten zu den wenigen erst 1961 geborenen Jonny Otten und Thomas Schaaf bei Werder sowie Lothar Matthäus, 60er wie Littbarski und Immel waren bereits etabliert. In den Folgejahren stieg der Grenzjahrgang über 1962 (Günther Schäfer, Mathy) und die 63er wie Waas und Loose bis zur Jubiläumssaison 82/83 mit den 64ern Hochstätter, Frontzeck, und Kamps aus Gladbach sowie mit den kleinen Brüdern Abramczik und Rummenigge

Wir wurden älter, die Schule wurde wichtiger, rückblickend frage ich mich, ob nicht die Jahre von 1979 bis 1983 die intensivste Zeit meiner Beziehung zur Bundesliga waren, oder zumindest die, deren Einzelereignisse – unter Berücksichtigung der damaligen Informationsmenge und -geschwindigkeit – am stärksten im Gedächtnis haften blieben. So wie Øklands 4:0 gegen die Bayern, wie Siegmanns Foul und in ganz anderem, erschütterndem Kontext, Adrian Maleika. Für mich als Kind der Provinz, das damals noch kein Bundesligastadion von innen gesehen hatte, war das Thema Fankultur und insbesondere die aufkommende Gewaltdebatte eine sehr ferne, kaum zu (be-)greifende. Genau wie mir Hass und Gewalt im (tatsächlichen oder vermeintlichen) Fußballkontext auch heute völlig fern und kaum zu begreifen sind, übrigens.
Was wollte ich sagen? Genau: Wir wurden älter, die Schule wichtiger, und mit den Jahren reifte die Erkenntnis, dass es wohl eng werden würde. Die Schmäler-Zwillinge waren bei ihrem Auftauchen im Sonderheft nur wenige Jahre älter als ich, der ich, weit von oberen Ligen entfernt, in der örtlichen B-Jugend kickte, und so wird es wohl auch Ausdruck eines gewissen Selbstschutzes gewesen sein, dass die Geburtsjahrgänge der nachrückenden Spieler von stetig abnehmendem Interesse waren. Kurz flackerte die Hoffnung dann doch noch einmal auf, und sie hieß Reiner Wirsching. Mit 25 hatte er noch in der bayerischen Bezirksliga gespielt, um dann binnen eines halben Jahres über die dritte in die erste Liga aufzusteigen und dort für Furore zu sorgen.

Leider bin ich mittlerweile über 25, leider ist auch diese Chance vertan.
Stehen im Kicker-Sonderheft eigentlich auch die Geburtsdaten der Zeugwarte?


Heinz Kamke spielt ansonsten den stets sprachlich eleganten Doppelpass mit sich selbst in seinem wunderbaren Blog angedacht, der nicht nur für Menschen überaus lesenswert ist, die dem VfB Stuttgart die Daumen drücken.

Kommentare:

  1. Ein Gewinn für jede Themenwoche!

    Faszinierend, dass du auch am meisten auf das Alter der Spieler in den Sonderheften geachtet hast. Ging mir nämlich auch immer so. Dank dir hab' ich jetzt auch einen Interpretationsansatz: Wahrscheinlich war der Wunsch, es selbst zu packen, doch größer als ich dachte. Ich schau' aber heute noch auf neue Jahrgänge. 95er sind mittlerweile dabei... ich geb's auf.

    AntwortenLöschen
  2. Aber Du bist doch noch nicht mal im Wirschingalter!

    AntwortenLöschen