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Freitag, 18. August 2017

Treuer Charly

Heute Abend ist Anpfiff der 55. Bundesligasaison. Karl-Heinz »Charly« Körbel ist Rekordspieler der Bundesliga und hält diesen Rekord mit 602 Einsätzen seit nunmehr zwei Dekaden. Eintracht Frankfurts Klubikone , der einst eisenharte Vorstopper, wird ihn wohl auch auf ewig verteidigen. »Der Libero« wartet nun mit zehn Schlaglichtern aus Körbels stolzer Karriere auf, die im Oktober 1972 mit juvenilen 17 Jahren begann und im Mai 1991 mit fast 37 Jahren endete.


1. Körbel wird »der treue Charly« genannt. Schließlich absolvierte der gebürtige Dossenheimer offenbar aus der besten uweseeler'schen Schule stammend sämtliche seiner Bundesligapartien im Trikot seiner Frankfurter Eintracht. Körbel war auf dem Rasen als Vorstopper zwar gefürchtet, galt aber stets als tadelloser Sportsmann. Unlängst berief die Eintracht ihr Klub-Idol zu einem ihrer Ehrenspielführer. Das Klub-Maskottchen, ein Adler, heißt im Übrigen auch weiterhin Attila (nach Attila Pfaff) und nicht wie die WELT einmal verkündete, Charly...

2. Sein Bundesligadebüt absolvierte Körbel mit zarten 17 Jahren gegen den FC Bayern, als Eintracht-Trainer Erich Ribbeck ihn im Oktober 1972 mit der Manndeckung eines gewissen Gerd Müller betraute. Müller, der in der Saison zuvor gigantische 40 Treffer erzielt hatte, sollte zwar auch gegen Körbel einmal einnetzen, sah sich aber ansonsten von dem Vorstopper-Novizen abgemeldet. Nicht nur deshalb gewann die Eintracht mit 2:1.

3. Wie Körbel einmal den 11Freunden im Interview anvertraute, blieb Gerd Müller in den folgenden Jahren einer seiner erklärten »Lieblingsgegenspieler«, da der »Bomber der Nation« sich gegen Körbel mit dem Tore schießen überaus schwer tat. Der sonst eher wortkarge Müller soll vor späteren Duellen mit dem eisenharten Körbel mal geflucht haben: »So eine Scheisse, schon wieder gegen dich«.

4. Nur drei Jahre nach Körbels bestechendem Debüt sollte der kicker einmal mit Körbel auf dem Cover seiner Montagsausgabe schlagzeilen: »Ein Mann mit Zukunft – Körbel kann sie alle ausstechen«. In der Nationalelf gelang dies Körbel allerdings nicht so wie prophezeit. Körbel absolvierte zwar 1974/75 als damals 20-jähriges Talent sechs Länderspiele, kam aber an dem      arriviertem Welt- und Europameister »Katsche« Schwarzenbeck nicht vorbei. Der Legende nach soll hierfür unter anderem der damalige Kapitän der Nationalelf, Franz Beckenbauer, mitverantwortlich gewesen sein. Denn dem »Kaiser«, behagte die offensive Spielweise Körbels offenbar nicht und goutierte gegenüber Bundestrainer Schön seinen Putzer »Katsche«. Bekanntlich überquerte dieser selten die Mittellinie und hielt dem als Libero nicht minder offensiven »Kaiser« in verlässlicher Manier den Rücken frei.

5. Von Körbels offensiven Qualitäten profitierte indes seine Eintracht zweimal in besonderem Maße - ganz im Gegensatz zur Nationalelf . Anno 1975 triumphierte man etwa dank Körbels Siegtreffer im Pokalfinale von Hannover über den MSV Duisburg. An gleicher Stelle spielte Körbel 14 Jahre später erneut Schicksal, als er seine Eintracht mit einem Kopfballtor in der Relegation gegen den 1. FC Saarbrücken vor dem drohenden Zweitligaabstieg bewahrte. Letzteren Treffer bezeichnete Körbel später einmal als den wichtigsten seiner Karriere.

6. Den wichtigsten Titel seiner Karriere holte Körbel unterdessen 1980, als Frankfurt den UEFA-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach errang. Daneben gewann Körbel insgesamt vier Mal den DFB-Pokal (1975, 1976, 1981, 1988). Beim letzten Pokalsieg fungierte Körbel als Eintracht-Kapitän und ist damit bis heute der letzte Spielführer der Hessen, der einen Titel in die Höhe stemmte. Der Gewinn einer Meisterschaft blieb Körbel verwehrt.

7. Anders als ein offizielles Abschiedsspiel, das 20 Jahre nach Körbels Bundesligadebüt im Waldstadion gegen den FC Bayern stieg, der aber dieses Mal ohne Gerd Müller antrat. Sein letztes Bundesligaspiel bestritt Körbel anno 1991 beim FC St. Pauli, wo er am 33. Spieltag vom gnadenlosen Berliner Referee Prengel wegen eines Allerweltsfouls die vierte Gelbe Karte kassierte und zum großen Frankfurter Verdruss beim Saisonfinale im heimischen Waldstadion gesperrt war.

8. Ein Jahr später, als Frankfurt am letzten Spieltag der Saison 1991/92 in Rostock kurz vor dem Gewinn der Meisterschaft stand, wäre Körbel übrigens beinah zu einem Comeback gekommen. Wäre nicht Frankfurts damaliger Cheftrainer Dragoslav Stepanovic gewesen, der davon absah, das zum Assistenztrainer avancierte Klub-Idol im Ostseestadion einzuwechseln. Frankfurt unterlag dem späteren Absteiger mit 1:2 und verlor in einem Herzschlagfinale die Meisterschale an den VfB Stuttgart. Körbel bekundet noch heute: »Mit mir wären wir Meister geworden, denn ich habe noch nie ein Finale verloren

9. Besagter Assistenztrainer seines Leib- und Magenvereins blieb Körbel noch einige Jahre und half zudem Mitte der 90er mehrmals als Interims-Trainer aus. In die Saison 1994/95 führte der »treue Charly« seine Eintracht gar als offizieller Chefcoach, aufgrund großer Abstiegsgefahr musste er aber im Frühling 1996 seinen Hut nehmen. Das brachte indes wenig, da die Eintracht trotz Nachfolger Stepanovic kurz darauf erstmals aus der Bundesliga abstieg. Hiernach wurde Körbel seiner Eintracht übrigens gleich zweimal untreu, als er sich auf Cheftrainer-Stippvisten bei den damaligen Zweitligisten VfB Lübeck und FSV Zwickau einließ.

10. Seit längerer Zeit  ist Körbel seiner Eintracht gottlob aber wieder treu. Inzwischen fungiert er als Berater des Eintracht-Vorstands und leitet die klubeigene Fußballschule, die er 2001 gegründet hat. So richtig los, kommt der »treue Charly« von seiner Eintracht vermutlich nie.

Foto: der-Libero.de

Samstag, 12. Juli 2014

Maracanã kann kommen

Liebe Leserinnen und Leser,

habt Ihr nach dem "surrealen" (Trainer Baade) deutschen 7:1-Triumph von Belo Horizonte gegen Brasilien auch endlich Eure Sprache wiedergefunden?

Nun ruft Rio. Nun ruft das Maracanã, in dem Jogis Jungs morgen Abend im WM-Finale auf Argentinien treffen. Buenos Dias Argentina. Die gute, alte Sportschau hat aus diesem Anlass bereits auf ihrem Twitterkanal auf die sogenannte 24-Jahre-Regel hingewiesen.          


Doch dem nicht genug. Denn, an dieser Stelle soll nun ein weiteres Omen beschworen werden. Dies besagt, dass die Nationalelf noch keines ihrer beiden WM-Endspiele gegen Argentinien verlor, wenn sie in einem  weißen Trikot spielte. Anno 1986 unterlagen Kalle Rummenigge und Kollegen noch in grüner Kluft in der Hitze von Mexico City mit 2:3. Während anno 1990, als die Albiceleste dank Andreas Brehmes goldenen Elfmetertors besiegt wurde, Beckenbauers Mannen in weiß jubilierten und Maradona im blauen Trikot mit tränenreichem Pathos die knappe Pleite betrauerte. Der Grund für die Beschwörung des Trikot-Omens?

Deutschland wird am Sonntag im Maracanã erneut im weißen Dress auflaufen, während die Argentinien so wie 1990 ein blaues Trikot tragen muss. Ob es wohl hilft?

Apropos Hilfe, besonders geholfen hat bei jenem 1990er Erfolg hat übrigens Guido Buchwald, von dem dieser Finaltage häufiger in den Medien die Rede ist. Etwa, wenn er in Interviews empfiehlt, Argentiniens kleinen Zehner, diesen gewissen Lionel Messi, an die Kette zu legen.

Denn Buchwald, das schlaksige Idol des VfB Stuttgart muss es ja wissen. Gell, da war was. Buchwald und Argentinien! Richtig, es war Buchwalds Sternstunde, als  in jener Finalnacht von Rom Diego Maradona manndeckend an die Kette legte und dann aus heiterstem Himmel im Eifer des WM-Endspielgefechts Außerirdisches geschah. Der als ungelenk etikettierte Buchwald sollte Maradona himself düpieren. Nicht mit einer Grätsche, mit einem Übersteiger - und wird seitdem „Diego“ gerufen. Maradona bekam, im Vorstopper-Jargon gesagt, keinen Stich.

Zurück ins jetzt: Schaun mer mal, wer in Rio Weltmeister wird. Und, schaun mer mal, wer in Guido Buchwalds Fußstapfen treten wird. Wer weiß, vielleicht wird es der große Per Mertesacker sein. Mertesacker, den man nach einem erfolgreichen Endspieleinsatz auf den Rasenrechtecken von Pattensen bis Paris dereinst Lionel oder gar ausschließlich Messi rufen wird -in der Tat "Messi" Mertesacker hätte doch was! Unweigerlich, Maracanã kann kommen...  

Sonntag, 22. Juni 2014

Ein Salto auf Klose

Frei nach Gerd Müller machte es Bumm! Miro Klose war nicht einmal zwei Minuten auf dem Feld von Fortaleza, als es geschah. Ghana führt 2:1, die Nationalelf wankt. Ecke Kroos, Höwedes verlängert per Kopf und Miro machts. Er hält den Fuß hin und trifft in Manier von Ole Gunnar Solskjaer wie dieser einst im Champions League Finale '99. Zweifellos, ein elektrisierender Moment in einem atemberaubenden Kick. Es ist der wichtige deutsche Ausgleich. Aber nicht nur deswegen. Nebenbei hat Klose Ronaldos WM-Torrekord von 15 Treffern eingestellt.

Zur Feier seines historischen Tores holte Klose glatt nochmal seinen Salto aus der Kiste. »Historische Taten erfordern eben besondere Maßnahmen«, notierte Die WELT dazu. Ja, seinen Salto hatte er - wie man sah - zuvor lange nicht mehr geschlagen. Vorgeblich aus Altersgründen und damit einhergehender Verletzungsgefahr, schließlich ist Klose inzwischen 36 Jahre alt.

Unweigerlich. Diesem Miro Klose, der einst von dem siebtklassigen Klübchen SG Blaubach-Diedelkopf  aus der Bezirksliga Westpfalz in die weite Fußballwelt zog, gebührt Beifall. Auch ein Gruß von Ronaldo ließ, wie heute überall zu lesen ist, nicht lange auf sich warten. Denn der Brasilianer gratulierte Klose auf Twitter durchaus originell auf Deutsch: »Willkommen im Klub«.


Nicht minder originell sind übrigens die statistischen Stilblüten, die Kloses 15. WM-Treffer nun hat erblühen lassen. Während der Brasilianer Ronaldo sein 15. WM-Tor seinerzeit bei der WM-Endrunde 2006 in Deutschland machte, drückte Klose seinen Rekordtreffer ausgerechnet in Brasilien über die Linie. Ganz zu schweigen davon, dass Ronaldo 2006 in München und Klose 2014 in Fortaleza jeweils gegen Ghana ihre »Nummer 15« erzielten.

Hoffentlich geht Klose, dem passionierten Angler, der alleinige Torrekord bei seiner letzten WM noch ins Netz. Ein Tor würde schon reichen. Der kommende Donnerstag, wenn Klose & Co. sich im Gruppen-Finale mit Klinsmanns US-Boys duellieren, wäre dafür gewiss ein guter Termin.

Das Schlusswort soll nun Klose selbst gebühren, der nach dem gestrigen Schlusspfiff in Gerhard Dellings ARD-Mikrofon bedächtig-bescheiden bilanzierte: »In 20 WM-Spielen 15 Kisten ist nicht so schlecht.« So ist er halt, der Miro. Und lässt lieber Tore und bei ganz wichtigen einen Salto sprechen. Wie sagt man? Alter schützt vor Toren, äh »Kisten«, nicht?

Sonntag, 20. Oktober 2013

Über Jogi Löw und seine »Spielwiese im Paradies«

Schau an: der DFB hat den Vertrag von Joachim, Jogi, Löw und seines Trainerteams bis 2016 verlängert. Ausgerechnet »Kaiser« Franz Beckenbauer, unter dessen Regentschaft die Nationalelf 1990 letztmals einen WM-Titel gewann, gratulierte als einer der ersten: »Der DFB und Löw passen zusammen. Auf der einen Seite hast du einen Weltklasse-Verband und auf der anderen Seite einen Weltklasse-Trainer. Ich kann beiden Parteien nur zu der Entscheidung gratulieren.«

Um Sinn und Unsinn dieser Maßnahme in Anbetracht der bevorstehenden WM in Brasilien  oder um »Titelhuberei« [sic] soll es hier nicht gehen, ebenso wenig um eng anliegende hellblaue Pullover, leichte Seidenschals oder Löws prägnanten alemannischen Akzent. Mit högsch'der Sorgfalt ausgesucht, präsentiert »Der Libero« nun zehn Fakten über den aktuellen Bundestrainer:

1. Um zu Beginn etwaigen Irritationen zu begegnen. Jogi Löw kann als Trainer durchaus Titel gewinnen. Immerhin holte er mit dem FC Tirol Innsbruck anno 2002 die österreichische Meisterschaft Österreichs, mit dem VfB Stuttgart, inklusive des Magischen Dreiecks Bobic-Balakov-Elber, errang Löw 1997 gegen Energie Cottbus den DFB-Pokal.

2. Als Spieler in den 70er und 80er Jahren blieben Löw derartige Triumphe versagt. Immerhin berief ihn sein Leib- und Magenklub SC Freiburg 2010 zum Ehrenspielführer. Eine Ehre, die beim SC davor seit 1927 lediglich fünf Spielern zuteil wurde.

3. Ehre, wem Ehre gebührt. Schließlich ist der einstige Stürmer mit 81 Treffern noch immer Rekordtorschütze des SC Freiburg. Alle seine Treffer erzielte Löw übrigens für die Breisgauer in der 2. Bundesliga. Es war eine Zeit, als Volker Finke noch genauso weit vom Trainerjob an der Dreisam entfernt schien wie Löw von seinem Amt als Bundestrainer.

4. Eine klangvolle Karriere als A-Nationalspieler oder gar ein A-Länderspiel blieb Löw verwehrt. Im allerersten Länderspiel des neu gegründeten U 21-Juniorennationalteams 1979 in Polen wurde Löw von Trainer Berti Vogts für Thomas Allofs zur Halbzeit eingewechselt und stürmte damals Seite an Seite mit zwei späteren Weltmeistern von 1990. Richtig, Löw gehörte zur Generation um Pierre Littbarski, Rudi Völler und einem gewissen Lothar Matthäus.

5. Insgesamt heuerte Löw als Spieler (252 Einsätze) zwischen 1978 und 1989 gleich dreimal beim SC Freiburg an. Zwischendurch versuchte sich der heute 53-Jährige mehrmals in der Bundesliga und brachte es dort auf insgesamt 52 Einsätze und sieben Tore. Die faz etikettierte diese Bilanz einmal nüchtern als eine »unauffällige Spielerkarriere«.

6. Seine Stippvisiten in der Bundesliga absolvierte Löw beim VfB Stuttgart, Karlsruher SC und bei Eintracht Frankfurt. Was sämtliche Stationen gemein hatten? Offenbar ganz »Traditionalist« kickte Löw in der Bundesliga ausschließlich bei Gründungsmitgliedern und kam anders als in Freiburg nirgendwo über eine Joker-Rolle hinaus.

7. Als Vereinstrainer coachte Löw in den 90er Jahren mit dem VfB Stuttgart und dem Karlsruher SC gleich zwei seiner drei Klubs, für die er in der Bundesliga die Stiefel geschnürt hatte. Mit dem VFB erreichte er 1998 gar das Europapokalfinale der Pokalsieger, unterlag dort aber dem FC Chelsea. Im Ausland trainierte Löw als Proficoach mehr oder weniger glücklos unter anderem in der Schweiz den FC Winterthur, in Österreich neben Innsbruck Rekordmeister Austria Wien sowie in der Türkei Fenerbahce Istanbul und Adanaspor.

8. Als Bundestrainer steht Löw im Duell gegen England im Wembleystadion vor seinem 100. Länderspiel und ist der zehnte Nationaltrainer in der Geschichte der Nationalelf. Bei jedem seiner bisherigen drei Turniere erreichte Löw mit der Nationalelf mindestens das Halbfinale.

9. Jener kleine Kreis an Nationalspielern, die der in der Konfliktkommunikation als - sagen wir einmal - eher scheu geltende Löw aus diversen Gründen nicht mehr berücksichtigt (hat), liest sich zugegebenermaßen wie ein kleines Who is Who des deutschen Fußballs: Ballack, Frings, Kuranyi, Kießling, Weidenfeller. Im Wartestand: Gomez, Hummels, Großkreutz und Klinsmann.

10. Verdächtig oft wurde der feinsinnige Jogi Löw in seiner Amtszeit als Bundestrainer von Günter Netzer goutiert, der sich in Kritikphasen häufig in Kolumnen oder Interviews hinter Löw stellt. Schier zeitlos stilbildend ist hier wohl folgende Netzer'sche Antwort in einem faz-Interview während der WM in Südafrika. Im Übrigen auf die Frage, ob er Löw böse wäre, wenn dieser nach jener WM hinschmeißen sollte:

»Ja, ich wäre Löw böse, wenn er aufhört. Das ist wirklich so. Ich mag ihn sehr, ich schätze ihn sehr. Es gibt überhaupt keinen Grund hinzuschmeißen. Diese Mannschaft ist sein Werk - und dieser Weg ist noch lange nicht abgeschlossen. Das gibt man nicht auf. Und es gibt auch weit und breit keinen besseren Job für ihn. Es sei denn, er hat das Kapitel Nationaltrainer für sich erledigt und er möchte in den Klubfußball und jeden Tag die Spieler um sich haben. Das ist das einzige Argument, das ich akzeptieren würde. Aber die Voraussetzungen, die er bei der Nationalmannschaft vorfindet, gibt es nirgendwo sonst. Das ist eine Spielwiese im Paradies.«
 

Sonntag, 13. Oktober 2013

Auf zum Zuckerhut

Viva Colonia! Köln war am Freitagabend für die deutsche Nationalelf wieder einmal ein gutes Pflaster. Dank eines hochverdienten 3:0-Sieges gegen erwartbar kampfstarke Iren, die in Spiel eins nach der Entlassung von Giovanni Trapattoni eine vielbeinige Variante eine irischen Catenaccios aufzogen, qualifizierten sich die Nationalelf für die WM 2014 in Brasilien. Die besten Iren des Abends waren neben den fantastischen mitgereisten Fans, Irlands toller Torwart Forde und der ergraute irische Barde Johnny Logan, der einst zweimal den ESC gewann und vor dem Anpfiff anmutig die irische Hymne Amhrán na bhFiann schmetterte.

Nach den siegreichen 90 Minuten dröhnte selbstverständlich das erwähnte Viva Colonia aus den Kölner Stadionlautsprechern. Jogis Löwen drehten währenddessen pflichtbewusst ihre Ehrenrunde und die Zuschauer schwenkten dazu artig ihre Fähnchen. Alles ansprechend für die Menschen vor den Fernsehschirmen, wie diese früher im Sprech öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten hießen, durchchoreografiert. Zu spüren war auf dem Rasenrechteck allerorten Erleichterung. Darüber, die hohen Erwartungen als Gruppenfavorit erfüllt und das verheißene WM-Ticket gelöst zu haben. Überschwänglich jubelnd in die Arme gefallen sind sich Jogis Löwen freilich nicht. Allerorten ansteckender Enthusiasmus auf dem Rasen und den Rängen sieht doch etwas anders aus. Oder nicht? Der Funke sprang leider nicht so über, wie etwa im verregneten November 1989 in Köln.

Ich erinnere mich, wie im einstigen Müngersdorfer Stadion der Fußballnation ein kollektiver Stein vom Herzen fiel, als Lokalmatador Thomas Häßler gegen wackere Waliser mit seinem Siegtor das zum 1990er WM-Ticket löste und den Weg zum WM-Titel in Italien ebnete. Die von Teamchef Franz Beckenbauer trainierte Elf um Lothar Matthäus, Rudi Völler oder Andy Brehme schien Begeisterung entfachen zu können. Ein knappes Vierteljahrhundert später sind die Konstellationen, Vorzeichen und auch die Mentalitäten sowie Spielkultur untrüglich andere, so dass ein Vergleich verschiedener Generationen wie so oft a priori hinkt.

Was bleibt, ist das dieser Tage so oft beschworene und in jenem November 1989 zu Grunde gelegte Kölner Omen. Nachdem nun das WM-Ticket wie 1989 erneut in Köln gelöst wurde, dürfen wir demnach verstärkt hoffen und werden gern orakeln, dass Jogis durch dieses Omen gestärkte Nationalelf in Brasilien Weltmeister werden wird. Stören wir uns gar nicht an dem widerstreitenden Omen, wonach es noch nie einer europäischen Nationalmannschaft gelang, in Südamerika zum Weltmeister zu avancieren. Die Neue Osnabrücker Zeitung schrieb am Samstagmorgen dennoch und offenbar in ergebener Gefolgschaft jenes Kölner Omens, der Aufstieg zum Gipfel des Zuckerhuts könne beginnen.

Schaun mer mal, wie beschwerlich dieser Aufstieg 2014 sein wird. Ob der aktuelle Bundestrainer wohl weiß, dass jener Gipfel des knapp 400 Meter hohen Granitfelsens auch per Seilbahn erreichbar ist? Diese Seilbahn heißt übrigens O Bondinho. Das lässt sich zwar hören. Schier ausgeschlossen dürfte indes sein, dass einer der nächsten brasilianische Superstars diesen Namen trägt. Wer will halt schon als Erbe Pelés ausgerufen werden und übersetzt zugleich die Einschienenbahn heißen. In diesem Sinne: auf zum Zuckerhut...

 

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Blogstöckchen: Länderspielpause

Länderspielpause! Ja, da ist sie. Wie auch das Blogstöckchen, das FCS-Blogger Carsten Pilger in diesen Blog hinüberwarf. Vielen Dank. Ich nehme es gerne auf und bedanke mich ebenso für sein geäußertes Mitgefühl anlässlich des verzichtbaren Segelstreichens meiner Lieblingskicker von Werder Bremen in der 1. Pokalrunde bei Carstens Lieblingsklub, dem 1. FC Saarbrücken.
 
 
 
Doch genug der Einleitung. Auf zur Beantwortung des kleinen Fragenkatalogs, den Carsten an sein Blogstöckchen gebunden hat:
 
Bislang bestes Spiel 2013/2014?
SV Werder Bremen - 1. FC Nürnberg 3:3
Wie sich am Resultat unschwer erkennen lässt, sprang am letzten Septembersonntag für Werder gegen die Glubberer leider kein Heimsieg heraus. Von der vierten Reihe der Südtribüne des Weserstadions aus betrachtet, fühlte sich Werders spielfreudiges Spiel, inklusive einer 2:1-Führung, bis zum Halbzeitpfiff allerdings an, als befinde man sich in den besten Jahren der Schaaf-Ära. Werder endlich wieder wunderbar, ein famoses Gefühl. Selbst, wenn das Endergebnis einen eher derbe in die Realität zurückholte...
 
Absolutes Langweilerspiel 2013/2014?
Färöer-Inseln – Deutschland 0:3 (EM-Quali)
Ein Langweiler? Sicher das deutsche Gastspiel auf den Färöer-Inseln. Die Vorberichte über Land und Leute auf den Schafsinseln im hohen Norden sowie die mediale Erinnerung an die Fredi-Bobic-Gedenkmarke  waren weitaus spannender als die 90 Minuten von Thorshavn. Von denen habe ich lediglich Mertesackers Führungstreffer sowie die windigen Anfangsmomente mitbekommen habe. Erst der Schlusspfiff verbunden mit Gerd Gottlobs finalem Kommentar haben mich wieder geweckt. Gottlob!
 
Welcher Trainer ist mir angenehm positiv aufgefallen?
Thomas Schaaf
Bekanntlich ist Schaaf derzeit ohne Traineramt- und würden. Umso beeindruckender empfand ich es, dass sämtliche mehr oder weniger goutierten HSV-Gerüchte sich als Sturm im boulevardesken Wasserglas herausgestellt haben. Schaaf ist und bleibt halt 100 % Werder!
 
Welcher Trainer nicht?
Jürgen Klopp
Nach Kloppos Narretei von Neapel träume ich noch immer von seiner Grimasse gegenüber dem vierten Offiziellen und wache nachts deshalb bisweilen gar entsetzt auf. Daher wünsche mir, dass nicht so schnell weitere Klopp-Grimassen von den unzähligen TV-Kameras eingefangen werden. Und Kloppo, dass ihm irgendwann infolge dessen verzichtbare Falten erspart bleiben.
 
Welcher mediale Hype hat zuletzt genervt?
Eindeutig die immer wieder medial aufgewärmte »K-Frage«. Es darum, wann und ob Jogi Löw den Martin Max seiner Generation, Stefan Kießling, wieder oder auch nicht nominiert. Völlig gleichgültig ist hierbei, ob Bayer Leverkusens blonder Franke nun zu stark, international zu schwach oder doch Deutschlands in der Tat letzter Mittelstürmer sein sollte. Ich befürchte, dass Jogi eher Per Mertesacker als »echten Neuner vom Range eines Horst Hrubesch« ausruft, bevor »Kieß« zum  nationalen Notnagel erklärt wird.  Also, die  »K-Frage« ist doch längst ausgekocht...
 
Meine Mannschaft hat bislang…
…elf Punkte auf dem Konto und sollte rasch mindestens weitere 24 sammeln, damit der von »Kaiser Franz« orakelte Abstieg Werders tatsächlich kein Thema wird...
 
In der Länderspielpause werde ich…
…ganz genau hinschauen, ob irgendein irischer Nationalkicker (#Abwehrrecke, #Stopper) Werders Defensive die notwendige Robustheit verpassen könnte.
 
Blogstöckchen - das Prinzip:
Fragen kopieren, im eigenen Blog beantworten. Ob auf Zuwurf oder mit Aufheben des Stöckchens, entscheidet Ihr ganz alleine. Alles kann, nichts muss! Ich werfe das Stöckchen mal weiter zu »Im Schatten der Tribüne« und zu »Catenaccio«.

Foto: der-Libero.de
 

Dienstag, 16. Oktober 2012

Als Rahn kam, schoss und siegte...

Alter Schwede! Meist reißen einen Länderspielabende das skandinavische Königreich nicht gerade vom Hocker, selbst wenn die oft farblosen schwedischen Kicker ihren gelben Dress tragen und Zlatan Ibrahimovic vorneweg stolziert. Das war nicht immer so. Einmal geschah gar Denkwürdiges, als der Gladbacher Uwe Rahn gegen die Nordlichter sein Nationaelfdebüt feierte.

Uwe Rahn? In den 80ern war der blonde Mittelspieler durchaus eine große Nummer. 1987 avancierte der Gladbacher sogar zum Bundesligatorschützenkönig und zum Fußballer des Jahres , woraufhin ihn PSV Eindhoven als Nachfolger von Ruud Gullit verpflichten wollte. Doch nicht nur in Holland war Rahn nach seinem annus mirablis gefragt. Wie Bayern-Legende Klaus Augenthaler einst in einem Tagesspiegel-Interview verriet, strapazierte in den 80ern auch Bayern-Trainer Jupp Heynckes mit seinen Rahn'schen Schwelgereien erheblich die Nerven seiner Stars :

„Jupp Heynckes hat als Trainer bei den Bayern immer von Uwe Rahn gesprochen, der unter ihm in Mönchengladbach Fußballer des Jahres geworden ist: Uwe hat dies gemacht, Uwe hat jenes gemacht. Ich weiß doch, was die Jungs gedacht haben: Dann soll er den Uwe Rahn eben holen.“

Doch, zurück zu Rahns Premiere. Die spielte sich fast auf den Tag genau vor 28 Jahren am 14.Oktober 1984 in Köln im Müngersdorfer Stadion ab. Und da das Quali-Duell für die 86er WM in Mexiko gegen biedere Schweden auf eine Nullnummer hinauslief, wechselte Teamchef Beckenbauer Debütant Rahn in der 75. Minute für Spielmacher Felix Magath ein. Und siehe da, der 22-Jährige dankte dies dem „Kaiser“ sozusagen Gewehr bei Fuß.

Nur wenige Sekunden nach seiner Einwechslung schickte ihn Klaus Allofs mit einem Steilpass in Richtung des Kastens der schwedischen Torsteher-Ikone Thomas Ravelli. Und Rahn, der die Cruyff'sche Numero 14 trug, zog ab und durfte mitansehen wie sein erster Ballkontakt an Ravelli vorbei vom Innenpfosten ins schwedische Netz plockte. Tor! Im sonoren Sound von Heribert Faßbender, der ob der sich überschlagenden Ereignisse kaum sein eigenes Tempo halten konnte, hörte sich das im Übrigen so an:

„Uwe Rahn, 22 Jahre kommt zu seinem ersten Länderspiel...[Atempause] und jetzt macht er das Tor! Ich werd wahnsinnig! Das is ja unglaublich! Erster Ballkontakt und dann schießt er das Tor! Ravelli hat keine Chance, ein Billardtor. [...]“






Rahn kam, schoss und siegte. Selbst Beckenbauer wusste augenscheinlich nicht, wie ihm geschah. Dank Rahn und einem späteren Treffer Rummenigges sollte des Kaisers Elf mit Zwozunull siegen und später in Mexiko gar Vize-Weltmeister werden. Dort blieb Rahn einsatzlos und erlebte an diesem Abend von Köln seinen wohl größten Moment mit dem Adler auf der Brust - trotz stolzer fünf Treffer in 14 Einsätzen.

Von jenem Uwe Rahn, so hatte es den Anschein, hat der Kaiser nie so viel gehalten wie weiland Jupp Heynckes. Dennoch sollte Uwe Rahn den roten Bayern-Dress nebenbei gesagt nie tragen...
 
PS.: Der Artikel ist in alternativer Fassung bereits bei Thor Waterschei und bei Catenaccio erschienen.

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Talking about Dublin

Im Gälischen trägt Dublin den fast unaussprechlichen Namen Baile Átha Cliath. Wie irlandaffine Zeitgenossen fabulieren dürften, bedeutet dieser Zungenbrecher in etwa so viel wie „Schwarzer Sumpf“. Wenn am Freitagabend Jogis favorisierte Löwen in der WM-Quali in Irlands Hauptstadt gastieren, könnten manche über ein schlechtes Omen unken.

Doch weit gefehlt. Deutsche Nationalteams sind seit 1956 auf der „Grünen Insel“ ungeschlagen. Und da seitdem jede der vier Partien in Dublin stattfand, scheint das schlechte Omen längst im schwarzen Sumpf versunken zu sein. Drei der Duelle stiegen im legendären Stadion an der Lansdowne Road, wo so manche Begegnung zum deutschen Debütantenball geriet. Etwa im Mai 1979, als Bundestrainer Jupp Derwall gegen damals schwache Boys in Green German Greenhorns wie Bernd Schuster, Dieter Hoeneß oder Jimmy Hartwig ihre Premiere mit dem Adler auf der Brust feiern ließ.

Morgen Abend werden die beiden Hymnen im Aviva Stadium erklingen. Das letzte deutsche Gastspiel fand 2007 im Croke Park statt, wo Jogi Jungs dank einer Nullnummer das Ticket für die 2008er Euro lösten. Croke Park ist ansonsten Schauplatz der Länderspiele im Gaelic Football oder Hurling. Nur während der zweijährigen Bauphase des Staidiam Aviva, das  2010 eröffnet und auf dem Grund des abgerissenen Stadions an der Lansdowne Road errichtet wurde, trugen die Iren dort ihre Fußball- und Rugby-Länderspiele aus.

Weder Löw noch Trapattoni werden morgen auf dem grünen "Parkett" des feinen Fußball-Tempels einen Debütantenball veranstalten. Von den irischen Gastgebern darf wie eh und je eine Art Wiedergänger des Kick & Rush erwartet werden, kultiviert durch Trapattonis taktische Finessen, was die defensive Ausrichtung angeht. Die größten Stützen der irischen Eleven sind neben ihrer Kampfkraft ihre fabulösen Fans im Rücken.


Und sonst? Da vertraut "Trap" weiter auf seinen in die Jahre gekommenen Kapitän Robbie Keane, der irischer Rekordtorschütze ist und stolze 121 Länderspiele auf dem Buckel hat. Das spricht zwar eindeutig für den 32-jährigen irischen Senior, der für das Beckham-Klübchen Los Angeles Galaxy auf Torejagd geht - aber auch gegen den irischen Nachwuchs. Als mögliche irische Geheimwaffe hätte im Übrigen ein gewisser Rory Delap eine Rolle spielen können, nachdem sich der Profi von Stoke City in den letzten Jahren einen kapitalen Ruf als irisches Einwurfwunder in der Premier League aufgebaut hat.

Viele der von Mr. Delap mit seinen Händen in gegnerische Sechzehner katapultierten Bälle, von britischen Revolverblättern gern als „bombs“ bezeichnet, wirken zuweilen schärfer als so manche Flanke. Einstige deutsche Einwurfkönige wie Uwe Reinders oder Harald Katemann dürfte da große Augen bekommen. Es gab weiland gar Tage, da wollte selbst Arsenals Arsene Wenger, nachdem seine Abwehr sich von Delaps „bombs“ hat verballhornen lassen, Einwürfe völlig abschaffen. Monsieur Wenger müsste sich erst einmal bei ebay reinklicken, wo in Gedenken an Delap T-Shirts mit dem schmissigen Schriftzug „You’ve been delaped“ auf den Markt geworfen wurden …

Nachdem bei „Trap“ zuletzt Flügelflitzer Damien Duff und Rekordnationalspieler und Keeper Shay Given, beide jenseits der dreißig, den Dienst nach der wenig erfolgreichen Euro quittieren mussten, dürfte der irische Einwurfkönig mit seinen stolzen 36 Jahren für Trapattonis Boys in Green leider doch etwas zu alt sein. By the way, zum elften und letzten Mal streifte Rory Delap anno 2004 den grünen irischen Jersey über. Eine Rückkehr hätte vielleicht einer der größten Würfe von Mr. Delap werden können...

Dienstag, 11. September 2012

Vienna calling

Dienstag, 11. September. Wien, Ernst-Happel-Stadion. Österreich versus Deutschland. Bereits früh morgens surrt Falcos Liedchen »Vienna calling« mahnend aus dem Radio.

Mahnend, da fast jedes austro-deutschen Duell einen Hauch von Revival an jenen 3:2-Triumph Österreichs in dem argentinischen Städtchen Cordoba birgt. Oder allenfalls  bei den Österreichern die Hoffnung weckt, dass sich die deutsche „Schmach von Cordoba“ wiederholen könnte. Also, dass die Austria die „Piefkes“ noch einmal in einer Partie von Belang schlägt, Reporter deswegen „narrisch“ werden undsoweiter.

Eigentlich drehen sich derlei aufkommenden „Cordobareien“ um einen Sieg in der argentinischen Pampa, in dem fast nur noch um die „Goldene Ananas“ ging. Austria war vor dem letzten Spiel dieser Zwischenrunde bereits ausgeschieden und die Deutschen einen 5:0-Kantersieg gegen den Nachbarn landen müssen, um doch noch schon verpassten Einzug ins Halbfinale dieser 1978er WM zu erreichen.  „Bananenflankenkönig“ Manni Kaltz war anno 1978 auf dem Rasenrechteck Cordobas zugegen. Fast so messerscharf wie einst seine Flanken gab Kaltz einmal in der WELT zu Protokoll:

„Sie haben ein Spiel gewonnen. Und was hat es ihnen gebracht? Gar nichts! Ich glaube, sie haben das Spiel nie verkraftet.“
Um der Chronistenpflicht genüge zu tun, darf die zentrale Cordoba-Gestalt nicht unerwähnt, deren Name diesem Duell fast schon eine eigene Melodie gibt. Österreichs ewiger Torjäger und damaliger Doppelstorschütze Johann „Hans“ Krankl, der sich dank seiner vielen Tore beim FC Barcelona sogar den Namen Goleador verdiente. Für einige Zeit sollte Krankl gar als Österreichs Bundestrainer wirken. Doch Sehnsüchte nach neuerlichen Cordobas konnte Krankl nicht stillen. Ob mit oder ohne Krankl, heute Abend flammt die erneute Cordoba-Gefahr für die hochfavorisierte deutsche Elf auf.

Doch, was wenn im Fall der kühnsten Fälle sich ausgerechnet ein gewisser Marko Arnautovic zum österreichischen Helden sozusagen als Erbe Krankls aufschwingt? Muss Jogi Löw dann seinen Hut nehmen und Philipp Lahm die Binde abgeben? Arnautovic selbst kündigte bereits die plumpe Pauke schlagend an, "Deutschland weh tun" zu wollen. Der Schlüssel für den Erfolg sei ein Tor von ihm selbst und dass Austria-Keeper Almer keinen Treffer kassiere...  
Jener Krankl gab übrigens auch seinen Ehrensenf dazu ab, sieht den Nachbarn schwächeln und tippte ein cordobaeskes 3:2 Ausrufzeichen. Arnautovic und Krankl. Da frage ich mich glatt, ob dieser Arnautovic, wie weiland jener Hans Krankl es unter dem Pseudonym Johann K. tat, auch einmal Gassenhauer namens »Der Bätmän bin i« trällern würde?


Bei allem Respekt vor dem ewigen Hans Krankl alias Johann K., Falcos »Vienna calling« lässt einen da leidlich weniger „narrisch“ werden …

Freitag, 7. September 2012

Kein Kanonenfutter

Hört man Jogi Löw in diesen Tagen vor dem Duell gegen die Färöer-Inseln so reden, könnte man meinen, sie existiert nicht. Löw spricht einfach davon, dass der  Fußball-Zwerg aus dem hohen Norden für Poldi und Kollegen schlichtweg  „kein Kanonenfutter“ sei. Und, das war es. Doch, sie existiert: eine kleine deutsch- färöische Fußballtradition.

Etwas eigenartig wirkt sie, fast schon eigenwillig. In etwa so, wie auf den wenigen Kunstrasenfeldern auf der Inselgruppe die Elfmeterregel ausgelegt wird. Dort darf ein dritter Spieler in das Elfmetergeschehen  eingreifen und dem Schützen den Ball festhalten. Warum? Wegen des heftigen Windes, der über die Färöer weht. Deutsch- färöische Fußballtradition? Genau. Eventuell stehen Günter Netzer und Gerd Delling für diese Tradition, als Netzer und Delling einmal über färöische Fußballfinessen plauderten.


Vielleicht steht aber auch der Balkan-Schwabe Fredi Bobic, Europameister 1996, für diese kleine Tradition. So taucht Bobic doch auf einer Gedenkbriefmarke der FIFA auf, die ihn im Zweikampf gegen grätschende färöische Verteidiger zeigt. Seinerzeit, als amtierender Vize-Weltmeister zeigte Teamchef Rudi Völler noch den deutschen Kickern wie sie über die Rasenrechtecke streunen sollen. Richtig, es gibt nur einen Rudi Völler. Wer erinnert sich noch, als Völler solche Partien wie gegen die Färöer mit der mystischen Melodie „es gibt keine Kleinen mehr“ untermalte. Und ließ bei diesen Gelegenheiten gerne die sagenumwobene „Brechstange“ aus der kreativen Kiste holen. Lang, lang ist es her.

Jogi Löw als einer von Völlers Nachfolgern wird nachgesagt, jene Brechstange derart tief in die DFB-Asservatenkammer verbannt zu haben, dass sie kaum einer wiederfinden kann. Hoffentlich gelingt es Jogis Löwen heute Abend gegen die Färöer mit schnellen Spielzügen, raffinierten Rochaden und vielen Toren ein Trauma des letzten deutsch-färöischen Duells aufzuheben, welches ich als Augenzeuge vor zehn Jahren im damaligen Niedersachsenstadion in Hannover erlitten habe. Ein Trauma dank flotter wie fleißiger Färöer und einfallslosem Völler'schen Quer- und Rückpassgeschiebe mit gleichzeitigen Brechstangenelementen. 

Protagonist jenes absurden Abends war ein gewisser Michael Ballack. Wie fast alle Zuschauer an diesem nasskalten Herbstabend erwartete ich ein Schützenfest und schmunzelte, als der Torhüter der Färöer den Rasen mit einer Pudelmütze betrat und durch den Nieselregen hüpfte. Momente nach dem Anpfiff bekam ich dann gleich Mitleid mit den Gästen aus dem hohen Norden. Es gab Strafstoß, doch der aufgezogene Jubel als Ouvertüre eines torreichen Abends brandete merkwürdig schnell ab. Michael Ballack schnappte sich den Ball, klemmte ihn sich unter den Arm und marschierte majestätischen Schrittes in Richtung Tor.

Am Elfmeterpunkt angekommen legte er den Ball in für ihn arttypischer Haltung, das heißt mit grimmigem Blicke und breiter Brust, auf den Elferpunkt. Jene furchteinflößende Aura schien selbst auf den Tribünen des alten Niedersachsenstadions spürbar. Britische Gazetten sollten Ballacks außerordentliche physische Präsenz später einmal als „arrogance“ bewundern. Den Strafstoß versenkte Ballack humorlos im Stile Johan Neeskens in der Mitte des Tores. Der pudelmützige Keeper der Färöer war kurz zuvor ehrfürchtig in die andere Torecke gehechtet. So, als habe er Ballack eine Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrücken sehen. Michael Ballack schien in diesem Moment auf der Höhe seiner Zeit. …

Wider den allgemeine Erwartungen, erstarrten die Fußballer von den Färöer-Inseln danach weder in Ehrfurcht noch ergaben sie sich gegen die Herren Vize-Weltmeister in ihr Schicksal. Vielmehr schien die pomadige Völler-Elf schon Mitte der 2. Hälfte regelrecht am Ende, aufgeweicht vom Regen und der Kampfkraft der wackeren und weithin unterschätzten Gäste. Es hatte den Anschein, als hätten sie noch nie von der einstigen färöischen Sensation gegen Österreich im schwedischen Landskrona gehört.


Dies alles gipfelte in einer Schlussphase mit gnadenlosen Pfiffen bei jedem deutschen Ballkontakt und Szenenapplaus für feinste färöische Flachpässe, über fünf Meter versteht sich. Nachdem sich Völlers Elf nach einem Arne Friedrich-Eigentor und einem Kopfballtreffer Miro Kloses zu einer knappen 2:1-Führung gequält hatte, lief kurz vor dem Abpfiff plötzlich ein kleiner blonder färöischer Angreifer allein auf Olli Kahn zu und zielte auf Kahns Kasten. Im Niedersachsenstadion herrschte einen Moment lang kollektiver Schochzustand. Landskrona in Hannover? Diese atemlose Schrecksekunde war erst beendet, als der Ball an den Innenpfosten klatschte...

Die färöischen Fans jubelten und wedelten euphorisch mit ihren  Fahnen. Während der „Titan“ vor Entsetzen fast „kahnsinnig“ wurde, war Ballack völlig untergetaucht. Das tat ich ihm gleich und flüchtete in Richtung Parkplatz. Dort erzählte man sich später, wie die Völler-Elf das 2:1 gerade so über die Zeit gerettet hatte und wie bei der färöischen Ehrenrunde jener Pudelmützenkeeper fahnenschwenkend durch die Gegend gehüpft war. Die Wikinger seien kein Kanonenfutter gewesen, hieß es dann zwischen hupenden Autos. Jogi Löws warnendes Sätzchen kommt mir daher merkwürdig bekannt vor. So, als wenn er damals auch im Stadion gewesen wäre...