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Sonntag, 18. November 2012

Über Ur-Schreie in die Nachbarschaft

André Zechbauer ist seit der Saison 1976/77 Anhänger des FC Bayern München und seit 1987 Bayern-Mitglied. Nach Jahrzehnten auf Fußballtribünen im In- und Ausland, beobachtet er die Geschehnisse rund um den Rekordmeister mittlerweile durch die Fernglasperspektive. Und das macht er seit mehr als vier Jahren kritisch und pointiert in seinem Blog »Fernglas FCB«.

Wie der FC Bayern-Experte den bisherigen Saisonverlauf seines Lieblingsklubs einschätzt oder was er etwa von dem Duo Jupp Heynckes/Matthias Sammer oder Javi Martinez hält? Der Libero hat  nachgefragt und der FCB-Blogger stand Rede und Antwort…
 
1. André, die erste Frage ist wohl unvermeidlich. Das „Finale dahoam“ ist nun einige Monate her. Ist es Dir eigentlich mittlerweile gelungen, es zu verdauen?  Und war es Dein schlimmstes Erlebnis als Bayern-Fan?

Ich habe während des Spiels natürlich viel geflucht, diverse Ur-Schreie in die Nachbarschaft gebrüllt und ab der Halbzeitpause durchgehend gestanden, aber erstaunlicherweise hatte ich die Niederlage relativ schnell verarbeitet. Schon einen Tag später habe ich das Ganze ziemlich nüchtern analysieren können. So bitter es ist, aber in diesen Spielen zählt: Keine Fehler machen und die Fehler der anderen Mannschaft gnadenlos ausnutzen zu können. Das war 1975 so, als wir – schmeichelhaft ausgedrückt - „sehr effektiv“ Leeds United schlugen; das war 1987 in Wien und 1999 in Barcelona so – und so war es eben auch in München im vergangenen Mai.

Mich hat vor dem Spiel schon gestört, dass kaum jemand von Chelsea sprach, sondern nur vom „Finale dahoam“ – die Fokussierung auf Chelseas Stärken fehlte mir in der öffentlichen Wahrnehmung.

Meiner Meinung nach hatte Jupp Heynckes, so sehr ich ihn schätze, großen Anteil an der Niederlage. Vor einem solchen Spiel musst du Elfmeter trainieren – und sei es nur für die Psyche. Außerdem müssen die Schützen festgelegt, nein – in Stein gemeißelt, sein. So ein Abwehrfehler wie vor dem Ausgleichstreffer Drogbas darf nicht passieren, wenn Du gut auf den Gegner vorbereitet bist. Schon gar nicht zwei Minuten vor Ende der Partie. Das alles hat nicht gestimmt und wäre durch exzellente Vorbereitung zu verhindern gewesen. So gewinnt man dann eben auch kein Finale in der Champions League. Wer weiß das besser, als wir Bayern?!

Mein schlimmstes Fußball-Erlebnis war das Finale 1999 gegen Manchester United – und das wird es wohl auch bleiben. Zum einen weil ich damals im Stadion war, zum anderen weil ich bis zu diesem Spiel schon zwei Jahrzehnte auf einen Titelgewinn in der Königsklasse hin gefiebert und die Schmach von Wien im Jahr 1987 im Prater-Stadion miterlebt hatte.

2. Die aktuelle Saison läuft für die Bayern bisher überaus glänzend, der Name Deines Blogs steht wieder symbolisch für den Abstand zu den Verfolgern. Was meinst Du, was springt am Ende der Saison für die Bayern heraus und welche Rolle spielt dabei Borussia Dortmund?

Am Ende sind wir Meister und hoffentlich auch Pokalsieger. Die Champions League ist die große Unbekannte, aber ich hoffe in London 2013 dabei sein zu können.

Natürlich ist Borussia Dortmund aufgrund des Spielerpotenzials und der Spielweise neben Bayern das Top-Team der Liga, auch wenn Schalke seit Beginn der letzten Saison enorm konstant auf hohem Niveau spielt. Der Unterschied zum letzten Spieljahr ist aber, dass nicht wir sondern die Dortmunder hin und wieder schwächeln. Schalke hat einfach das Pech ausgerechnet in ihrer stärksten Phase zwei bärenstarke Konkurrenten erwischt zu haben. Am Ende hoffe ich nur, dass sich die deutschen Teams nicht in der Champions League begegnen – das ist immer undankbar für alle Beteiligten. Ein Selbstläufer wird allerdings auch diese Meisterschaftssaison nicht.

3. Maßgeblich am erfolgreichen Saisonverlauf beteiligt ist Cheftrainer Jupp Heynckes. Wie beurteilst Du seine Zukunft an der Säbener Straße und die Zusammenarbeit mit Matthias Sammer?

Im Moment läuft alles großartig und dann sind alle Seiten immer gerne bereit, Verträge zu verlängern. Bayern braucht aber eine langfristige Alternative zu Heynckes, aufgrund seines Alters. Ich habe nichts gegen zwei weitere Jahre mit ihm, aber nach ihm sehe ich nur Top-Leute wie Mourinho oder meinen Favorit Pep Guardiola. Beide passen exzellent zum FC Bayern. Klopp, Fink, Babbel, Tuchel oder auch Slomka sehe ich da einfach nicht.

Was das Duo Sammer-Heynckes angeht, wird viel geschrieben und hinein interpretiert. Ich will nicht rumfloskeln, aber wichtig ist doch nur dass alle am gleichen Strang ziehen, weil alle das Gleiche wollen. Matthias Sammer ist mit seiner Einstellung und Akribie beim FCB genau richtig.

4. Heynckes Vorgänger, der heutige Bondscoach, Louis van Gaal sorgte zuletzt mit seinen Aussagen über die vermeintliche Allmacht von Uli Hoeneß für einige Kontroversen. Welche Sicht der Dinge hast Du?

Van Gaal ist in sein Spiegelbild verliebt, so wie Narziss – nur war Narziss vermutlich schöner als Louis van Gaal. Wenn jemand unbelehrbar und wenig kritikfähig ist, wird es mit der Bayern-Führung und gerade mit Uli Hoeneß schwierig. Hoeneß hat sich damals für die Mannschaft und gegen van Gaal entschieden. Etwas anderes konnte er auch gar nicht tun. Natürlich ist Hoeneß aufgrund seiner Leistungen für den Verein auf eine gewisse Weise allmächtig, aber van Gaal war eben nur Trainer – da muss man sich auch unterordnen können und kompromissbereit sein. Ich bin kein Freund von solchen Nachtretereien über die Medien, aber van Gaal ist in seinem Stolz verletzt – da waren seine jetzigen Aussagen durchaus zu erwarten. Schade, wir hatten auch viel Spaß mit ihm.

5. Lass uns über kostspielige „Premiumtransfers“ sprechen.  Javi Martinez ließen sich die Münchner bekanntlich gute 40 Millionen Euro kosten. Wie bewertest Du den Transfer und den bisherige Rolle des Basken bei den Bayern?

Ich betrachte den Transfer nicht nur über die Ablösesumme – der Spielertyp Martínez ist für den Verein extrem wichtig. Er hat angedeutet, was er alles kann – und ich fand das sehr beeindruckend. Seine Zeit wird noch kommen, aber man muss schon genau hinsehen um seine Qualität einordnen zu können: Nerven- und Zweikampfstärke, Ballbehauptung, Raumgefühl – und er kann fantastische Pässe schlagen. Die Qualitätsdichte im defensiven Mittelfeld ist mit ihm besser geworden, das zwingt Gustavo und auch Schweinsteiger zu Top-Leistungen.

Ganz abgesehen davon glaube ich, dass der Transfer auch eine „politische“ Bedeutung hatte. „Sehr her, wir Bayern können da auch mithalten und müssen nicht mal Schulden machen“ – das ist eine Zäsur zu bisherigen Transferperioden. Es zeigt den anderen Top-Klubs und Top-Spielern: Bayern ist endgültig ganz oben angekommen. Sportlich und wirtschaftlich gibt es da ohnehin keinen Zweifel mehr.

 
6. Im Rückblick auf Deine ganzen Jahre als Bayern-Daumendrücker: welcher ist für Dich eigentlich der beste Transfer, den der FC Bayern bzw. Uli Hoeneß je getätigt hat?

Der beste Transfer war der von Karlheinz Rummenigge zu Inter Mailand. Das hat den Verein damals gerettet und die Weichen in die richtige Richtung gestellt. Hinzu kommen natürlich Transfers wie die von Matthäus, Elber, Pizarro – die allesamt äußerst lohnend waren.

7. Zum Schluss bitte ich Dich um ein paar Worte zum „Geburtstagskind“ Bundesliga, die sich in ihrer Jubiläumssaison befindet. Welches war für Dich das schönste Erlebnis mit ihr und wer ist Dein ewiger Bundesliga-Held?

Das schönste Liga-Erlebnis für mich war die Meisterschaft 1986.Vor 74.000 Zuschauern ein 6:0-Sieg gegen Gladbach am letzten Spieltag - und im Stadion hat den Kantersieg niemanden interessiert, weil wir nur auf die Anzeigentafel schielten, wie es denn in Stuttgart steht. Bremen verlor und wir hatten es tatsächlich noch geschafft, Das war fantastisch!

Das last-minute-Tor von Andersson in Hamburg 2001 habe ich selbst nicht miterleben können, da ich zu der Zeit in Irland studierte. Wäre ich in Hamburg dabei gewesen, wäre das sicher mein Favorit geworden.
 
Mit Fußball-Helden ist das so eine Sache. Persönlich mochte ich besonders Mehmet Scholl und Bixente Lizarazu – als Kind war es Rummenigge. Aber diese Drei stehen jetzt auch nicht gerade exemplarisch für Heldentaten. Ich habe keinen wirklichen Helden im Fußball.

Vielen Dank für das Interview!

Montag, 27. August 2012

Weichgespielt

Themenwoche „50 Jahre Bundesliga“, Teil 3. Kuschelweich ist die erfolgreichste Weichspülermarke Deutschlands, deren Marktanteil hat sich innerhalb kürzester Zeit mehr als verdreifacht. Ähnlich rasante Steigerungsraten hat die Spezies Kuschelweich wohl auch in der Bundesliga zu verzeichnen. Wie sonst ist es zu erklären, dass BVB-Ikone und Lautsprecher Sammer als Messias an der Säbener Straße gefeiert wird, Fußballdeutschland nach echten Typen schreit und „Chefchen“-Diskussionen über Monate die Gazetten dominieren?  Autor Udo M. bereichert die Themenwoche mit einem „weiteren überflüssigen Beitrag in der emotionalen Debatte um fehlende Häuptlinge und die Sehnsucht nach Alphatieren“.

Blicken wir zurück auf 50 Jahre Bundesliga, dann gilt es nicht lange zu überlegen  – schnell kommen die großen Spieler in den Sinn, die starken Persönlichkeiten, Anführer und Haudegen, die ihre Zeit, zumindest aber ihre Mannschaft und deren Spielweise, geprägt haben. Und heute? Heute beschleicht uns mehr und mehr der Gedanke, dass die Gilde der großen Führungsspieler eine aussterbende ist. Emotionslos, glatt, brav, langweilig – diese Attribute fallen uns ein, wenn wir den Großteil der Bundesligaspieler und insbesondere die deutschen Nationalspieler bewerten. Bezeichnend für die neue Phalanx der Langeweile ist deren Auftreten in den Medien: Die aktuellen deutschen Ikonen wie Neuer, Lahm oder Schweinsteiger treten vor die Mikrofone wie die abgebrühtesten Diplomaten, je nach aktuellem Tabellenrang oder Spielergebnis lächelnd oder mit betroffenem Gesichtsausdruck, ergehen sich ein paar Momente in allgemeinen Floskeln, verschwinden und sind samt ihrer Worte umgehend wieder vergessen.

Foto: Udo M.
Wo sind also eben diese früheren Helden hin, all die Spackos, die munter drauflosplaudern, auf und neben dem Platz ihre Meinung sagen und sich nicht um eventuelle Konsequenzen scheren? In den vergangenen Jahren hat es diese zweifellos in verschiedenen Ausprägungen immer wieder gegeben. Natürlich mag man zu jedem Spieler stehen, wie man will. Wenn etwa Uli Stein den Kaiser als Suppenkasper bezeichnet und aus der DFB-Elf geworfen wird, dann ist das zugegebenermaßen nicht vorbildlich und auch nicht leistungsfördernd. Gleiches gilt für Effenbergs erigierten Mittelfinger. Aber eins sind derartige Stories auf jeden Fall, Skandal hin oder her: Sie sind authentisch und unterhaltsam. Und es sind nicht nur die großen Sprüche, die uns mittlerweile abgehen. Wenn selbst der Friese Dieter Eilts, nicht unbedingt für staatstragende Reden bekannt, dereinst auf eine verklausulierte und mit Konjunktiven überladene Journalistenfrage mit dem Gegenargument antwortete, dass seine Oma, wenn sie ein Bus wäre, hupen könne, dann war das großes Kino – von einem Lars Bender wird man derartiges jedoch nicht hören. Oder ein Mario Basler, der nach Spielschluss in Bezug auf den verantwortlichen Pfeifenmann Kemmling äußert, dieser „müsste heute normalerweise richtig auf die Fresse kriegen“. Letztere Aussage ist ehrlich, mutig - und wird einem heutigen Bundesligastar ebenfalls kaum noch unterlaufen. Für die große Unterhaltung wird weniger denn je der verbale Angriffsfußball verantwortlich sein, hier muss die Journaille auf der Suche nach Spielern mit Profil auf den einen oder anderen Stolperer hoffen, der den dauerüberwachten Zöglingen im echten Leben passiert.

Aber auch hier gilt: Kann man sich einen Holger Badstuber vorstellen, der wie einst St. Paulis Carsten Pröpper betrunken in die Hotellobby pinkelt? Oder Tim Wiese und André Schürrle als Schlägertrupp Basler/Scheuer in einer Pizzeria? Okay, Wiese schon. Aber Schürrle als Prototyp der neuen Generation A wie aalglatt hat im Zweifel noch nie eine Pizzeria von innen gesehen – nicht der Marke „Schürrle“ dienlich, zu ungesund, zu verrucht. Ein Glücksfall boulevardesker Natur, wie ihn der ansonsten eher biedere Gladbacher Torwächter Dariusz Kampa 2005 lieferte, indem er sich vor Journalisten und Kollegen medienwirksam in der Lobby des Mannschaftshotels übergeben musste, wird wohl einmalig bleiben. Die heutige Spielergeneration besäuft sich nicht öffentlich, sondern spielt gemeinsam Tischtennis und trägt dazu als neuzeitliche Hasenpfote einheitliche Energiearmbänder zur Schau. Boatengs kurzfristiger Ausrutscher auf einen vollbusigen C-Promi ist da schon das Höchste der Gefühle. Vermutlich ist es dem Mangel an Alternativen auf seiner Position zu verdanken, dass ihn dieser medial begleitete Fauxpas nicht den Adler gekostet hat.

Aber wie konnte es soweit kommen? Wenn Jogi mit akkurat gefalteten Strenesse-Ärmeln zum großen DFB-Casting läutet, dann wissen die nervösen Teenager, was die Jury von ihnen erwartet. Und die Jungs, die nicht direkt eine Runde weiterkommen, wollen so werden wie die turnusmäßig gekürten Superstars. Starke Charaktere, die sich nicht unterordnen können oder wollen, werden ignoriert bzw. ausgemerzt. Die unrühmliche Ausbootung des Capitanos, zweifellos durch die eigene Verletzung und starke Nachrücker gefördert, war bezeichnend für die Idee Löws und sein Ideal einer neuen Fußballergeneration. Ein Kuranyi, ein Helmes, inzwischen auch ein Wiese, sie alle genügen offenbar nicht eben diesen Löw'schen Ansprüchen der biederen Zurückhaltung.

Domestizieren nennt man es in der Tierwelt, aus wilden Bestien brave Haustiere zu machen. Jogis Jungs sind dabei die Speerspitze im modernen deutschen Fußball, dessen Anforderungsprofil an einen (jungen) Ligaspieler heute ein in vielen Bereichen gänzlich anderes ist als noch vor wenigen Jahren. Bezeichnend ist hier der Umgang mit bzw. in der Öffentlichkeit. Die Spieler sind nicht nur in einer anderen medialen Umwelt groß geworden, sondern werden sehr früh durch Berater und insbesondere die Presseabteilungen der Clubs geschult, eingenordet und gedrillt, wie sie sich im Kontakt mit der Presse zu verhalten haben. Und das Bemerkenswerte daran: Die Spieler gehen heute darauf ein.

Das war früher anders - noch vor zehn Jahren sind die großen Sportmedien wie Kicker und Sport-Bild, natürlich auch die Bild selbst, auf eine gänzlich andere Resonanz innerhalb der Spielerschaft gestoßen, haben dabei Vereinsinteresse und Pressesprecher einfach ignoriert. Die Journalisten hatten nicht nur die Handynummern aller Spieler, sondern konnten sich ohne Wissen des Vereins mit Spielern verabreden, Interviews durchführen und direkt veröffentlichen. Das Bedauern der Pressesprecher des HSV, der Hertha und von Werder Bremen war unüberhörbar, der Situation standen die Clubs allerdings machtlos gegenüber. Ähnliches fatalistisches Lamento gab es von Vereinsseite mit Blick auf die O-Töne der Spieler, die sich unqualifiziert äußerten, sich selbst und den Verein teilweise bloßstellten und damit immer wieder Ärger im Paradies heraufbeschwörten. Aber Medientrainings für Spieler? Heute Gang und Gäbe, vor zehn Jahren in einzelnen Vereinen undenkbar, von der damaligen Spielergeneration belächelt und ignoriert.

Gerade die Boulevardmedien, selbst wenn zum Teil Agreements bestanden, Privatangelegenheiten der Spieler, die nach 22 Uhr vorfielen, nicht zu veröffentlichen, haben den direkten Spielerkontakt gepflegt und perfektioniert, sehr zum Missfallen der Clubverantwortlichen. Wenn Benno Möhlmann früher das Trainingsgelände des HSV verschloss und dann beleidigt mit einer großen Anzahl Journalisten nicht mehr redete, andernorts Stadionverbote für einzelne Pressevertreter erteilt wurden und Bild-Fotografen 50 Meter Abstand zum Trainingsplatz halten mussten, dann zeugte das von einem insgesamt angespannten Verhältnis.



Inzwischen aber hat sich die Situation derart gewandelt, dass selbst zweitklassige Nachwuchskicker sehr wohl überlegen, wie sie sich Medienvertretern gegenüber verhalten und welche unverfänglichen Aussagen sie in Interviews treffen dürfen.

Bei dieser Entwicklung bleibt zweifellos eine Menge Unterhaltungswert auf der Strecke, und so verwundert es kaum, dass Deutschlands Medien nach Leitwölfen schreien, die auf und neben dem Platz den Ton angeben. Ist die gesamte Diskussion also vielleicht eine inszenierte, die den wahren Wert der Alphamännchen für die Mannschaft überinterpretiert? Vielleicht ja. Denn Führungsqualitäten im Fussball kann man auch über spielerische Klasse transportieren, insbesondere wenn das Spielsystem im Vordergrund steht. Der FC Barcelona oder die spanische Nationalelf machen es vor, auch bei Zidane und bei Messi genügt(e) die Leistung auf dem Spielfeld, was zählt ist schließlich „auf‘m Platz“. Diese Perspektive ist bei Ausnahmekönnern ihres Fachs sicher richtig und nachvollziehbar, insgesamt allerdings doch etwas romantisch. Denn so emotionslos und brav, wie sich die deutschen Jungs außerhalb des Spielfeldes gebärden, so wenig ecken sie oftmals auch auf dem Rasen an. Offenbar verhält es sich so, dass aktuell in Deutschland nur der, der sich grundsätzlich traut, den Mund aufzumachen und den eigenen Standpunkt offensiv zu vertreten, vorangehen und führen kann - und als Führungsspieler anerkannt und medial als solcher positioniert wird. Und ganz ehrlich, mehr Spass machen Fußballer mit einer großen Klappe doch auch.

Deshalb nährt ein Motzki Sammer, lebender Gegenentwurf zu Löw, die Hoffnung der schreibenden Zunft und der Fans, die allesamt nach Geschichten und Typen lechzen. Der haarlose Feuerkopf hat schon in Jugendnationalmannschaften bewusst Hierarchien aufgebaut und die Spieler nach kreativen Individualisten, Führungs- und Mannschaftsspielern unterteilt und zusammengestellt. Da sind wir doch ganz besonders gespannt, welche neuen bajuwarischen Häuptlinge die nächsten 50 Jahre Bundesliga dominieren wollen. Schau'n mer mal.

Udo M. (Jahrgang 1977, bekennender Werder-Fan) hat 2003 seine Abschlussarbeit an der Ruhr-Universität Bochum zum Verhältnis zwischen PR und Journalismus im Spannungsfeld der Fußballbundesliga geschrieben, indem er u.a. mit Pressesprechern verschiedener Bundesligaclubs und Sportjournalisten der Fußball-Leitmedien Interviews führte.