Dienstag, 8. Mai 2012

Athletic Bilbao Olé

Morgen steigt in Bukarest ein Europapokalfinale. Zwei spanische Klubs treffen aufeinander. Und, kaum zu glauben: es handelt sich nicht um den Stierkampf „Clasico“ zwischen Barca und Real, der uns alle ein gefühltes halbe Dutzend Mal pro Saison die Zunge schnalzen lässt. Es muss also tatsächlich noch weitere Klubs im spanischen Königreich  geben, die nicht Barca oder Real heißen. Darauf erst einmal ein zünftiges Olé!

Es sind Atletico Madrid und Athletic Bilbao, die in diesem besagten Bukarester Endspiel den Sieger im UEFA-Pokal der Europa League ausfechten. Atletico gegen Athletic. Das hört sich verdammt ähnlich an. Und ist es auch. „Atletico Madrid, die Tochter von Bilbao“, titelte hierzu unter anderem der österreichische Kurier und spielt auf die  historische Anekdote an, wonach Atletico Madrid ursprünglich ein Ableger Bilbaos ist. Es war 1903, als  Studenten, die eigentlich dem Athletic Club de Bilbao angehörten, Atletico Madrid gegründet haben. Olé!

Späte Rache hierfür werden die Basken aus Bilbao sicherlich nicht nehmen wollen. Sondern vermutlich einfach ihr zweites Europapokalendspiel gewinnen wollen. Im ersten Endspiel war Bilbao anno 1977 noch Juventus Turin unterlegen. Gewinnen, zum Beispiel durch das Siegtor von Urgestein Fernando Llorente. Der baumlange Mittelstürmer, an dem Barca reges Interesse haben soll, hatte Athletic kürzlich in letzter Minute gegen Sporting Lissabon ins Endspiel geschossen. Olé!

Bilbaos Jungstar Iker Muniain hat dagegen eher die Statur eines gewissen Lionel Messi. Mancherorts heißt es, Muniain sei ein besonderer Spieler, der ein Stadion in Ekstase versetzen könne. Deshalb nennen Muniain viele „Basken-Messi“. Apropos Ekstase. Der „Basken-Messi“ träumte nach eigenem Bekunden sogar davon, das Siegtor zu schießen. Bei einem Triumph Bilbaos kündigte dieser 19-jährige  „Basken-Messi“ bereits vollmundig an, sich den Pokal tätowieren lassen zu wollen. Olé!

Der Baske an sich ist halt eigenwillig. So wie Athletic Bilbao selbst, das als Paradoxon des modernen Fußballs ausschließlich Kicker mit baskischen Wurzeln rekrutiert. Olé!

Was die Trikotwerbung angeht, wurde das baskische Bollwerk allerdings schon etwas brüchig. Seit 2008 ziert Bilbaos Brust den Schriftzug eines brasilianischen Mineralölkonzerns. Für so manchen feurigen Anhänger Bilbaos war diese Neuerung sicher nicht nur ein gewaltiger Schlag auf die Baskenmütze, sondern vielleicht schon eine gefühlte kleine Revolution. Dennoch bleibt Athletic Bilbao eine der letzten Bastionen der Fußball-Romantik, wie das folgende Kleinod über Bilbaos legendären Rechtsaußen  Joseba Etxeberria beweist.

In Bilbaos Fußball-Kathedrale San Mamés, wo unter anderem Manchester United und Schalke in dieser Euro League-Runde auf Granit bissen, rief man Etxeberria stets „El Gallo“ (der Hahn).Und, „El Gallo“ verzichtete einst aus Dankbarkeit tatsächlich in seiner 15. und letzten Saison im rot-weißen Bilbao-Dress komplett auf seine Gage. Darauf ein finales Olé!

Samstag, 5. Mai 2012

Eine Ode auf Carlos Alberto

In den letzten Tagen dieser Saison 2011/12 besteht die größte Freude als Werder-Daumendrücker darin, dass diese 49. Spielzeit einfach nur vorbei ist, die Abschlusstabelle in die Almanache gedruckt wird und gut. Da werden selbst eiserne HSVer zustimmen.
Es gilt, schnell dieses Inferno von Werders schlechtester Rückrunde ever zu vergessen. Das einst leuchtende Grün im Werder-Wappen scheint allmählich zu einem tristen Grau verblasst. Das alles fast auf den Tag genau 20 Jahre nach dem 1992er Europapokalsieg, bei dem Klaus Allofs im Finale von Lissabon Torschütze war und Thomas Schaaf  den Stürmern des AS Monaco den Ball abhechelte.

Flankiert wird der Stillstand im Mittelmaß von dem Exodus langjähriger, teurer Werder-Stars. Ja, wo gehen sie denn nur alle hin? Özil zaubert  seit zwei Jahren für Real, Frings kickt seit einem Jahr noch ein bißchen in Kanada, Merte ein bißchen mehr für Arsenal. Nun werden Borowski, Rosenberg, Silvestre oder auch Marin folgen. Und Tim Wiese? Real Madrid? Nicht ganz so „königlich“, Hoffenheim. Vergessen wir nicht Pizarro und Naldo, die  längst ungeduldig mit den Hufen scharren.
Marko Marin angelte sich bekanntlich Chelsea, der Champions League-Finalist und Barca-Besieger. Wer zunächst an einen verspäteten Aprilscherz glaubte, wird sich bei Marins kolportierter Ablösesumme vermutlich wie Klaus Allofs die Hände gerieben haben. Stolze acht Millionen Euro sollen die „Blues“ für Marin springen lassen. Offenbar hält Chelsea-Coach Di Matteo Marin tatsächlich für den „German Messi“. Spinnen die Briten etwa?
Chelsea hat sich doch nicht etwa davon blenden lassen, dass Marins Nachname ebenso fünf Buchstaben lang ist wie Messis oder Marin bei Werder die Messi-Trikotnummer zehn trug. Oder haben Chelseas Scouts etwa zu oft Marins Werbespot für einen Klebehersteller angeschaut? Spätestens seitdem dürften sie wissen, dass nur Pattex stärker an Marins Fuß klebt als alle Bälle aus der weiten Welt des Fußballs. Welch groteske Zeit, „the German Messi played in Bremen“ und keiner hat‘s bemerkt…
Als Werder-Daumendrücker erhält man derzeit oft hämische Hinweise, wonach Werders Zukunft nun auf klangvolle Kickern wie Trybull, Hartherz oder Füllkrug beschränkt sein wird. Sportschau-Onkel und Werder-Edelfan Reinhold Beckmann wähnte sich kürzlich beim Doppelpass-Besuch daher schon in Tolkiens „Mittelerde“. Moderator „Wonti“ Wontorra,  übrigens nebenbei kritischer Werder-Kolumnist, grinste dazu nur staatsmännisch. Ja, die fetten Jahre an der Weser sind definitiv vorbei.
Der Beckmann hat gut reden. Denn, jetzt singt er auch noch. Hiermit ist kein Ansage-Sing-Sang in der Sportschau gemeint. Auch nicht, wie er weiland als Kommentator des 2006er WM-Endspiels erkannte, dass der fröhliche Tony Christie-Schlager „The way to Amarillo“ aus den Stadionboxen plärrte, während Franzosen und Italienern vor dem Elfmeterschießen gewaltig die Knie zitterten. Nein, Beckmann hat seine musische Seite entdeckt und ist zu einer Art Chansonnier avanciert.
Neulich gab er mit seiner Combo Band im Hamburger NDR-Funkhaus ein Live-Konzert. Das Publikum wusste zuvor nicht, dass Beckmann ihnen gleich etwas in die Ohren summen wird. Und: Hört! Hört! Offenbar ist Beckmanns Gästen nicht einmal hören und sehen vergangen. Für den Einspieler „Bremen“ mit dem Refrain Einmal mir dir nachts durch Bremen sollen Beckmann & Band fürwahr Standing Ovations geerntet haben.

Ob Klaus Allofs und Thomas Schaaf ebenfalls mitgeklatscht hätten? Fraglich. Schließlich hätte man Beckmanns Liedchen, mit einem Augenzwinkern gesagt, auch vielleicht als Ode auf Carlos Alberto verstehen können.

Carlos Alberto, jene nachtschwärmerische und ziemlich teure Galionsfigur der jüngeren Bremer Einkaufspolitik, dessen Namen sich Allofs und Schaaf in jeder Transferperiode aufs Brot schmieren lassen dürfen.Eine Ode auf diesen Ballkünstler do Brazil, damit hat in diesen grauen Werder-Zeiten nun wirklich niemand rechnen können…

Sonntag, 29. April 2012

Otto, wo ist der Libero?

Kürzlich erhielt ich eine Mail. Dort hieß es: „Wenn Du Deinen Blog schon Libero nennst, schreib mal mehr über ihn.“ Der Typ nannte sich Manni und klopfte sich vermutlich auf die Schenkel, als erwähnte, auch einmal Libero gewesen zu sein. Dennoch dachte ich mir, warum denn eigentlich nicht. Dann fiel mir ein, dass ich etwa über good old Otto Rehhagel schreiben könnte. Er ist schließlich der „Lordsiegelbewahrer des Liberos“ und Otto finde ich gut!

Kutzop, Bratseth, Lothar, Sforza, Tsiartas und wie sie alle heißen... überall wo Otto  einmal Station machte, tauchte auch der Libero auf. Welch Treppenwitz seines Trainerlebens war es, als Otto in der griechischen Nationalelf einst einen gewissen Liberopoulos aufstellte, der aber Stürmer war...

Vor einigen Monaten ließ Otto sich nun breitschlagen, Hertha BSC vor dem Bundesliga-Abstieg zu retten. Viele fanden das gar nicht gut, meckerten „Hertha geht’s nicht“ und hätten Herrn Preetz allenthalben am liebsten in die Wüste gejagt. Bei seiner Vorstellung proklamierte „König Otto“ dann, dass bei der Hertha sein Wort ab sofort Gesetz sei, wonach ebenso viele die Nasen rümpften. Hätten sie ihn doch weiland in Hellas gehört. Da fabulierte „Rehakles“ noch: „Die Griechen haben die Demokratie erfunden. Ich habe die demokratische Diktatur eingeführt.


Wie dem auch sei, die „Alte Dame Hertha“ kümmert so etwas auf dem grünen Rasen wenig. Einen Spieltag vor dem Saisonende  ist sie Vorletzter und bekommt derzeit gefühlt Woche für Woche eine Packung. Wie etwa gestern auf Schalke und kam dort mit 1:4 unter die Räder. In dem vermeintlichen Retter Rehhagel erkannte Sportschau-Reporter Witte daher nur noch „einen ratlosen älteren Herren“, dem schon längst ein Zacken aus der Krone gesprungen sei. Dennoch habe der Fußball-Gott „seinen Mannen noch eine letzte Chance“ gegeben, stemmte Otto Durchhalteparolen dagegen und spielte auf das Abstiegsfinale am kommenden Samstag gegen Hoffenheim an.

Dort, wo ausgerechnet Ex-Trainer Babbel das Zepter schwingt und nach seinem schmerzhaften Abschied im Winter die Hertha in die Liga Zwo versenken wollen dürfte. Ja, ja, Otto: der vielbeschworene Fußball-Gott. Lässt er Hertha gewinnen und Köln gegen die Bayern verlieren, dann hätte Otto mit Hertha zumindest die Relegation erreicht. Hört sich in dieser Situation nach großem Kino an, ist für die Hertha aber eigentlich ein zutiefst trauriges Drama. Da bleibt Otto wohl, augenzwinkernd gesagt, nur noch seine allerletzte Patrone.

Mitnichten sein ewiger griechischer Adjudant Angelos Charisteas, der inzwischen für ein Klübchen namens Panetolikos Agrinio stürmt. Es ist kein Geringerer als der Libero! Nun Otto, wo ist er? Bisher tauchte er trotz Herthas Verteidigernot und etlichen Klatschen in keiner Taktik auf, obwohl ein Kandidat in Ottos eigenen Reihen schlummert. Es ist Herthas ungarische Ikone Pál Dárdai, der nach 14 Jahren im Arm der „Alten Dame“ dann und wann noch immer in Herthas zweiter Garnitur die Stiefel schnürt.

Mensch Otto, wäre Dárdai als einer der Erben des großen Ferenc Puskas mit 35 Jahren nicht geeignet, Deinen (vielleicht) letzten Libero zu geben? Also, mach’et Otto. Ich fände das gut! Die Hoffnung stirbt bekanntlich immer zuletzt.

Sonntag, 22. April 2012

Looking for Litti

Welch Karneval rund ums Müngersdorfer Stadion. Der Effzeh scheint auf Abwegen in Liga Zwo, hat ein Führungschaos und Poldi scheint geradewegs auf dem Weg nach London. Kein Wunder, dass der Dom wackelt und Geißbock „Hennes“ mit dem Zittern nicht mehr aufhört.

Nur, vom alten Effzeh-Helden Pierre Littbarski spricht kaum jemand. Dabei wurde „Litti“, der als Fummelkönig der Achtziger den Liberos der Liga Knoten in die Beine dribbelte, kürzlich juvenile 52. Selbst in diesen schweren Effzeh-Wochen sollte Zeit für fünf Wahrheiten über „Litti“ bleiben. Daher: Viva Colonia Litti!

1.  Wer weiß es noch? „Litti“ schoss den Effzeh anno 1983 gegen Lokalrivale Fortuna zum Pokalsieg und damit vorerst letzten Titel. Anders als Toni Schumacher oder Bodo Illgner zählt er zu den Effzeh-Helden, die sich nicht für eine Position beim Effzeh selbst ins Gespräch gebracht haben.

2.  Nachdem „Litti“ als Kicker zunächst dem Effzeh, außer einer Stippvisite bei Racing Paris, durchweg die Treue hielt, ließ sich „Litti“ -san danach in Japan nieder und dort seine Karriere ausklingen. Später wurde er gar zum Weltenbummler und bereiste als Trainer die halbe Welt. Stationen? U.a. Japan, Australien, Iran, Liechtenstein, Duisburg...

3.  Irgendwann verschlug es „Litti“ dann in die Autostadt nach Wolfsburg, wo seine Trainerkarriere etwas ins Stocken geraten ist. Nach kurzer Amtszeit als Interimscoach in Wolfsburg machte ihn Felix Magath, sein alter Nationalmannschaftsgefährte, zu seinem Scout. Schaut man sich Magaths offensive Einkaufspolitik an, dürfte „Litti“ stets gut zu tun haben.

4.  Ob „Litti“ damit seine Rolle gefunden hat? Mit verschiedensten Rollen hat der gelernte Finanzbeamte immerhin Erfahrung. Zum Beispiel bei sämtlichen Turnieren auf deutschem Boden. Bei der WM’74 gab er etwa in seiner Heimatstadt Berlin den Balljungen, bei der EM’88 ließ ihn Teamchef „Kaiser“ Franz auf den Rasen. Und bei der WM 2006 plauderte „Litti“ als  RTL-Kommentator wortreich ins Mikrofon.

5.  Allerdings ist er nicht der einzige „Litti“ in der weiten Welt des Fußballs, da der ewige Jari Litmanen in seiner finnischen Heimat ebenso gerufen wird. Doch seinen Namensvetter hat Littbarski längst in Leere laufen lassen, indem er bereits anno 1994 seine Biografie veröffentlichte. Deren Titel?: „Litti – Mein Leben“. Es kann halt nur einen geben.

Samstag, 7. Januar 2012

Letzter Halt @Arsenal

In sieben glorreichen Jahren bei Arsenal avancierte Thierry Henry nicht nur zum Rekordschützen der „Gunners“. Seither gilt Henry dort als lebende Legende. Seit kurzem darf sich Henry daneben zu dem erlauchten Klub jener aktiven Kicker zählen, die über ein eigenes Denkmal verfügen. Denn erst kürzlich stellte Arsenal eine Statue Henrys vor sein Emirates-Stadium.

Nur wenig später wird nun der Traum vieler Gunners-Anhänger wahr.Nachdem Henry Arsenal  2007 verließ, streift der Franzose doch noch einmal Arsenals rot-weißen Dress über. Sein derzeitiger Klub New York Red Bulls leiht ihn für zwei Monate an die „Gunners“aus. Ob die Londoner U-Bahnfahrer wie kürzlich streiken oder nicht, für den inzwischen 34-Jährigen wird es wohl der letzte Halt @ Arsenal werden.


Doch ist Monsieur Henry noch mehr als ein Denkmal? Der LIBERO fragt nach: Und zwar bei Arsenal-Blogger Ste, dem Kopf des einstigen Goonerportals.

Thierry Henry kickt wieder für Arsenal. Ste, in wenigen Worten: Deine erste Reaktion?

Eine Mischung aus Vorfreude und Ungläubigkeit. Zwar hatte sich die Ausleihe Stück für Stück angedeutet und uns somit nicht über Nacht überrascht, aber es bleibt nun einmal die Rückkehr des verlorenen Sohnes und damit etwas ganz Besonderes. Man könnte fast den Eindruck haben, dem Verein sei damals ein Stück seiner Seele abhanden gekommen, das nun doch noch den Weg nach Hause findet. So ganz werde ich das Ganze aber wohl erst glauben können, wenn ich ihn endlich wieder für unsere Farben in Aktion sehe.

Wie wurde seine Rückkehr ansonsten bei den Arsenal-Fans aufgenommen?

Ausnahmslos positiv. Den Abgang nach Barcelona hat man ihm längst verziehen, stattdessen wird er mit warmherzigen Beifall und Sprechchören begrüßt, wo auch immer er auf Arsenal-Fans trifft. Sicher gibt es stellenweise Bedenken, ob er mit seinem Kurzengagement nicht sein sportliches Denkmal beschädigen könnte, aber das ist weder bei Campbell noch bei Lehmann passiert und wird bei Henry auch nicht passieren. Die Fans sind intelligent genug, um zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu unterscheiden, und wollen einfach nur noch ein bisschen Zeit mit einem ihrer ewigen Lieblinge verbringen.

Nach drei Jahren beim FC Barcelona hat Henry zuletzt seine lange Laufbahn bei New York Red Bull ausklingen lassen. Wie gut ist Henry mit seinen 34 Jahren noch?

Eine gute Frage, die er uns vermutlich nur selbst auf dem Platz beantworten kann. Natürlich hat er mit der Zeit an Schnelligkeit und Dynamik eingebüßt, aber mit der technischen Begabung, seinem Näschen für Situationen und seiner unverschämten Abgebrühtheit stellt er immer noch eine unliebsame Aufgabe für jeden Verteidiger dar. Zumal diverse britische Journalisten voll des Lobes über seine Trainingsform waren, wo man ihn angeblich kaum vom Ball trennen konnte und er auch bei den Spielern ziemlichen Eindruck hinterlassen haben muss. Trotzdem sollte man natürlich keine Heldentaten erwarten, wie er sie in der Vergangenheit vollbracht hat, sondern sich einfach mal überraschen lassen.

Kann Henry Arsenal angesichts des bisher durchwachsenen Saisonverlaufs als „Kurzzeit-Kanonier“ überhaupt helfen?

Definitiv. Die bittere Wahrheit ist, dass Arsenal abgesehen von Robin van Persie keinen einzigen Angreifer hat, den der Gegner wirklich auf dem Zettel haben muss. Chamakh spielt jenseits von Gut und Böse und muss sowieso zum Afrika-Cup, vom Panikkauf Park ist nichts zu sehen und mit Bendtner hat man sowieso endgültig abgeschlossen. Einen echten Joker haben wir also gar nicht im Aufgebot, und wenn Henry diese Rolle für ein paar Wochen auch nur halbwegs zufriedenstellend erfüllen kann, ist uns schon massiv geholfen.
Man darf ja auch nicht vergessen, dass er nicht nur mit dem Ball am Fuß helfen kann. Schon seine Präsenz zieht zwangsläufig die Aufmerksamkeit der Defensive auf sich und verschafft damit anderen Spielern mehr Räume und mehr Möglichkeiten. Zumal er unseren zahlreichen jungen Spielern gerade auch menschlich eine Menge vermitteln kann, was hinsichtlich ihrer charakterlichen Entwicklung sehr förderlich sein wird.


Nachdem Arsenal-Coach Arsene Wenger neben Henry zuletzt immer häufiger erfahrenere Spieler verpflichtete, kannst Du einen Strategiewechsel in Wengers Transferpolitik erkennen?

Die letzte Transferperiode stellt sicher einen Sonderfall dar, als Wenger für ihn höchst ungewöhnliche Panikkäufe tätigte und dabei auch auf ältere Spieler wie Benayoun oder Arteta setzte. Allerdings mussten damals in Form von Nasri, Clichy und Fàbregas drei Leistungsträger auch recht plötzlich abgegeben werden. Von einem Strategiewechsel zu sprechen erscheint mir deshalb etwas zu verfrüht, wenngleich es mich freuen würde, wenn das junge Team nun regelmäßig um erfahrene Kräfte ergänzt werden würde.

Letzte Frage: wie viele Treffer erwartest Du von Monsieur Henry in seinem wahrscheinlichen „Arsenal-Endspiel“ Ende Februar im Derby gegen Erzrivale Tottenham?
Bedenkt man, dass Henry schon immer gerne im Duell um den Norden Londons traf und er dabei noch nie als Verlierer vom Platz gegangen ist, muss man aus Sicht unseres Erzrivalens das Schlimmste befürchten. Zumal er sein Debüt für New York amüsanterweise ausgerechnet gegen die Spurs gab und in dieser Partie prompt auch zuschlug. Da er aber wahrscheinlich erst gegen Ende des Spiels von der Bank aus kommen wird, sollten wir am besten bescheiden sein und es augenzwinkernd bei einem Doppelpack belassen.

Vielen Dank für das Interview.


Dienstag, 3. Januar 2012

Prosit 2012 allerseits!

2012: Ich hoffe, alle Leser des LIBERO sind gut hineingerutscht. Fußballerisch hat das neue Jahr dagegen schon längst wieder begonnen. Sicher auf der Insel wurde wie eh und je gekickt.Zum Jahreswechsel machte auch ein alter Bekannter mal wieder von sich reden.

Das neue Jahr begann daher für mich mit A wie Ailton. Der Brasilianer lässt es wieder krachen und soll sozusagen auf einer Silvesterrakete nach Australien geflogen sein. Richtig, auweia - ab in den Dschungel. Nicht in die A-League, die australische Profiliga, die Ailton etwa auf seiner Weltenbummlerkarte noch fehlt. „Das ist Ailton“, könnte er dazu treffend  im gewohnt lakonischen Sound aus seinem Zitatenschatz, der genau ein Zitat enthält, kommentieren.

Doch 2012, das Jahr der Euro in Polen und der Ukraine, soll beim LIBERO mit jemandem beginnen, der einen weitaus umfassenderen Zitatenschatz hinterlassen hat. Die Rede ist vom Grandseigneur deutscher Länderspielübertragungen der goldenen 80er Jahre: Heribert „’n Abend allerseits“ Faßbender. Eine Top 5 gefällig? Zur Einstimmung auf die Euro mit geographischen Finessen? Bitte schön, werde wie Heribert Faßbender:

1. „Norwegen in rot, die deutsche Mannschaft, das muss ich Ihnen nicht mehr sagen und da brauche ich auch gar nicht viel zu erklären, wie so oft - wie eigentlich immer, wie fast immer, in den Farben, die Sie kennen: In den weißen Trikots und den schwarzen Hosen! Aber, meine lieben Zuschauer, das wissen Sie ja sicher auch so, da muß man keine großen Worte mehr verlieren.“

2. „Und jetzt skandieren die Fans wieder: "Türkiye! Türkiye!", was so viel heißt wie "Türkei! Türkei"

3. „Da singen sie: We are red, we are white, we are Danish Dynamite - Wir sind rote, wir sind weiße wir sind dänische..., äh...“

4. „Toulouse or not to lose, das ist hier die Frage. Bitte verzeihen sie mir diesen kleinen Kalauer.“

5. „Oliver Neuville, der europäischste Europäer, den man sich am heutigen Abend überhaupt vorstellen kann: Vater Deutscher, Mutter Italienerin und Großvater Belgier - von dem er auch den Namen hat! Sonst würde er "Neustadt" heißen!“


Das neue Fußballjahr und die Euro in Polen und in der Ukraine können also kommen oder frei nach Heribert Faßbender gesagt: Prosit 2012 allerseits!

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Uns Berti

Was macht eigentlich, Berti Vogts? Berti Vogts posiert mit versonnenem Blick in grünem Jersey und grünen Shorts an einem Strand. Die Wellen wogen im Hintergrund. Das Bild wirkt, und es wirkt paradox. Berti Vogts, ob seiner Bissigkeit „Terrier“ gerufen, steht tatsächlich leicht verloren am  Strand der Copacapabana, dem Strand der Ballzauberer do Brazil.

Was ich beschreibe, ist das Titelbild eines biographischen Bildbandes aus den Siebzigern, der seinen Namen trägt. Unglaublich aber wahr. Ob es wohl viele Kicker mit eigenen Bildbänden gibt? Vielleicht David Beckham, Eric Cantona oder gar Pelé ? Ich weiß es nicht.


Jedenfalls fiel mir der angestaubte Schinken nun wieder in die Hände. Sozusagen pünktlich zu Bertis  morgigen 65. Geburtstag, der für andere den formellen Eintritt in die Rentenalter markiert. Die Glückwünsche und mehr oder minder wohlwollende Abrisse aus Bertis Vita werden durch den Medienwald rauschen. Doch lassen wir ihn einfach gebührend hochleben: Ehre, wem Ehre gebührt! Berti, als kleiner, eisener Rechtsverteidiger eher Antagonist des eleganten Stils seiner Gladbacher Borussia , galoppierte mit den „Fohlen“ zu fast allen Titeln, die sich in den wilden Siebzigern gewinnen ließen: fünf Meisterschaften, einem Pokalsieg, zwei Siegen im UEFA-Cup und wurde gar zweimal Fußballer des Jahres.

In seiner Paraderolle des zuverlässigen Kämpfers avancierte Berti im erfolgreichen 74er WM-Endspiel zu einem der Schlüsselspieler, indem er dort den großen Johan Cruyff für fast 90 Minuten an die Leine legte. Oder wie der englische Guardian später lobte, Deutschland habe das Mittel gegen Cruyff gefunden: Berti Vogts. Dazu war er 1972 und 1996 Europameister. Beim EM-Titel anno 96 war Berti Bundestrainer, den sein „Eigengewächs“ Olli Bierhoff per „Golden Goal“ ermöglicht hatte. Es war übrigens der letzte Titel, den ein Bundestrainer geholt hat.


Die ZEIT schrieb Ende der Siebziger einmal über Vogts: „Vom Typ her einem Uwe Seeler ähnlich: dieselbe Energie, dieselbe Willenskraft, dieselbe vorbildliche Berufsauffassung.“ In ein ähnliches Horn blies Hans Blickensdörfer, Autor des genannten Bildbandes, und traf den richtigen Ton, was Vogts Rolle angeht: „Im Vergleich mit Beckenbauer ist er eigentlich ein Antistar und käme sich im Smoking neben Franz wie ein Pinguin vor.“

Was bleibt? Eine bisweilen absurde öffentliche Wahrnehmung, als wäre Berti in der Loddar-Ecke zu Hause. Wir erinnern uns alle an die vielen Verballhornungen, denen sich der „Terrier“ wie weiland den Dribblings von Cruyff & Co. stellen musste. Ja, und wir schmunzelten vor allem in seiner Zeit als Bundes-Berti über steife Reaktionen, seltsame Interviews, mokante Schlagzeilen und krude TV-Auftritte. Ja und wir werden uns gleich auf die Schenkel klopfen, wenn wir die feine Ironie empfinden, die es hat, dass ausgerechnet Bertis langjähriger Gefährte Rainer Bonhof einst ein biographisches Büchlein mit dem sagenhaften Titel „ So habe ich mich durchgebissen“ veröffentlicht hat.

Nichtsdestotrotz der bodenständige Berti ist ein „Terrier“ , beißt sich durch und geht seinen Weg - notgedrungen als Weltenbummler in Kuwait, in Schottland oder Nigeria. Raus aus der Loddar-Ecke. Mittlerweile ist er im fernen Aserbertischan Aserbaidschan gelandet und scheint auf seine Art angekommen. Nicht irgendwo, sondern in seiner neuen und alten Paraderolle als Entwicklungshelfer, Nachwuchsförderer gepaart mit seinen uweseelerhaften, urdeutschen Eigenschaften.

Mal sehen, ob sich bis zu seiner Rente noch einer seiner größten Wünsche erfüllt. Demnach will Berti im Mutterland des Fußballs zumindest einmal einen Klub trainiert haben. Und eigentlich kann es - gemäß dem Highlander-Motto - dort nur einen geben. Das drittklassige nordenglische Traditionsklübchen Huddersfield Town, das auf den Spitznamen „The Terriers“ hört. Ob dies ein später Wink des Fußball-Gottes ist?

Schließlich ereignete sich im Fußball-Mutterland Bertis wohl schönster Augenblick als Trainer. Denn besagten 96er EM-Triumph feierte Berti, indem er sich in Wembley vor den deutschen Fans in der Kurve und damit auch symbolisch vor den Fans vor den Bildschirmen mit minutenlanger ausgelassener Laola verneigte. Es ist bis heute übrigens einer der wenigen magischen Momente, die ich gemeinsam mit good old Berti verlebte. Er wirkte nicht wie ein Pinguin, sondern wie einer von uns. Er war kein Geringerer als „Uns Berti“… 

Montag, 19. Dezember 2011

Ein Werder-Wimpel und ein Hauch von Real Madrid

Steht eine Runde oder eine Auslosung im DFB-Pokal an, muss ich unweigerlich meinen grünen Wimpel von Werder Bremen anschauen. Auch wenn dies bei mir eher zwiespältige Gefühle auslöst. Warum? Seitdem ich den Wimpel nach Werders letztem Sieg im DFB-Pokal erwarb, gewann Werder kein einziges DFB-Pokalspiel mehr. Da mir der Wimpel aber dennoch lieb geworden ist, weigere ich mich standhaft, ihn deshalb leichtfertig zu entsorgen.

In seinem Schmöker „Fever Pitch“ berichtet Arsenals Edelfan Nick Hornby, wie er in jugendlichen Jahren versuchte, Arsenal zu Siegen zu treiben. Seinem Aberglauben ergeben legte er etwa an Pokal-Spieltagen eine bestimmte Scheibe der Punkrock-Fahrensmänner Buzzcocks auf seinen Plattenteller und diese laut drehte auf.



Doch glaubt mir, Hornbys Buzzcocks-Prinzip zieht bei Werder nicht. Mal sehen, da muss ich dieses kleine Pokal-Trauma Wohl oder Übel anders angehen. Vielleicht gewinnt Werder dann im Pokal endlich wieder, also im nächsten Sommer in der 1. Runde. Anders angehen würde ich es, indem ich schlicht und einfach von Werders letztem Pokalsieg im Sommer 2010 erzähle. Gesagt, getan:
Als geschlagener Pokalfinalist - die Bayern hatten Werder im 2010er Pokalendspiel  mit 4:0 böse überfahren-  führte Werder das Los der 1. Pokalrunde zu Rot-Weiss Ahlen. An diesem sonnigen 14. August  2010 hieß also Werse- statt Weserstadion.

Rot-Weiss Ahlen? Stimmt, da war was. Denn, seinen Namen trägt der „RWA“ noch nicht lang. Erst seitdem sich Ahlens einstiger Mäzen aus dem Kosmetik-Kosmos samt seiner bizarren Namenskreation „Leichtathletik Rasensport“, kurz LR, verabschiedet hat. Wer aber meint, am Klub aus dem pferdeaffinen Münsterland seien daher die modernen Errungenschaften der Fußball-Kultur vorbeigaloppiert, irrt sich.

Dieser Pokalsamstag in Ahlen bewies nachhaltig die Existenz von mehr als einer Handvoll Menschen, die in rot-weiße „RWA“-Souvenirs gehüllt das Wersestadion bevölkerten. So wie etwa auf Ahlens Gegentribüne, auf der die „Werse-Wikinger“ Flagge zeigten. Sehen lassen konnte sich auch Ahlens schmucke Südtribüne. Dort, auf dem Grenzzaun zum Spielfeld, thronte ein eifriger Einpeitscher. Per Megaphon feuerte er den unerwartet stimmgewaltigen Fanblock des „RWA“ an und gab als „Zaunkönig“ den Ton an.

Das Ende vom Lied? Trotz Aufbietung sämtlicher Schlachtrufe aus dem „RWA“-Repertoire, blieben Ahlens damalige Drittliga-Kicker harmlos und die erhoffte Sensation aus. Letztlich gurkte sich Werder zu einem glanzlosen 4:0-Sieg, sorgte im Nachhinein betrachtet aber zumindest in einem Moment für „königlichen“ Glanz.

Dieser Moment ereignete sich in Spielminute 61. In dieser spazierte ein gewisser Mesut Özil in seiner allerletzten Szene für Werder vom Feld. Kurz nach dem Spiel wurde Özils Wechsel zu Real Madrid bekannt, natürlich von einigem medialen Tamtam begleitet. Wenn man so will, lag an diesem Pokalsamstag in Minute 61 ausgerechnet im beschaulichen Ahlen ein Hauch von Real Madrid in der warmen Sommerluft.

Ansonsten sehnte Thomas Schaafs müde Herde den Abpfiff förmlich herbei. Damit stand Werder Ahlens Einpeitscher im Übrigen in nichts nach, der seinen Thron auf dem Zaun bereits verlassen hatte und Bier trinkend einen frühen Feierabend genoss. Ich machte dagegen erst nach dem Abpfiff „Feierabend“, nachdem ich besagten Werder-Wimpel bei einem fliegenden Händler rund um das Wersestadion erworben hatte.





Dieser Tage werde ich meinen Werder-Wimpel übrigens wieder anschauen. Richtig: es ist dann wieder DFB-Pokal. Der Hauch von Real Madrid ist natürlich längst verflogen...


Dieser Artikel ist inspiriert von Stadionchecks Beitragsreihe über Fußball-Memorabila und nun ein Teil davon.  

Sonntag, 11. Dezember 2011

Black Wednesday

Was sich am letzten Mittwoch in Basel abspielte, könnte so mancher als eine Art „Götterdämmerung“ empfinden. Der kleine FC Basel in den roten-blauen Farben Barcelonas triumphierte in seinem heimeligen St. Jakob-Park über das große Manchester United nicht einfach nur so mit 2:0.

Das große Manchester United schied dadurch zugleich in der Gruppenphase der Champions League aus. Manche empfinden dies als sensationell, Mancunians werden dies als sang- und klanglos empfinden. Es scheint, als habe auch die Königsklasse ihre eigenen Gesetze. Für den Serienmeister aus der Schweiz ist dies einer der größten Erfolge ever. Die Basler Zeitung posaunte die gefühlte „Ekstase“ in die Fußball-Welt hinaus. Das eidgenössische Boulevard-Blatt Blick rief das „Wunder von Basel“ aus.

Die britische Presse hingegen ging wenig zimperlich mit dem gefallenen Giganten aus Manchester um, das demnächst nun in der als zweitklassig gefühlten Europa League antreten darf. Die Manchester Evening News und die BBC riefen daher einstimmig den „Black Wednesday“ aus. Der Daily Telegraph sprach nach dem „Fall der Mächtigen“ von einer „Erniedrigung“, die Sun vom „Desaster von Basel“.

Selbst biestiger Uniteds Altvorderer Roy Keane packte noch einmal die Grätsche aus, die mediale versteht sich, und  knurrte als Experte des TV-Senders ITV 1 in sein Mikrofon:„ Sie haben erhalten, was sie verdient haben.“ Uniteds Franzose Patrice Evra stöhnte: „Es ist peinlich, in der Europa League spielen zu müssen.“

Der Kopf von Sir Alex Ferguson soll jedenfalls nach der Schmach von Basel sogar eine ähnlich rote Farbe angenommen haben wie der United-Dress, den Giggs, Rooney und Co. ansonsten erfolgreich über Europas und Britanniens Fußballfelder tragen. Von wütenden Schuhwürfen wie einst gegen einen gewissen David Beckham ist indes bislang nichts bekannt. Vielmehr diktierte der Schotte Sätze in die Notizblöcke der Journalisten wie: „Die Europa League ist jetzt die Strafe, die wir verdient haben.“

Ob es Ferguson himself oder so manchen United-Supporter tröstet, dass Uniteds hochgejazzter Lokalrivale City am Mittwoch ebenfalls aus der Königsklasse flog?  Erst neulich war Ferguson anlässlich seines 25. Dienstjubiläums in Old Trafford die besonders Ehre widerfahren, dass der Klub den North Stand nach ihm, in „The Sir Alex Ferguson Stand“, benannte. 1986 (!) war Ferguson vom FC Aberdeen nach Manchester gekommen, hält dort seitdem das Zepter fest in Händen und gewann mit United bekanntlich fast alles, was es als Vereinstrainer zu gewinnen gibt. Für den Sommer 2012 soll dazu aufgrund seiner vielen Verdienste eine Statue des Schotten vor dem Stadion errichtet werden.

Ferguson wäre damit nach dem legendären Sir Matt Busby der einzige United-Coach, dem der Klub ein Denkmal setzen würde. Zu schade also, dass der Schotte ausgerechnet nun mit United in die Europa League „absteigen“ muss. Doch wer meint, Fergusons Thron werde deshalb wackeln, wird lange warten müssen. Wann der 70-jährige Trainer-König Manchesters sein Zepter abzugeben gedenkt, steht noch in den Sternen.

Greifbarer dürfte die Erkenntnis sein, dass die Europa League oder früher der UEFA Cup der einzige Europapokal-Wettbewerb ist, den Ferguson persönlich und auch Man United noch nicht gewonnen haben. Es würde daher mit dem Teufel zugehen, wenn sich Ferguson den 9. Mai 2012, den Termin des Endspiels in Bukarest, nicht bereits jetzt rot in seinem Kalender eingetragen hätte. Vielleicht könnte ein Endspieltriumph gegen Lokalrivale City am Abend dieses 9. Mai 2012 die Wunde jenes „Black Wednesday“ aus dem Dezember 2011 zumindest ein wenig heilen.

Vielleicht würde ein solcher Finalsieg auch den gebührenden feierlichen Rahmen schaffen, wenn dieser Sir Alexander Chapman Ferguson kurz danach sein Denkmal erhält. Vielleicht wird es ihm dann auch überaus gleichgültig sein, dass die Errichtung seines Denkmals für die City-Fans nur aus einem einzigen Grund erfreulich sein dürfte. Angeblich versprechen sie sich von seinem Denkmal nicht mehr als eine Tauben-Toilette de luxe ...

Freitag, 25. November 2011

Auf nach San Siro!

Es war einmal 2002, die deutsche Nationalelf war als Vize-Weltmeister aus Asien heimgekehrt. Michael Ballack noch nicht als Unvollendeter, sondern als eine Art märtyrerhaft verehrter Held. Wenig später traf jene Nationalelf in der EM-Quali auf die Färöer-Inseln. Wie fast alle Zuschauer an diesem nasskalten Herbstabend in Hannover erhoffte ich mir ein Schützenfest und schmunzelte, wie der Torhüter der Färöer mit Zipfelmütze umher hampelte. Gleich nach einer halben Minute bekam ich Mitleid. Es gab Strafstoß, aber der Jubel als Ouvertüre eines torreichen Abends brandete merkwürdig schnell ab.

Dieser Michael Ballack hatte sich den Ball geschnappt, klemmte sich diesen unter den Arm und begab sich majestätischen Schrittes in Richtung Tor. Dort legte er den Ball in für ihn arttypischer Haltung, das heißt mit entschlossenem Blick, durchgestrecktem Rücken und breiter Brust, auf den Elfmeterpunkt. Diese furchteinflößende, für manche abschreckende, Aura war selbst auf den Tribünen des alten Niedersachsenstadions zu spüren. Niemand hätte gewagt, sich Ballack in den Weg zu stellen.

Es war diese „arrogance“, die britische Zeitungen Jahre später besonders an Ballack rühmten. Das heißt, sie bewunderten vor allem Ballacks außerordentliche physische Präsenz. Den Strafstoß versenkte Ballack übrigens im Stile von Johan Neeskens humorlos in der Mitte des Tores. Michael Ballack schien auf der Höhe seiner Zeit. Der Torhüter mit der Zipfelmütze war Momente vor Ballacks Schuss bereits ehrfürchtig in die linke Torecke gehechtet. Es war, als habe er zuvor Ballack eine Kartoffel mit der bloßen Hand zerdrücken sehen…

Zwischenzeitlich ist Ballacks Abgesang aus der Nationalelf längst erfolgt, und auf seine ganz eigene Weise eine Tragödie. Allmählich scheint jedoch auch jener Tag nicht mehr fern, an dem Ballack endgültig seine Treter an den Nagel wird. Doch wer meinte, Ballack würde sich nach seiner tragischen Talfahrt seinem Karriereende ergeben oder vor diesem gar zu Kreuze kriechen. Nichts da. Wie in alten Zeiten marschiert der Capitano derweil in Leverkusen mit breiter Brust vorneweg und sorgt wieder für ballacktische Momente.

Kürzlich schickte Ballack gar Gedankenspiele über den Äther, nach denen er sich im kommenden Sommer aus  Leverkusen verabschieden werde. Wenn er gesund bleibe, würde er noch ein, zwei Jahre auf einem guten Niveau spielen wollen. Und wenn Rudi Völler ihm einen Fünfjahreskontrakt anböte. Ja, dann würde er selbst den nicht ausschlagen. Unser good old Capitano scheint wie Phoenix aus der Asche zurückgekehrt zu sein.

Bleibt also die Frage, wohin ihn sein finaler Weg führen könnte? Zu Altstar-Liebhaber Felix Magath und seinen Medizinbällen? Ansonsten zurück ins Fußballmutterland? Dorthin, wo einst Stan Matthews selbst im biblischen Alter von 57 kickte und wo Ballack bei Chelsea gute Jahre verbrachte? Oder in die USA? Seite an Seite mit David Beckham bei LA Galaxy oder gar als dessen Nachfolger?

Vielleicht wäre auch der AC Mailand eine gute Partie. Immerhin sind die Rossonieri fast jedes Jahr im Europapokal vertreten. Seit langem zieht Milan alternde Stars magisch nach San Siro. Früher jenen Beckham oder Ronaldinho, heute van Bommel, Ibrahimovic oder Zambrotta. Von Milans Altvorderen wie Ambrosini, Inzaghi, Seedorf oder Gattuso ganz zu schweigen. San Siro, ein schmuckes Sanatorium für Denkmalpflege...

Doch obacht, es gibt einen Haken. Ballack könnte einigen Arrivierten aus Milans Mittelfeld den Rang streitig machen, weshalb ihn nicht aus jeder Kabinenecke ein herzliches „benvenuto“ erreichen könnte.
Etwa von dem verschrobenen Gattuso, der Ballack Hufe scharrend mit brennenden Augen ins Visier nehmen dürfte. Wohingegen dieser rustikale van Bommel seine legendäre „Stinkefaust“ ballen könnte. Nicht zuletzt träfe Ballack dort auf einen gewissen Kevin-Prince Boateng. Wir erinnern uns: englisches Pokalfinale 2010 - beinhartes Tackling Boateng – Ballack verpasste WM in Südafrika.

Ballack und Boateng. Das riecht nach „Schuld und Sühne“, nach einem großen, finalen Drama. Daher, auf nach San Siro! Selbst wenn jene Zeiten längst vorüber sind, in denen Torhüter mit Zipfelmützen vor Ballack in ihre Torecken flüchten.

Freitag, 11. November 2011

Der ewige Mart Poom

Rudi Völler brachte es in seiner Zeit als deutscher Teamchef nicht nur bei seinem Wutausbruch von Reykjavik gegenüber ARD-Mikrofonhalter Waldi Hartmann auf den Punkt. Es gebe keine Kleinen mehr im Fußball, prognostizierte Völler schon lange zuvor. Und der weitsichtige Rudi Völler hat Recht behalten. Denn heute Abend steht im fernen Baltikum Fußball-Zwerg Estland in einer der vier Relegationspartien für die Euro 2012.

Allein schon dank des Erreichens der Relegation gilt 2011 als Wunderjahr des estnischen Fußballs. Immerhin ließ die estnische Equipe in ihrer EM-Qualifikationsgruppe mit Slowenien und Serbien gleich zwei WM-Teilnehmer hinter sich und wurde hinter Italien Gruppenzweiter. Estland ringt nun mit Irland um eines jener vier noch zu vergebenen Euro-Tickets.

Bei den altgedienten keltischen Kickern wie Ex-Tottenham-Striker Robbie Keane, Ex-Chelsea-Star Damien Duff oder Ex-Newcastle-Goalie Shay Given, die allesamt vom ewigen Giovanni Trapattoni gecoacht werden, scheint der grüne Lack zwar ein wenig ab. Dennoch wäre ein Weiterkommen schlichtweg eine Sensation für das kleine Estland, das im Norden und Westen an die Ostsee grenzt, im Osten an Russland und im Süden an Lettland.

Rund 1,3 Millionen Esten werden ihren Helden, den Sinisärgid (Blauhemden), heute Abend sowie am kommenden Dienstag in Dublin die Daumen drücken. Nur knapp 9.700 davon passen im Übrigen in die estnische Nationalarena, sicher sind dies nicht außerordentlich viele. Da aber laut Wikipedia 97 % der Esten einen Fernseher besitzen sollen, dürfte auch der Rest sich das Spiel anschauen können.

Wo wir gerade von Helden sprechen. Die faz befand heute hierzu, dass die estnische Elf „nicht mal einen kleinen“ Star in ihren Reihen habe, vielmehr trügen deren Nationalspieler kuriose Namen wie Alo Bärengrub oder Enar Jääger.

Naja, immerhin kann Estland gleich sieben Kicker vorweisen, die mehr als 100 Länderspiele absolviert haben. Damit liegen die Esten in dieser Rangliste selbst vor den Ex-Weltmeistern Argentinien, Frankreich oder Italien. Der unverwüstliche Martin Reim ist mit 157 Einsätzen Rekordhalter und hat, ohne irgendeine EM oder WM bestritten zu haben, einen gewissen Lothar Matthäus (151 Einsätze) überflügelt.

Ein weiterer dieser glorreichen Sieben ist Estlands Kapitän, der ebenfalls auf einen etwas eigentümlichen Namen hört. Er heißt Raio Piiroja. Piiroja ist mit Anfang 30 bereits fünf Mal estnischer Kicker des Jahres gewesen und steht als Keskkaitsja (estnisch für Verteidiger) in Holland bei Vitesse Arnheim seinen Mann. Und wenn ich schon über diese estnische Extraklasse blogge, kommt ich nicht umhin, auch den ewigen Mart Poom zu erwähnen. Mart Poom? Na? Genau, auch Mart Poom hat weit über 100 Länderspiele auf dem Buckel.

Poom verschlug es als ersten Esten überhaupt ins Mutterland des Fußballs . Dort gelang es Mart Poom sogar sich zu verewigen, indem er einst für den FC Sunderland gegen seinen Ex-Klub Derby mit einem furiosen Kopfballtreffer in letzter Minute den Ausgleich markierte. Als Torwart wohlgemerkt. Dies veranlasste sogar den damals   diensthabenden Radioreporter der ehrwürdigen BBC, seine Hörer Zeugen einer höchstpersönlichen emotionalen Explosion werden zu lassen. Was in etwa so klang : “The best headed equaliser by a goalkeeper against his former club in the last minute. Ever!“


Jahre später entdeckte ihn dann Arsene Wenger, der den ewigen Mart Poom mit Mitte 30 zu Arsenal lotste, jedoch nur sporadisch durch die englischen Strafräume hechten ließ. Sporadisch, da Poom als Nummer drei hinter Jens Lehmann und dessen Rivalen Manuel Almunia auf der Ersatzbank der „Gunners“ die Stellung hielt. 2009 hing Poom, ebenfalls fünfmaliger estnischer Kicker des Jahres,  seine Handschuhe an den berühmten Nagel.

Gewiss wird der estnische Verband für Mart Poom und seine Kumpels aus dem honorigen estnischen Hunderterklub ein exklusives Plätzchen auf der Ehrentribüne in Tallinn reserviert haben, von wo sie sich das Spektakel gegen Irland anschauen können. Doch irgendwie ist es schade, diesen Poom nicht noch einmal auf dem Rasen sehen zu können.

Wie schaut der ewige Trapattoni wohl aus der Wäsche schauen, wenn der ewige Mart Poom in letzter Minute im irischen Strafraum zum Kopfball ansetzen würde...

Samstag, 5. November 2011

„Uns Uwe“ und sein irisches Intermezzo

Uwe Seeler wird 75 Jahre alt: herzlichen Glückwunsch. Allerorten werden Girlanden von Glückwünschen für „Uns Uwe“ aufgehängt und Elogen auf ihn formuliert. In diesen Tagen, in denen selbst Poster von ihm Zeitschriften beiliegen und TV-Sondersendungen ausschließlich ihn thematisieren, frage ich mich oft folgendes. Wie lange ist „Uns Uwe“ eigentlich schon eine Legende? Seit seinem offiziellen Abschiedspiel 1972? Oder noch länger?

Jedenfalls hätte ich ihm im Stadion gerne einmal laut „Uuuuuuuuwe“ zugerufen oder ihn live und in Farbe am Bildschirm erlebt. Nicht als lebende Legende und ewigen Ehrenspielführer, sondern als mitreißenden Mittelstürmer. Zum Beispiel wie er den Engländern einst in Mexiko per Hinterkopfballtor die Tränen in die Augen trieb oder wie er über die Rasenrechtecke wuchtete, rackerte, hechtete und einnetzte.

Der HSV stellte „Uns Uwe“ zu Ehren weiland einen Bronzefuß vor seine Arena im Hamburger Volkspark auf. Die Arena selbst trägt nicht seinen Namen. Schade eigentlich, wenn man sich die kruden Namensschöpfungen der Arena im letzten Jahrzehnt so anschaut. Doch: „Uwe-Seeler-Kampfbahn“ wäre vermutlich des Guten ein wenig zu viel gewesen…

Anders machte es West Ham United im Gedenken an sein schon verstorbenes Idol Bobby Moore. Ein Teil der stolzen Supporter West Hams sitzen auf dem „Bobby Moore Stand“, daneben wird seit einigen Jahren Moores number six nicht mehr vergeben – what an honour. Dazu errichtete West Ham vor seinem Stadion Boleyn Ground eine Statue. Diese zeigt in Anlehnung an das berühmte Bild der Feiern nach dem WM-Finale 1966 wie die beiden West Ham-Ikonen Geoff Hurst, Martin Peters sowie Evertons Ray Wilson Moore auf Händen tragen. Zuvor hatte Moore als englischer Kapitän den WM-Pokal in den Londoner Himmel gereckt.

„Uns Uwe“ hatte übrigens vor dem Finale als deutscher Spielführer mit Moore die Wimpel getauscht und wird seinem HSV dessen bescheidenere Huldigung verzeihen. Weit weniger Verständnis wird Seeler wohl für einen Abstieg seines HSV aufbringen. In diesem Herbst 2011 macht sich der modrige Abstiegsgeruch an der Elbe verdächtig breit. Wie wir wissen: in 49 Jahren Bundesliga war der HSV bisher unsinkbar. Doch sagte man das nicht auch über die Titanic?

Was die Titanic mit Seeler zu tun hat? Erkläre ich gern. Persönlich getroffen habe ich „Uns Uwe“ zwar nie. Doch ein Geheimnis kenne ich von ihm, sozusagen ein offenes. Denn Seelers Vita umrankt die Legende, dem HSV stets treu gewesen zu sein. Nicht einmal ein lukratives Angebot Inter Mailands ließ den Hamburger Jung einst schwach werden. Die Charly Körbels dieser Fußball-Welt lassen grüßen. Allerdings, die weiße HSV-Weste „Uns Uwe“ hat einen kleinen grünen Fleck. Wer in Seelers Biografie „Danke, Fußball!“ einmal Seite 364 aufschlägt, wird große Augen machen. Dort steht geschrieben:

„Am 23. April 1978 war ich ein für einen Tag irischer Profi. Adidas hatte mich gebeten, für Cork Celtic ein Spiel zu bestreiten. Obwohl ich zwei Tore erzielte, verloren wir 2:6 gegen die Shamrock Rovers. Immerhin - mit 39 Jahren noch einmal Profi, ein lustiges Intermezzo.“

Ich gebe zu, nach dieser Passage musste ich das Buch erst einmal beiseite legen. Ob es Zufall war, dass in diesem Moment aus dem Radio der Status Quo-Klassiker „Rock'in all over the world“ dudelte?

Also gut, „Uns Uwe“ hat sich offenbar von den Klängen der irischen Harfen betören lassen. Zu Seelers Ehrenrettung sei gesagt, dass er davon ausgegangen sein soll, in einem Freundschaftsspiel aufzulaufen. Immerhin, mit diesem Wissen können an vielen Theken vermutlich einige Wetten gewonnen werden.

Doch, wie dem auch sei: auf ein Dreivierteljahrhundert „Uns Uwe“ und erst recht auf sein irisches Intermezzo ein zünftiges Guinness.

Sonntag, 23. Oktober 2011

Mit der Leichtigkeit einer Libelle

Ganz klar. Vergangenen Dienstagabend erlebte Daniel van Buyten, der belgische Verteidiger-Hüne des FC Bayern, eine Sternstunde. In der Champions League gastierte der Rekordmeister beim einstigen Maradona-Klub SSC Neapel. Es sind mittlerweile zwei Jahrzehnte vergangen, dass der unterhalb des Vesuvs für heilig verehrte Maradona den stolzen Neapolitaner Erleuchtung gebracht hat. Doch selbst heute ist Diego in Napoli noch immer allgegenwärtig.

Findige Journalisten fassten daher Bayerns Libero-Legende Klaus Augenthaler für ein Interview sozusagen ins Auge. Man sollte hierzu wissen: Augenthaler stand beim letzten Bayern-Abstecher im April’89 in Napoli seinen Mann gegen Diegos Dribblings. Dennoch zogen die Bayern dort im UEFA-Pokal-Halbfinale den Kürzeren. Und good old Klaus Augenthaler berichtete nun 20 Jahre später vielsagend davon: „Ich erinnere mich noch genau an sein Aufwärmen in Neapel. Während sich die Mannschaft im Kollektiv aufgewärmt hat, hat er mit seiner Tochter im Arm versucht, den Ball in einen Basketballkorb reinzulegen.“

Augenthalers Retrospektive in Ehren, nach Bayerns erneutem Napoli-Absteher redete keiner mehr von Maradona. Die Bayern hatten im Schmelztiegel San Paolo dominiert, spielten mit 1:1 remis, wobei Gomez trotz oder wegen eines neapolitanischen Laserpointers den siegbringenden Elfmeter verschoss. Nach alledem huldigten die italienischen Gazetten vor allem diesem Koloss Daniel van Buyten und überschlugen sich geradezu.

Tuttosport notierte, van Buyten sei stets am richtigen Platz gewesen. Ob seiner leichtfüßigen, ja fast schwebenden, Darbietung im Zweikampf mit Napolis Angreifern besang der Corriere dello Sport den Belgier regelrecht: „Zu den besten Bayern-Spielern zählte van Buyten: Er ist ein Gigant mit der Leichtigkeit einer Libelle“.

Ich gebe zu, ich hab diesen van Buyten bisher für einen arttypischen Stopper gehalten und die besungene Leichtigkeit noch nicht als Qualitätsprädikat erkannt. Van Buyten, ein Stopper mit „Rammbockqualitäten“. Ein standhafter und taktisch versierter Stopper mit dem zuweilen schwerfälligen Schwung einer Lokomotive. Dieser van Buyten, der Sohn eines Catchers, hätte gewiss auch in dem Hollywood-Streifen „Gladiator“ mit Schild und Schwert in den Pranken eine gute Figur abgegeben. Zum Beispiel, indem er neben Hauptdarsteller Russell Crowe angreifende Tiger und Bären im Kolosseum in die Flucht schlägt.

Zudem erinnerte mich der Anblick van Buytens oft an den früheren schottischen Stopper Colin Hendry, ein Hüne desselben Schlages. Neben seiner Statur war Hendry schon allein wegen seiner semmelblonden Haarpracht auffällig, die einen Kontrast zum dunkelblauen schottischen Dress bildete. Für sein Heimatland machte Hendry in den Neunzigern zumeist die Schotten dicht. Nur einmal geriet dieser Abwehrturm vor meinen Augen ins Wanken.

Das war bei der Europameisterschaft 1996. Damals musste Schottland im entscheidenden Vorrundenspiel gegen die verhassten englischen Gastgeber unbedingt gewinnen.Doch dazu kam es nicht, da ein gewisser Paul Gascoigne an diesem sonnigen Tag im Juni '96 in Wembley sein wohl berühmtestes Tor erzielte.

„Gazza“ jonglierte bei einem englischen Konter den Ball über den orientierungslosen Hendry hinweg, überlief Hendry und wuchtete nach diesem Solo den Ball ins schottische Netz. Es war Englands Siegtreffer und zugleich Schottlands Turnier-Aus. Dass dieser Daniel van Buyten in seiner Zeit bei den Bayern regelmäßig ins Wanken gerät oder geraten ist, war wohl meine Querverbindung zu diesem Colin Hendry.

Da mir aber fehlbare Stopper ihres Schlages durchaus sympathisch sind, werde ich beim künftigen Anblick van Buytens nicht mehr an diesen Hendry denken. Ich werde nur noch diese eine Schlagzeile für die Ewigkeit im Sinn haben, in der ihn der Corriere dello Sport als den Protagonisten einer neapolitanischen Nacht im Oktober 2011 besingt: „Ein Gigant mit der Leichtigkeit einer Libelle“.

Dienstag, 11. Oktober 2011

Belgischer König

Was macht eigentlich Jean-Marie Pfaff? Na, wer kennt ihn noch? Zwischen 1982 und 1988 hütete die schillernde belgische Torsteher-Legende mit den blonden Locken die Pfosten des FC Bayern. Eigentlich befindet sich Pfaff im Ruhestand, hat diesen aber heute Abend unterbrochen.
Warum? Neben Torwart-Titan Oliver Kahn und ZDF-Lady Müller-Hohenstein analysiert JMP die geneigten ZDF-Zuschauer die heutige finale Partie seiner Belgier in der EM-Quali gegen Jogis Löwen. Dies soll nun Grund genug sein, elf Anekdoten aus dem bewegten Leben dieses belgischen Königs, respektive Torwartkönigs, hervorzukramen.

Wenn Béla Réthy heute Abend fürs Zwote schon nicht kommentiert, muss zumindest der LIBERO für die Fakten..ääh..Hommage an diesen charismatischen belgischen König sorgen...

1. Unvergessen ist sicherlich Pfaffs Einstand im Tor des FC Bayern. An jenem 21. August 1982, ließ sich Pfaff bei seiner Bundesliga-Premiere durch Uwe Reinders das legendäre Einwurf-Tor ins Netz legen.

2. Nach seinem Wechsel vom SK Beveren nach München sollte sich Pfaff auch musikalisch in Bayern einfügen. Nicht ganz so wortkarg wie der holde Gerd Müller in dessen Kracher „Dann macht es Bumm!“ lieferte Pfaff im stilechten Marschmusik-Takt den Gassenhauer: „Ich war ein Belgier und jetzt bin ich ein Bayer. Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eiern. Und jeden Samstag stehe ich vor meinem Tor und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor…“

3. Die sechs folgenden Jahre konnten da fast nur prächtig verlaufen. Und wie kicker-Almanache bestätigen werden, Pfaff kann immerhin auf drei deutsche Meisterschaften und zwei Pokalsiege zurückblicken, die er mit dem FC Bayern feierte.

4. Neben musikalischen Abstechern ließ sich Pfaff auch kleinere Stippvisiten auf die Mattscheibe nicht nehmen. Beispielsweise mit einem Gastauftritt in dem schier in der Versenkung der Archive der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten verschwundenem Streifen „Zärtliche Chaoten“. Übrigens an der Seite von Thomas Gottschalk oder der amerikanischen Mundorgel Michael Winslow.

5. Etwas mehr als eine Stippvisite war 2007 die verzichtbare Daily Soap „De Pfaffs“. Mit dieser wandelten Pfaff und seine Familie auf den Spuren Ozzy Osbournes und öffneten den interessierten Betrachtern Tür und Tor zu der Familienranch nahe Antwerpen. Pfaff behielt es sich vor, dereinst in einem Stern-Interview die Soap als „sterbenslangweilig“ zu etikettieren.

6. 20 Jahre zuvor waren solche Seifenopern selbst dem stets umtriebigen Pfaff noch fremd. Vielmehr durfte er sich 1987 als sein annus mirablis ins Jahrbuch schreiben. Schließlich wurde „de Pfaff“ anno 87 zum „weltbesten Torwart“ gekürt.

7. Weltweite Anerkennung hatte sich Pfaff zuvor unter anderem in zahllosen Europapokalspielen und als belgischer Torsteher bei jeweils zwei Weltmeister- und Europameisterschaften verdient. 1980 wurde Pfaff mit Belgien Vizeeuropameister und 1986 WM-Dritter.

8. Pfaff war übrigens jener Torwart, gegen den sich Horst Hrubesch mit seinem Doppelpack im EM-Endspiel von 1980 sozusagen auf seine eigene Art unsterblich machte.

9. Das alles entging offenbar auch nicht einem gewissen Pelé, der mit seiner strengen Feder Pfaffs Namen auf seine Liste der 125 besten lebenden Fußballer notierte.

10. Notieren ließ sich Pfaff außerdem für kurze Zeit in das Mitgliedsregister vom (ehemaligen Stasiklub) BFC Dynamo Berlin. Diese wenig ruhmreiche Episode sollte Pfaff im Nachhinein aber als missratene PR-Aktion abhaken.

11. Eine fundamentale Wahrheit über den  Lockenkopf mit der Kirmes-Attitüde soll zum Schluß keinem Leser vorenthalten werden: dieser Pfaff ist keine Nähmaschine…

[Ebenfalls in dem Fußball-Blog Thor Waterschei erschienen.]

Samstag, 8. Oktober 2011

The unsung hero

Als ich jüngst auf einer Barkasse durch den Hamburger Hafen schipperte, platschte mir plötzlich kaltes Elbwasser ins Gesicht. Ich hatte mich auf die „Backboard“-Seite gesetzt und bereute diesen Entschluss. So etwas muss ich halt nicht allzu oft haben. Aber gut, wie ergeht es da erst Menschen, die anderen Menschen gerne „nur der HSV“ zurufen und sich fast jeden Samstag kalt erwischt fühlen. Denn ihr HSV ist Bundesligaschlusslicht, hat nach Spieltag 8 so viele Punkte wie Bremen Stadtmusikanten und taumelt nach dem schlechtesten Saisonstart in 49 Jahren Bundesliga der zweiten Liga entgegen.

Kein Wunder, dass an der Elbe zurzeit viele Untergangsszenarien aufbranden. Einmal bleibt etwa die Bundesliga-Uhr des Liga-Dinos an Spieltag 34 um Punkt 17.15 Uhr stehen. Daneben liegen sich auf der Ehrentribüne „Uns Uwe“ und die Helden der Happel-Ära wie die Wölfe heulend in den Armen. Wahrlich zum Schaudern!

Der neue HSV-Sportchef Frank Arnesen tauschte darum kürzlich seinen ratlosen Übungsleiter Michael Oenning gegen den trainerlizenzlosen Interimscoach Cardoso aus. Und seitdem dreht dieser Arnesen, der sich so gern Talente seines Ex-Klubs Chelsea angelt, munter das Trainer-Karussell. Seine unglückliche Suche nach dem nächsten Ernst Happel kommentierte die taz gewohnt bissig mit dem Titel „Marko Morten van Stevens Hrubesch“. Denn Arnesens Favorit Morten Olsen bleibt wohl in Dänemark, Marco van Basten ebenso wie Louis van Gaal in Holland und ein gewisser Huub Stevens faselt mittlerweile Treueschwüre wie „einmal Schalke, immer Schalke“ in die Mikrofone.

Horst Hrubesch, HSV-Idol und DFB-Jugendcoach, ist zwar für viele HSVer vorstellbar und hat in Uwe Seeler gar einen profunden Fürsprecher. „Uns Uwe“ meint, das Kopfballungeheuer himself könne dem HSV „Seele und Geist“ zurückbringen. Nur schwirrt Hrubeschs Name offenbar nicht in Arnesens Kopf umher, was sich im Übrigen auch von Kevin Keegan sagen lässt. Keegans Name erklang bisher noch überhaupt nicht, was ihn gewissermaßen zum unbesungenen Helden dieses Trainertheaters macht.

Das alles, obwohl Ende der 70er in Hamburg „Keeganmania“ herrschte. Noch heute schwelgen Zeitzeugen, wie dieser „unsung hero“ ihnen damals mit wallender brauner Mähne Freudentränen in die Augen dribbelte, sie Keegan „Mighty Mouse“ nannten und er mit dem One-Hit-Wonder „Head over heals in love“ den passenden Soundtrack dazu trällerte.


Gewiss, Arnesen wird seine Gründe für Keegans Nichtbeachtung haben. Ist es mangelnde Chelsea-Vergangenheit? Oder witterte Arnesen bei Keegan etwa eine apokalyptische Aura? Eine Aura, die aus Englands epochaler Pleite im allerletzten Spiel im alten Wembley-Stadion gegen Deutschland erwuchs? Ob Arnesen unkte, Keegan als damaliger Nationaltrainer Englands könne daher erster HSV-Trainer werden, der mit dem Bundesliga-Dino absteigt? Wohl nur Arnesen, laut Günter Netzer der einzige im HSV-Laden mit Ahnung vom Fußball, wird die Wahrheit kennen.


Menschen, die anderen „nur der HSV“ zurufen, werden es unter diesen Vorzeichen sicher verkraften, dass an der Elbe zunächst keine neue „Keeganmania“ aufziehen wird. Schließlich gehört der HSV in die Bundesliga wie der Hafen zu Hamburg. Oder etwa nicht?

Sonntag, 25. September 2011

Superbia in Proelia

Über Noel Gallagher, die Galionsfigur der einstigen britischen Rockband Oasis, schreiben sich die Redakteure britischer Gazetten schon lange die Finger wund. Als „Stolz der englischen Arbeiterklasse“ bezeichnete ehedem der Rolling Stone die Combo, andere bezeichnen Noel und seinen Bruder Liam schlichtweg als vorlaute Proleten, die keinem Streit aus dem Weg gehen.

Kleinster gemeinsamer Nenner der heute wieder einmal entzweiten (Radau-)Brüder, ist ihr Lieblingsklub. Beide schwelgen seit Kindesbeinen für Manchester City, Uniteds Erzrivalen.  Vielleicht passt in gewisser Hinsicht Citys lateinisches Motto Superbia in Proelia ganz gut zu beiden. Es prangt auf Citys Emblem und bedeutet so viel wie Stolz im Kampf.
 
Apropos, stolz im Kampf. Immer hartnäckiger versucht City sich daran, United allmählich die Vorherrschaft in Manchester abzujagen. Dies wird bekanntlich dank der Übernahme der „Citizens“ durch arabische Investoren aus Abu Dhabi begünstigt. Dank derer durchlebte das jahrzehntelang mittelmäßige Manchester City eine Art „Geldrevolution“. Und, statt erwarteter Empörung klatschte sich Edelfan Noel gar nach dem Einsteigen der Scheichs auf die Schenkel. Immer wenn ein United-Fan tanke, finanziere dieser Citys Transfers.

Oft erweckt der Klub dabei den Anschein eines mit Geldscheinen um sich werfenden hellblauen Kraken. Der greift einen Star nach dem Star anderen ab, die früher einen weiten Bogen um City gemacht hätten, und entlässt fast genauso viele kurz darauf wieder aus seinen Fangarmen. Etwa den walisischen Raufbold Craig Bellamy, über den der legendäre Sir Bobby Robson einst sagte, dieser könne in einer leeren Telefonzelle einen Streit anzetteln. Denn selbst der angriffslustige Bellamy konnte sich gegen zwischenzeitlich zehn Stürmerkollegen nicht durchsetzen und kickt nun für Liverpool.

Während die Stars kommen und gehen, wirkt der unverwüstliche Noel beinahe wie die letzte Bastion des Klubs, die City noch so etwas wie ein Gesicht gibt. Die folgenden Episoden zeugen von der Hingabe Noels für seinen Lieblingsklub. Man könnte beinah behaupten: Citys letzter Bastion gelang es in den letzten Jahren weit häufiger als seinen hochbezahlten hellblauen Helden, Erzrivale United ein Schnippchen zu schlagen.
Da wäre die Anekdote um United-Ikone Wayne Rooney, der sich gar vorgenommen haben soll, zu einem „Gitarrengott“ zu avancieren. Rooneys Herzensdame Colleen hatte daher die veritable Idee, ihm eine von Noel signierte Klampfe zum Geburtstag zu schenken. Diese Steilvorlage ließ sich Noel nicht entgehen, besprühte das ihm übersandte Instrument zum einen in Citys hellblauer Vereinsfarbe, zum anderen mit dem Refrain der City-Hymne „Blue Moon“ und schickte sie an die unbedarfte Colleen zurück. Ob die hellblaue Klampfe Rooney indessen gefiel, ist nicht bekannt. Er soll sie für einen guten Zweck versteigert haben.

Das alles hielt Rooney im Übrigen nicht davon ab, seinem alten United-Gefährten Cristiano Ronaldo seine liebsten Oasis-Songs vorzuspielen. Danach fing Ronaldo, der Oasis bis dahin nicht kannte, offensichtlich Feuer und lockte Oasis nach seinem Wechsel zu Real Madrid mit einem sozusagen „königlichen“ Angebot. Ronaldo lud die Band zum „Clasico“ gegen Barca ein und bat danach um ein kleines Privatkonzert.

Da Noel in Ronaldo aber noch immer einen United-Kicker witterte, zerschlug sich die Offerte. Zuvor hatte Noel Ronaldo öffentlich ausrichten lassen, die Tickets gerne anzunehmen. Im Hinblick auf das Privat-Konzert stand es für Noel außer Frage, dass die Gage von Oasis selbst Ronaldo nicht aufbringen könne. Kaum auszudenken, wie Citys letzte Bastion Jahre davor fast seinen Bankrott herbeigeredet hätte.

Auf einer Party versuchte Noel, mit vielen Pints intus, Milan-Legende Paolo Maldini zu City zu locken - für 150.000 Euro per week versteht sich. Da der kreuzbrave Maldini die äußerst lukrative Offerte für bare Münze nahm und nicht ganz abgeneigt war, seinen bis dato unvorstellbaren Abschied aus San Siro zu nehmen, wurde Noel die Sache zu heiß. Der Legende nach zog er am Morgen danach sein Angebot kleinlaut und ziemlich verkatert am Telefon wieder zurück. Hätten die Scheichs Jahre früher Gefallen an City gefunden, wären Maldinis Wechsel, inklusive Wochenlohn, wohl kein Problem gewesen.
Maldini hin, Maldini her. Noel wird seinen hellblauen Helden vermutlich noch die Daumen drücken, wenn die Karawane der Scheichs aus Manchester lange fortgezogen ist. Dennoch lässt sich die Breite des Grinsens von Citys letzter Bastion derzeit durchaus erahnen, wenn er an tankenden United-Fans vorbeifährt - er ist halt stets stolz im Kampf...
Am kommenden Dienstag gastiert Noel Gallaghers Lieblingsklub bei Bayern München. Bei den Bayern werden sich die „Citizens“ erstmals auf dem Parkett der Champions League bewegen.