Themenwoche „50 Jahre Bundesliga“, Teil 5. Was macht eigentlich... der Bökelberg? Bei Google Maps
gibt es ihn noch. Dabei ist eines der geschichtsträchtigsten Stadien der
Bundesliga seit mehr als sechs Jahren verschwunden. Gladbach-Edelblogger, Buchautor und Journalist Jannik Sorgatz berichtet über einen Besuch voller
nostalgischer Gefühle.
Früher
hatten Borussias Gegner hier reihenweise Scheiße am Fuß. Heutzutage muss man
als Spaziergänger am Bökelberg wahnsinnig aufpassen, dass man nicht selbst in
Scheiße tritt. Mönchengladbachs Hundebesitzer lassen anscheinend den nötigen
Respekt vermissen. Dabei gehen sie an einem der heiligsten Fußball-Orte
Deutschlands Gassi.
Wer
noch nie vom Bökelberg gehört hat, wird den Wall der alten Haupttribüne sowie
die Reste von Nord- und Südkurve für naturgegeben halten. Bei mir weckt dieser
Besuch an einem heißen Sommertag mehr als nur nostalgische Gefühle. Da ist zwar
die Gewissheit, dass Bundesligafußball an diesem Ort im Jahr 2012 nicht mehr
zeitgemäß wäre. Aber am Bökelberg fing alles an. Wenn der Bökelberg nicht
gleich diese Faszination auf mich ausgeübt hätte, wäre ich vielleicht nie so
tief in diese Sache hineingerutscht, dass ich meiner Mannschaft nun bis in die
Ukraine hinterherreise (oder auch: hinterherreisen darf).
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| Foto: J. Sorgatz |
Was
früher die Haupttribüne war, sieht heute nicht anders aus als eine
grasbewachsene Düne an der Nordsee. Ich setze mich ein wenig ins Gras, genau an
der Stelle, an der ich am 6. September 1996 saß: Mein erster Besuch auf dem
Bökelberg, mit sieben Jahren, ein 3:0 gegen den Hamburger SV an einem
Freitagabend, Flutlicht. Das muss Nick Hornby gemeint haben, als er über das
Verlieben, über die Frauen und den Schmerz schrieb.
16
Jahre später ist es verdammt still "In de Kull", wie der Weg
mittlerweile heißt, der von der Bökelstraße in Richtung Mittelkreis führt. In
einem der Häuser kreischt zwar eine Kreissäge, aber das ist ja nichts gegen
einen Wechselgesang zwischen Nordkurve und Ostgerade am Samstagnachmittag. Mit
neun Jahren war ich groß genug für den ersten Besuch auf der Stehplatztribüne.
Wahrscheinlich habe ich bei jenem 5:2 gegen den VfL Wolfsburg zum ersten Mal
einen Joint gerochen, ohne zu wissen, was ein Joint ist. Gras, Bier, Schweiß
und Moos – das war der Duft des Bökelbergs.
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| Foto: F. Sorgatz |
Mein
größtes Spiel war wahrscheinlich ein 5:2 gegen Hansa Rostock, als die Borussia
1998 ihr bis dato größtes Nichtabstiegswunder in die Wege leitete. Im Vergleich
zu dem, was dieses Stadion sonst so erlebt hat, war das natürlich ein Witz.
Aber der Bökelberg war bescheiden genug, um auch ein 6:1 gegen Mainz 05 in der
2. Bundesliga wie etwas ganz Großes erscheinen zu lassen.
Bis
Gladbach in der Saison 2011/2012 sensationell den Sprung auf Platz vier
geschafft hat, habe ich die 70er-Jahre sogar als Belastung empfunden. Jetzt
haben die Erzählungen aus den glorreichen Zeiten keinen mahnenden Unterton
mehr. Ich kann sie einfach genießen.
Es
hat ein paar Jahre gedauert, bis die Grundstücksverkäufe am alten Bökelberg
richtig anliefen. Früher schon war diese Gegend in Mönchengladbach-Eicken ein
feines Wohngebiet. Es pilgerten lediglich alle zwei Wochen bis zu 34.500
Fußballfans durch die Vorgärten. Die Ex-Borussen Eugen Polanski, Tobias Levels
und Johannes van den Bergh haben hier gebaut. Wobei man mit Fug und Recht sagen
kann, dass solch ein Immobilienkauf das "Ex-" schnell verschwinden
lässt. Wer an den Bökelberg zieht, der ist immer noch Borusse.
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| Foto: J. Sorgatz |
Wahrscheinlich
werde ich mir nie ein Grundstück "In de Kull" oder "Auf dem
Bökelberg" leisten können. Dabei sind allein diese beiden Straßennamen
eine Überlegung wert, sich in Unkosten zu stürzen. Und im Garten würde ich
einen Miniatur-Flutlichtmasten aufstellen. Man gönnt sich ja sonst nichts.
Ein
Pilgerort für nostalgische Gladbach-Fans scheint der alte Bökelberg seit 2004
jedoch nicht geworden zu sein. Jeder trägt die Erinnerungen lieber in sich,
kramt sie sowohl in guten wie in schlechten Zeiten hervor. Nicht viele Stadien
haben Bundesliga-Meisterschaften und einen Aufstieg in nahezu demselben Zustand
erlebt. Und so erzählt man sich weiter die Geschichten vom Pfostenbruch und vom
Büchsenwurf, denen in jedem Fußball-Museum üppiger Raum zugestanden würde.
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| Foto: J. Sorgatz |
Natürlich
darf auch nicht die letzte Geschichte fehlen, die der Bökelberg am Tag seiner
Sprengung geschrieben hat: Die Haupttribüne sollte fallen, aber sie fiel nicht
im ersten Versuch – der Mythos hat sich gewehrt. Jahre später sitze ich nun im
Gras, schaue auf einen der Baukräne. Ein Häuslebauer hat sich Grundstück in
Nähe des Mittelkreises gesichert. Ich hoffe, er weiß es zu schätzen.
Jannik Sorgatz parliert ansonsten in seinem famosen Blog "Entscheidend is auf'm Platz" über Favre und seine Fohlen. Borussen-Fans geht überdies das Herz auf, wenn sie Jannik Sorgatz 2. Buch “Gegen Gladbach kann man mal verlier’n” nicht mehr aus den Händen legen können.