Samstag, 15. Dezember 2012

Wie dänisches Dynamit

Kleiner Mann ganz groß: Allan Simonsen wird heute 60. Glorreiche sieben Jahre wirbelte der Däne in den wilden Siebzigern für die legendäre Gladbacher „Fohlen-Elf“, eroberte in der Bundesliga drei Meistertitel, gewann zweimal den UEFA-Cup und einmal den DFB-Pokal. Ja, dieser Allan Simonsen verkörperte am Bökelberg pures dänisches Dynamit, erzielte unzählige Tore im Europapokal und stolze 76 Treffer in nicht einmal 180 Bundesligapartien. Dribbelstark, wendig, wieselflink und schussgewaltig: das war eine explosive Mischung. 

Dabei hatte Günter Netzer anfänglich noch Bange bekundet, der nur 1,65 Meter kleine Däne könne in der Bundesliga glatt umgepustet werden. Tatsächlich brauchte Simonsen fast eineinhalb Jahre, um sich an die Bundesliga und deren Gangart zu gewöhnen. Letztlich avancierte der Däne aber sogar 1977, als Gladbach im Finale des Landesmeistercuos trotz eines Simonsen-Tores dem FC Liverpool unterlag, gar zu Europas Fußballer des Jahres. Eine Ehre, die den anderen Gladbacher Giganten dieser Zeit wie Heynckes, Netzer oder Bonhof vorenthalten blieb.

 
Später stürmte Simonsen einige Jahre für den FC Barcelona, um nach einem Abstecher beim damals zweitklassigen Londoner Klub Charlton Athletic, der bezeichnenderweise für Simonsens damaligen Karriereverlauf in einem Stadion namens „The Valley“ kickt, seine große Laufbahn bei seinem dänischen Heimatklub Vejle BK ausklingen zu lassen. Als Nationaltrainer Luxemburgs und der Färöer-Inseln kehrte er übrigens sporadisch noch einmal auf die großen Bühnen des Fußballs zurück. Zum Anlass von Simonsens "60sten" soll nun mit folgender Episode erzählt werden, dass der kleine Jubilar in Mönchengladbach auch heute noch immer eine große Nummer ist.

Schon vor dem Anpfiff des Gastspiels von Werder Bremen im Herbst im Borussia-Park war ich beeindruckt von der Gladbacher Ahnengalerie, die an der Außenhaut der Arena prangend die Fotos der „Fohlen-Jahrhundertelf“ zeigt, die als Reminiszenz an die große Bökelberg-Ära dienen. So kann es passieren, dass man eine Bratwurst isst und sich jener Allan Simonsen über einem erhebt. Und fürwahr, ich sollte Simonsen an diesem Samstag immer wieder begegnen, an dem über Mönchengladbach wahrhaftig die Sonne lachte. Denn Favres „Fohlen“ überrannten Werder gnadenlos mit 5:0.

Gladbachs grandiose Galionsfigur Marco Reus traf dreifach, dribbelte seinen überforderten Werder-Widersachern Knoten in die Beine, so dass diese während der 90 Minuten ausschließlich seine Hacken zu sehen bekamen. Viele Borussen-Fans von der Haupttribüne erhoben sich daher oft wild klatschend von ihren Sitzplätzen, fotografierten etwa nach jedem Tor ekstatisch den Zwischenstand von der Anzeigetafel ab und riefen Sätze wie: >>Wir sind wieder wer!<<. Der mitgereiste Radio Bremen-Reporter legte zum Schluss gar sein Mikro beiseite, streckte seine Beine aus und rauchte genervt Kette.
Überraschend war an diesem Nachmittag nicht etwa  wie Marco Reus abgefeiert wurde oder die "Wir sind wieder da"-Schlachtrufe aus allen Ecken hallten. Eher, wie präsent jener Simonsen in den Lobhudeleien links und rechts von mir war: Allan damals hier, Allan damals dort… Selbst nach dem Abpfiff, sollte diese Euphorie noch auf dem Parkplatz anhalten. Dort traf ich einen wankenden Mittfünfziger, dessen Trikot verdächtig spannte und auf dem Rücken den Namen „Günni“ über einer großen „5“ trug. 

Beim Anblick meines Werders-Schals grinste „Günni“ dann hämisch und ließ mich Zeuge davon werden, wie mir eine Parkplatzlaudatio Marco Reus entgegen lallte: „Ey, Du Fischkopp! Vergiss Netzer, von dem ich das Trikot anhab. Unser >>Rolls Reus<< spielt wie Allan. Und, weisste was? Reus is‘ unser neuer Allan Simonsen!“. Nach seinem Ritterschlag für Reus machte „Günni“ kehrt und entschwand in der Dunkelheit, in der letzte Wortfetzen allmählich verhallten. Wie gesagt, dieser Allan Simonsen war allgegenwärtig…

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