Sonntag, 7. Oktober 2012

Radio Gaga

„BoJo“? Nie gehört? Kein Problem.Britanniens Boulevardzeitungen nennen Londons schillernden Bürgermeister Boris Johnson so, der politisch als „Tory“ dem konservativen Lager angehört und als schier genauso unberechenbar wie sein struwweliger blonder Haarschopf gilt. Der Spiegel nannte „BoJo“ einmal einen Polit-Clown und stufte ihn in den Tagen der Olympischen Spiele in London gar als Gefahr für Britanniens Premierminister Cameron ein.

Nicht weniger gefährlich wird es offenbar, wenn Johnson selbst mit dem runden Leder in in Berührung kommt. Das einzige Gekicke, bei dem „BoJo“ himself eine Rolle spielte, war 2006 ein englisch-deutschen Benefizspiels. Dort mähte Johnson Ex-Nationalspieler Maurizio Gaudino um, woraufhin der Telegraph tags darauf in seiner Onlineausgabe applaudieren sollte:  „Great tackle, Boris - but it's football, not rugby“. Nach eigener Aussage wollte Johnson den Ball mit dem Kopf zu treffen. Noch ungehobelter geht nicht?
 


Leider doch. Denn zwei Jahre zuvor war in dem damals von Johnson herausgebenden Magazin Spectator ein kontroverser Artikel veröffentlicht worden, der seine politische Karriere arg ins Wanken brachte. Der Artikel, für den Johnson schließlich  als Herausgeber Verantwortung übernahm,  verunglimpfte in Anspielung auf die Hillsborough-Katastrophe, bei der 96 Menschen in einer Massenpanik zu Tode kamen, Liverpools Einwohner als Menschen mit „zutiefst hässlicher Psyche“, die sich in einer Opferrolle suhlten. Liverpool wurde vorgeworfen, sich zu weigern, für die „betrunkenen Fans der hinteren Ränge, die dumm und ohne Rücksicht versucht haben, sich nach vorne zu kämpfen“ Verantwortung zu übernehmen...
Nachdem „BoJo“ es 2008 doch zum London mayor avanciert war, wurde es lange Zeit  ruhiger um ihn, zumindest was Peinlichkeiten im Fußball-Kosmos betrifft.Bis vor kurzem, als Johnson in einem Radio-Quiz auf die Frage, wer im World Cup Final 1966 drei Treffer samt legendärem Wembley-Tor erzielt habe, die Antwort „Bobby Moore“ über den Äther schickte - im Brustton der Überzeugung versteht sich.

Es hatte etwas von Radio Gaga. Der viel zu früh verstorbene Bobby Moore dürfte sich im Grabe umgedreht haben. Hatte Moore doch als damaliger englischer Kapitän den World Cup in Empfang genommen und sich danach auf vielen Schultern über den Wembleyrasen tragen lassen. Seine Antwort legte man dem politischen Paradiesvogel im Fußballmutterland wider Erwarten nicht als kollektive Majestätsbeleidigung aus. Vielmehr belehrte ihn die Sun schulterklopfend wie belächelnd:„No Boris, it was Geoff Hurst!“

„BoJo“ rechtfertigte sich später, im summer of sixtysix erst zwei Jahre alt gewesen zu sein. Nun denn. Ob ihm heute wohl bekannt ist, dass sich in den Londoner Stadtgrenzen sage und schreibe 13 Profiklubs tummeln? Und by the way Champions League-Winner Chelsea gar kein Page 3-Girl ist?
 

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