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Sonntag, 1. Juni 2014

Mit Achtung vor der Brechstange

Was macht eigentlich, die Brechstange? Sie wird erstaunlicherweise wieder kultiviert. Denn Dominik Stroh-Engel, der knapp zwei Meter große Torjäger des Zweitligaaufsteigers Darmstadt 98 hat Zeit Online neulich ein lesenswertes Interview gegeben, in welchem der Torschützenkönig der 3. Liga aufhorchen lässt. Stroh-Engel, der es einst auf ganze drei Bundesligaeinsätze für Eintracht Frankfurt brachte, berichtet überaus reflektiert über Darmstadts dramatischen Aufstieg, seine fulminante Trefferquote, die Selbstzweifel eines Stürmers, und preist obendrein die Fertigkeiten eines exzellenten Strafraumspielers.


Nicht zuletzt lässt Stroh-Engel, der aufgrund seiner hünenhaften Statur eher an einen etwas aus der Zeit der gefallenen Sturmtank verkörpert, aufhorchen, als er fernab Löw’scher und Pep’scher Dogmatik anschaulich über den Stürmertypus der falschen Neun sinniert:
 
»Das kann ein guter Plan A sein, mit kleinen Spielern kombiniert man sich durch bis vor das Tor. Aber in vielen Spielen bleibt man kurz vorm Ziel hängen. Dann bleibt von der falschen Neun nichts als Schönspielerei. Davon halte ich nichts. Ich schätze den Sturmlauf und ich achte die Brechstange.« 
 
Schau an, nur selten wurde in letzter Zeit der Brechstange ein derartiger Lorbeerkranz gebunden. Aus diesem Anlass hat Der Libero seine Top 5 typischer Brechstangenkicker herausgekramt, die sich fernab von filigranen Petitessen sicher beliebig erweitern ließe.

1. Dieter Hoeneß verkörpert vermutlich den König dieses Spielertyps. Unvergessen, wie der einstige „Schwabenpfeil“ im 1982er Pokalfinale für den FC Bayern mit blutdurchtränktem Turban den Nürnberger »Glubb«  niederrang. Selbst im 1986er WM-Endspiel gelang es den Mannen von Kaiser Franz, einen 0:2-Rückstand gegen Maradonas Argentinier kurzzeitig aufzuholen, nachdem der Kaiser seine Brechstange aufs Feld geschickt hatte.

2. John Hartson: Verewigt in der Ahnengalerie der brechstangenhafter Strafraumkanten hat sich unlängst der Hüne aus Wales. Als Hartson vor einigen Jahren seine Stiefel an den berühmt-berüchtigen Nagel hing, dürfte so manch britischer Stopper einen leisen Entspannungsseufzer gelassen haben angesichts Hartsons archaischer Abschiedworte: »Es war immer mein Traum, am Wochenende Dampf abzulassen und Verteidiger zu terrorisieren.«
 
3. Daniel van Buyten: Nicht fehlen darf der robuste 36-jährige Innenverteidiger des FC Bayern, den vor allem Jupp Heynckes bei den rar gesäten Rückständen wie im Champions League-Finale dahoam versus Chelsea in gegnerische Strafräume schickte und wo der belgische Catcher-Sohn allein durch seine kolossartige Statur sein Unwesen trieb. Wer weiß, welch Unruhe van Buyten bei der baldigen WM in Brasilien als Anführer und personifizierte Brechstange der juvenilen belgischen Equipe in fremden Sechzehnern stiften wird.
 
4. Horst Hrubesch. Sicher, was wäre eine Brechstangen-Liste ohne das einstige „Kopfball-Ungeheuer“ des HSV, der Deutschland anno 1980 per Doppelpack zum Europameister machte. Denn mehr blonde Brechstange als mit Hrubesch geht wirklich nicht. So mancher wird zuletzt in dem bulligen Pierre-Michel Lasogga endlich einen Erben von Hrubeschs Format im Zentrum des lange darbenden HSV-Angriffs gesehen haben. Doch Hertha-Leihgabe Lasogga scheint beim HSV schon bald auf und davon zu sein…
 
5. Oliver Bierhoff. Ihren Abschluss soll diese kleine Liste mit dem Manager der Nationalelf finden. Gern erinnern wir uns daran, wie der von der Bundesliga verschmähte und von Rudi Völler einst als „Malta-Fuß“ gebrandmarkte Bierhoff, mit seinem ewigen Golden Goal Deutschland zum EM-Titel 1996 schoss. Selbstverständlich, wie es sich für eine Brechstange gehört, zuvor von Bundestrainer (und seinem Mentor) Berti Vogts eingewechselt. Genau dann, als auf Wembleys heiligem Rasen in jenem EM-Finale gegen Tschechien nicht mehr viel ging…

Sonntag, 23. Oktober 2011

Mit der Leichtigkeit einer Libelle

Ganz klar. Vergangenen Dienstagabend erlebte Daniel van Buyten, der belgische Verteidiger-Hüne des FC Bayern, eine Sternstunde. In der Champions League gastierte der Rekordmeister beim einstigen Maradona-Klub SSC Neapel. Es sind mittlerweile zwei Jahrzehnte vergangen, dass der unterhalb des Vesuvs für heilig verehrte Maradona den stolzen Neapolitaner Erleuchtung gebracht hat. Doch selbst heute ist Diego in Napoli noch immer allgegenwärtig.

Findige Journalisten fassten daher Bayerns Libero-Legende Klaus Augenthaler für ein Interview sozusagen ins Auge. Man sollte hierzu wissen: Augenthaler stand beim letzten Bayern-Abstecher im April’89 in Napoli seinen Mann gegen Diegos Dribblings. Dennoch zogen die Bayern dort im UEFA-Pokal-Halbfinale den Kürzeren. Und good old Klaus Augenthaler berichtete nun 20 Jahre später vielsagend davon: „Ich erinnere mich noch genau an sein Aufwärmen in Neapel. Während sich die Mannschaft im Kollektiv aufgewärmt hat, hat er mit seiner Tochter im Arm versucht, den Ball in einen Basketballkorb reinzulegen.“

Augenthalers Retrospektive in Ehren, nach Bayerns erneutem Napoli-Absteher redete keiner mehr von Maradona. Die Bayern hatten im Schmelztiegel San Paolo dominiert, spielten mit 1:1 remis, wobei Gomez trotz oder wegen eines neapolitanischen Laserpointers den siegbringenden Elfmeter verschoss. Nach alledem huldigten die italienischen Gazetten vor allem diesem Koloss Daniel van Buyten und überschlugen sich geradezu.

Tuttosport notierte, van Buyten sei stets am richtigen Platz gewesen. Ob seiner leichtfüßigen, ja fast schwebenden, Darbietung im Zweikampf mit Napolis Angreifern besang der Corriere dello Sport den Belgier regelrecht: „Zu den besten Bayern-Spielern zählte van Buyten: Er ist ein Gigant mit der Leichtigkeit einer Libelle“.

Ich gebe zu, ich hab diesen van Buyten bisher für einen arttypischen Stopper gehalten und die besungene Leichtigkeit noch nicht als Qualitätsprädikat erkannt. Van Buyten, ein Stopper mit „Rammbockqualitäten“. Ein standhafter und taktisch versierter Stopper mit dem zuweilen schwerfälligen Schwung einer Lokomotive. Dieser van Buyten, der Sohn eines Catchers, hätte gewiss auch in dem Hollywood-Streifen „Gladiator“ mit Schild und Schwert in den Pranken eine gute Figur abgegeben. Zum Beispiel, indem er neben Hauptdarsteller Russell Crowe angreifende Tiger und Bären im Kolosseum in die Flucht schlägt.

Zudem erinnerte mich der Anblick van Buytens oft an den früheren schottischen Stopper Colin Hendry, ein Hüne desselben Schlages. Neben seiner Statur war Hendry schon allein wegen seiner semmelblonden Haarpracht auffällig, die einen Kontrast zum dunkelblauen schottischen Dress bildete. Für sein Heimatland machte Hendry in den Neunzigern zumeist die Schotten dicht. Nur einmal geriet dieser Abwehrturm vor meinen Augen ins Wanken.

Das war bei der Europameisterschaft 1996. Damals musste Schottland im entscheidenden Vorrundenspiel gegen die verhassten englischen Gastgeber unbedingt gewinnen.Doch dazu kam es nicht, da ein gewisser Paul Gascoigne an diesem sonnigen Tag im Juni '96 in Wembley sein wohl berühmtestes Tor erzielte.

„Gazza“ jonglierte bei einem englischen Konter den Ball über den orientierungslosen Hendry hinweg, überlief Hendry und wuchtete nach diesem Solo den Ball ins schottische Netz. Es war Englands Siegtreffer und zugleich Schottlands Turnier-Aus. Dass dieser Daniel van Buyten in seiner Zeit bei den Bayern regelmäßig ins Wanken gerät oder geraten ist, war wohl meine Querverbindung zu diesem Colin Hendry.

Da mir aber fehlbare Stopper ihres Schlages durchaus sympathisch sind, werde ich beim künftigen Anblick van Buytens nicht mehr an diesen Hendry denken. Ich werde nur noch diese eine Schlagzeile für die Ewigkeit im Sinn haben, in der ihn der Corriere dello Sport als den Protagonisten einer neapolitanischen Nacht im Oktober 2011 besingt: „Ein Gigant mit der Leichtigkeit einer Libelle“.