Wann wird Werder wieder wunderbar? Noch nie holte Werder nach 31 Spieltagen weniger als die aktuell errungenen 32 Punkte, ganze zwei Zähler sind es noch zum Relegationsplatz. Dank der ärgerlichen 0:1-Niederlage in Leverkusen, begünstigt durch einen fragwürdigen Elfmeter, ist Werder mittlerweile seit zehn Partien ohne Sieg. Mittlerweile dürfte wohl jeder Werderaner den zweiten Bundesligaabstieg seit 1980 so heftig fürchten dürfte wie ein HSV-Anhänger die schmerzliche Erinnerung an eine gewisse Papierkugel.
Doch anstatt zu pfeifen oder sich in wütende Schmähungen zu ergehen, feierten die mitgereisten gut 3.000 Werder-Fans Schaafs Elf und Schaaf selbst bis weit nach dem Abpfiff mit Sprechchören in Dauerschleife a la ››Olé, olé, Werder Bremen, olé!‹‹. Das führte dazu, dass die strauchelnden Werder-Kicker, die zuvor aufopferungsvoll gekämpft hatten, und Schaaf fast eine Stunde nach Spielende noch einmal aus der Kabine in die Kurve liefen und sich vor ihrer singenden Wand in grün-weiß klatschend verneigten. Es hatte jedenfalls etwas von ››You'll never walk alone‹‹ nach Werder-Art.
Kicker Online erkannte in den Ereignissen gar einen ››Grün-weißen Klima-Wandel‹‹, während auf der Werder-Webseite sich hingegen etwas von einem ››Grün-weißen Schulterschluss‹‹, lesen lässt oder dass es ››Klick‹‹ gemacht habe. Rechtzeitig vor den finalen Saisonpartien gegen Hoffenheim und Frankfurt im Weserstadion sowie in Nürnberg scheinen die die Grün-Weißen also ihre Reihen zu schließen.
In diesen drei Abstiegsendspielen wird Thomas Schaaf, dessen Denkmal nach 14 Trainerjahren zuletzt gewaltig gewackelt hatte, wieder vor Werders Bank stehen. Dank dieses kollektiven Leverkusener Erweckungserlebnises sollte man Werder trotz des bedrohlichen Abwärtstrends wohl noch nicht zu früh abschreiben. Kleinere oder größere Wunder haben an der Weser bekanntlich eine ähnliche Tradition wie die Nibelungentreue zum Cheftrainer.
In der vergangenen Pokalwoche duellierte sich der drittklassige Traditionsklub Arminia Bielefeld mit Bayer Leverkusen. Der Libero saß an diesem spannenden Mittwochabend auf der Bielefelder Haupttribüne und beobachtete im einstigen „Stadion auf der Alm“, wie ackernde Arminen „Gras fraßen“, laute Leverkusener Fans lärmten und der schnelle Schürrle per Picke Bayers Siegtor ins Bielefelder Herz pfefferte...
Per kesser Plakatkundmachung: „Wir bereiten Euch
ordentlich Kopfschmerzen!“ hatte Arminia Bielefeld seinen hochfavorisierten Gast aus
Leverkusen bereits Wochen vor der Zweitrundenpartie Willkommen geheißen.
Und diese Aktion bescherte den mittlerweile drittklassigen Arminen nicht nur bundesweites Aufsehen.
Sie belegt daneben, wie sehr der ostwestfälische Traditionsklub offenbar dem großen Pokalabend entgegenfiebert haben muss. Jenes Pokalfieber flankierte
im Übrigen Arminias handliches wie wunderbares Stadionmagazin Halbvier, das zum einen auf traditionell erfolglose Bielefelder
Pokalteilnahmen zurückblickte und sich zum anderen umso mehr an Arminias Halbfinalgastspielen
anno 2004 und 2006 erfreute.
Was das Aufsehen angeht, da konnten auch die Leverkusener mithalten. Hatten diese doch erst kürzlich bei Bayern
München nach 23 Jahren wieder einen Sieg feiern können. Doch selbst mit diesem Triumph im Gepäck sollte die
Werkself erleben, wie die tapferen Arminen ihre Kopfschmerzandrohung wahr machten und dank eines Kontertores früh in Führung
gingen. Auf der Haupttribüne sprudelte es da vor lauter Euphorie aus einigen kernigeren Arminia-Anhängern nur so heraus, die begeistert feststellten:„Heute wird auf
der Alm endlich mal wieder richtig Gras gefressen!“ „Gras fressen auf der Alm“, das passte zu diesem offenen Schlagabtausch. Vor allem die unermüdlich ackernden Arminen taten dies zuweilen mit harten Bandagen und retteten sich nachzwischenzeitlichem Rückstand wenige Minuten vor dem Ende der regulären Spielzeit per direkt
verwandeltem Freistoß noch in die Verlängerung . „Die Alm“, die Arminen-Arena, die schon lange nicht
mehr so heißt, bebte, pulsierte und erinnerte zuweilen an die Atmosphäre in einem
englischen Stadion.
In besagter Verlängerung sollte diese Ausgelassenheit jedoch verkaterter Nüchternheit weichen, als Bayers herausragender Nationalkicker Andre Schürrle den ihn verfolgenden Arminen die Hacken zeigte und Bayers 3:2-Siegtreffer pfiffig per Picke ins Bielefelder Netz pfefferte.Nach Ertönen des Schlusspfiffs feierten dann Schürrle & Kollegen ihren hart errungenen Achtelfinaleinzug vor dem
gut besetzen wie erstaunlich stimmgewaltigen Leverkusener Gästeblock. Und zur Überraschung vieler wurde es dort, wie bereits im Laufe der 120 Spielminuten, überaus laut. Schon vor dem Anpfiff hatten böse Bielefelder Zungen in Gedenken an gestrige Vorurteile gestaunt, dass
die am Gästeblock sitzende Polizeihundertschaft früher doch stets ein Zwanzigfaches der
mitgereisten „Leverkusener Schlaftabletten“ dargestellt habe…
An dieser Meldung kommt man nicht vorbei: Michael Ballack ist
zurückgetreten. Über eine Hamburger
Anwaltskanzlei ließ der Capitano gestern ausrufen, dass er ab sofort seine zuletzt nicht
mehr genutzten Stiefel sowie sein Trikot mit der Numero dreizehn an den
berühmt-berüchtigten Nagel hängt. Im Wortlaut hört sich das dann so an:
» Mit 36 Jahren blicke
ich auf eine lange und wunderbare Zeit im Profifußball zurück, von der ich als
Kind nie zu träumen gewagt hätte. Es war ein Privileg, mit erstklassigen
Trainern und fantastischen Mitspielern zusammenzuarbeiten. Sicher wird es mir
fehlen, nicht mehr vor 80.000 Fans zu spielen oder ein Tor zu schießen. Die
letzten Monate ohne aktiven Fußball haben mir aber gezeigt, dass die Zeit reif
ist, aufzuhören. Ich freue mich jetzt
auf ein neues Kapitel in meinem Leben und danke meiner Familie und all den
großartigen Menschen, die mich gefördert, gefordert, begleitet und unterstützt
haben. Sie alle haben großen Anteil an meinem Erfolg. «
Auf seiner Webseite
bedankte er sich zudem bei seinen Fans und ließ dort seine Autoren in wenigen Worten seine
fußballerische Vita skizzieren : »In seinen 17 Jahren als
Profifußballer gab es zahlreiche Höhen und wenige Tiefen, mehr Siege als
Niederlagen, mehr Freude als Enttäuschung. «
Die BILD notierte
heute vom Ende des Unvollendeten, Zeit online vom Alphatier mit vielen Gegnern. Richtig da war etwas, trotz diverser
deutscher und englischer Meistertitel und Pokalsiege war Ballack der große internationale Coup stets vorbehalten geblieben. Gern
wurde Ballack als menschgewordenes Leverkusen karikiert.
Jener kopfball- und schussstarke Weltklassekicker, dem im entscheidenen Moment stets der letzte Kick fehlte: Vize-Welt- und Europameister, unterlegener Finalist in der Champions League,
WM-Dritter im eigenen Land. Doch war er das wirklich? Wie dem auch sei.Einen klanglosen
Karriereausklang in den Weiten Amerikas oder Australiens hat sich Ballack
unterm Strich, aus welchen Gründen auch immer, erspart. Hier sprach gestern
good old Berti Vogts als so genannte Stimme der Vernunft bereits wahre Worte:
»Ich glaube, er hat erkannt, dass er nicht mehr für einen großen
Club spielen kann. Sein Karriereende ist richtig. Was soll er in Australien?
[…] Ich hoffe, dass Michael dem deutschen Fußball erhalten bleibt - als Manager
oder Trainer. Das traue ich ihm zu. Es wäre schade, wenn der deutsche Fußball
ihn verliert. Er hat Großes für ihn geleistet. «
Unter Berti Vogts
hatte der juvenile Ballack anno 1999 gegen Schottland sein erstes von 98
Länderspielen absolviert. Das tragische Ende dieses Lieds ist allerseits bekannt.
Was er nun machen wird? Ketzerische
Karrierebetrachter Ballacks könnten nun grinsend fragen: Vielleicht, ab in den
Urlaub?
Eine weitaus bessere
Idee hatte da „Annettchen aus dem Erzgebirge“, eine Vertreterin aus
Ballacks Fanschar, die dem Capitano zurzeit eifrig in dem Gästebuch seiner besagten Webseite salutiert. Ja und „Annettchen aus dem Erzgebirge“
schrieb ihm sozusagen mütterlich ins Stammbuch:
„Ich
gebe Dir einen guten Rat, mach den Trainerschein, übernehme den CFC, ganz
Chemnitz würde Hurra schreien.“
Warum auch nicht? Von Chemnitz in die weite Welt des Fußballs. Das ist dem Capitano schon einmal gelungen…
Die 50. Bundesligasaison geht
weiter. Die Themenwoche „50 Jahre Bundesliga - Typen,
Titel und bloß nicht wie Tasmania“ endet heute. Im letzten Beitrag der Themenwoche erinnert sich DER LIBERO-Blogger Björn Hoeftmann an das allererste Bundesligator Timo Konietzkas, an unvergessliche Geniestreiche Bernd Schusters und wie es sich anfühlt, für einen Moment lang Fan von Bayer Leverkusen zu werden. Jubeln, Aufspringen und laut Mitgrölen
inklusive...
Die gute, alte Bundesliga startete kürzlich in ihre 50. Saison. Anpfiff ihrer historischen Eröffnungsspielzeit war hingegen am 24. August
1963. Schnell machte sich Borussia
Dortmunds Stürmer mit dem Bürstenschnitt Friedhelm Konietzka unsterblich, indem
er um Punkt 17 Uhr eine Flanke von Lothar Emmerich unprätentiös über Werder
Bremens Torlinie drückte. Das Premierentor der Bundesliga fiel nach nicht einmal 35 Sekunden. Dabei umweht
Konietzkas „Geburtsschrei der Bundesliga“ (NDR) damals wie heute eine bedauerliche Tragik.
Wird heute jeder 08/15-Abstauber von Mario Gomez in zigfacher
Wiederholung seziert, blieb es an jenem 24. August 1963 einzig jener Kulisse vom
32.000 Zuschauern im Weserstadion vorbehalten, Konietzkas Abstauber in
Augenschein zu nehmen. Denn es existieren schlichtweg keine Film- oder Bildaufnahmen
seines „unvergänglichen Schnellschusses“ (11 Freunde). Bevor dieser eigenwillige
Timo Konietzka im März 2012 von uns ging, hat er einmal gesagt, einziges
Erinnerungsstück sei ihm stets der Schuh gewesen, mit dem er jenes Tor
erzielt hatte. Jenen Schuh hatte Konietzka sich später vergolden lassen und auf ein
Regal in seinem Haus platziert.
Einen Sportschauschauer der 1. Stunde habe ich einmal sagen
hören, dass Bernd Schuster sich in seiner Verschrobenheitnicht großartig von diesem Konietzka unterschieden
haben soll. Gewiss, Schuster wirkte in einer anderen Zeit und dabei stets etwas kapriziös.
Nachdem der „Blonde Engel“ Anfang der 90er Jahre seinem spanischen Exil ‹adios›
gesagt hatte, lotste Bayer-Manager Calli Calmund Schuster nach Leverkusen. Schuster sollte nach klangvollen Stationen bei Barca,
Real und Atletico Madrid unter dem Bayer-Kreuz für etwas mehr Glanz und Gloria sorgen.
Denn das nach heutigen Maßstäben hoffenheimeske Image eines Platistikklubs zehrte seinerzeit noch gewaltig an
Bayer 04 Leverkusen. Die spätere allseits gefühlte „Menschwerdung“ der Werkself
nach der dramatischen Vize-Saison 2001/2002 war noch nicht am Horizont
erkennbar und Manager Calmund für jeden schillernden Silberstreif dankbar.
Lässt man Schusters dreijährige Spielzeit im Dress der Werkself
Revue passieren, prägte er als genialer Regisseur anders als mancherorts erwartet keine Epoche eines
eleganten Bayer-Spiels, in der die erhoffte Leichtigkeit des Schuster’schen
Seins von der Meisterschale geschmückt worden wäre. Gute zwei Dekaden später,
bleiben unterm Strich aber immerhin zwei Glanzlichter in Erinnerung, die
der schrullige Schuster sagen wir einmal, „hinterlassen“ hat. Anders als
Konietzkas ungesehener Abstauber erhielten jene zwei brillanten Treffer
Schusters die mediale Aufmerksamkeit, die ihnen gebührte.
Das
hat dazu geführt, dass falls irgendwie, irgendwo und irgendwann über schönste Bundesligatreffer
gefachsimpelt wird, mir des „Blonden Engels“ Geniestreiche sofort einfallen. Geniestreiche Numero eins ereignete sich kurz nach der WM
1994 gegen Eintracht Frankfurt, als Schuster den weit vor seinem Gehäuse
stehenden Andi Köpke per Heber von der Mittellinie überwand - es wurde später
zum Tor des Jahres 1994 und gar zum Tor des Jahrzehnts gekürt. Noch heute habe
ich habe übrigensvon der „alten Tante“
Sportschau, geschweige denn von Heribert Faßbender, keine Antwort auf meine
beiden Postkarten erhalten, die für Schuster votierten…
Eines vorweg: zu Schusters Geniestreich Numero zwo weise ich
eine stärkere emotionale Bindung auf. Es muss etwa im Frühling 94 gewesen sein,
als der Karlsruher SC vor meinen Augen im Haberland-Stadion in Leverkusen
gastierte. Und dieser KSC surfte damals fast eine Saison lang auf der Welle
seines epochalen 7:0-Triumphes im UEFA-Pokal über den FC Valencia. Angetrieben
in nie mehr erreichte Höhen wurde der KSC von dem wilden Winnie Schäfer, der um sich herum eine Truppe toller Typen getummelt hatte. Die da
wären: Keeper Oliver Kahn, Stopper Jens Nowotny, der
bärbeißige Ballschlepper Wolfgang Rolff, die Ballverteiler Rainer
Schütterle und Manni Bender, der russische Dribbler Sergei Kirjakow oder der
buchstäblich kampfstarke Rainer Krieg. Und nicht zuletzt Torjäger Edgar
Schmitt, der sich dank seiner vier Treffer beim erwähnten7:0-Kantersieg irgendwann den Schriftzug
„Euro-Eddy“ auf seinen Grabstein gravieren lassen darf.
Der Nachhall
der Namen jener KSC-Helden dürfte ältere KSC-Schalträger wohl noch immer wehmütig
werden lassen. Damals auf den
Tribünen des Haberland-Stadions hatte man aber eher anderes im Sinn. Tatsächlich machte
dort der feine KSC-Kalauer die Runde, wonach man annahm, dass der wilde Winnie
seinen nicht minder stürmischen Stieren Kahn und Schmitt sicher vor sämtlichen Partien
dieser Saison Blut zu trinken gegeben habe, da das Duo nicht seinen
gefürchteten Tunnelblick verlöre. Ja, und den letzten Rest aus der Amphore, so
die Annahme, würde sich der wilde Winnie selbst kredenzen…
Von solch blutigem badischen
Brimborium ließen sich Schuster & Co. aber kaum beeindrucken.
Vielmehr errangen Schuster und Kollegen in der rassigen Partie bis wenige
Momente vor Schluss eine knappe 2:1-Führung,bis Schuster zu seinem erwähnten zweiten Geniestreich ansetzte. Bayers Brasilianer Paulo Sergio kam von der
linken Außenlinie zum Flanken und erreichte jenen Schuster. Der stand am
rechten Strafraumeck gut elf Meter vor Kahns Kasten und katapultierte Sergios
Flanke volley per Vollspann ins KSC-Netz. Kahn war völlig chancenlos, sein Kasten schien noch Momente darauf zu wackeln. Es entstand gar der Eindruck, als
habe Kahn sich aufgrund der archaischen Gewalt des Schuster’schen Schusses kurz weggeduckt.
Danach vibrierte das Haberland-Stadion für seine
bescheidenen Verhältnisse regelrecht, von allen Seiten brandete ekstatischer
Jubel auf. Ich
selbst bemerkte schlagartig, wie ich gemeinsam mit den Bayer-Fans aufgesprungen
war und euphorisch mitgejubelte. Was war passiert? Eigentlich bin und war
ich doch Werder-Daumendrücker. Geht das überhaupt? Urplötzlich Fan von Bayer
Leverkusen zu werden? Heute: beinahe zwanzig Jahre später, weißich es besser. Die Erklärung ist simpel.
Schusters brillanter Volleyschusstraf
mich genau wie die meisten der 25.000 Zuschauer: und zwar mitten ins Herz. Ich
hatte in dieser aufgeladenen Schlussphase einfach einen dieser pulsierenden
Momente miterlebt, für die man Fußball schaut und ins Stadion geht.
Mitten ins Herz! Es dürfte fast vergeblich sein, zu
erwähnen, dass sich jene treffende Wirkung selbst bei den kampfstarken
KSC-Kickern zeigte. Nur halt, auf der anderen Seite der Medaille. Allen voran
Kahn, Schmitt und der wilde Winnie Schäfer senkten ihre Köpfe, brüllten umher
und sehnten den Abpfiff förmlich herbei. Kurzum: sie wirkten blutleer. Von dem feinen
KSC-Kalauer, der anfangs auf den Tribünen des Haberland-Stadion die Runde
gemacht hatte, war da längst keine Rede mehr…