Donnerstag, 29. August 2013

Glad All Over

Der nächste Beitrag in der Blog-Serie ››Sing when you're winning‹‹ soll von Crystal Palace handeln. Der englische Traditionsverein mit dem bemerkenswerten Namen kehrte im Sommer nach achtjähriger Abstinenz wieder in die Premier League zurück.

An den Auftaktspieltagen stürzten die Eagles aus dem Londoner Süden jedoch nach ihrem rauschenden Aufstieg gleich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück, als die Elf um ihren 40-jährigen Sturm-Veteranen Kevin Philipps zunächst gegen Tottenham im heimischen Selhurst Park und dann bei Stoke City unterlag. Mal sehen, was die lange englische Saison für Crystal Palace noch für Überraschungen parat haben wird.

Weitaus mehr Pep offenbarten da vor einigen Monaten die Crystal Girls, die Cheerleader von Crystal Palace. Anlässlich des lang herbeigesehnten Aufstiegs belohnten die Crystal Girls ihre Kicker mit einem Remake des angestaubten Klassikers  ››Glad all over‹‹, das sie in den wohl engsten Palace-Trikots ever schaukelnd, die Hüften in einem Garten schwingend sowie in einem Swimming Pool planschend trällerten.


Das Original ››Glad all over‹‹, das in den Sixties zur Vereinshymne von Crystal Palace avancierte, nahm einst The Dave Clark Five auf und stieß  im Januar 1964  glatt die Beatles mit ihrem Song ››I Want to Hold Your Hand‹‹ vom Thron der britischen Charts.


Die neueste Version der planschenden Crystal Girls ist im Übrigen nicht das einzige Cover der Palace-Hymne, die unter anderem auch bei den Blackburn Rovers oder dem FC Blackpool aus den Stadionboxen trällert.

Anlässlich des Erreichens des FA Cup-Endspiels 1990 versuchten sich die Palace-Kicker sogar selbst an einer eigenen FA Cup-Version, die allerdings den rauen Charme eines Shanty-Chors aus den Londoner Docks besitzt. Da fehlen eigentlich nur noch die im Hintergrund ertönenden Nebelhörner altvorderer Barkassen...


Ob die inbrünstig schmetternden Kicker des Traditionsklubs, für den einst ein gewisser Marco Reich die Stiefel schnürte, mit ihrem Sing-Sang letztlich scheiterten wie in jenen folgenden Endspielen gegen Manchester United sollte am besten jeder für sich selbst entscheiden...   

Freitag, 23. August 2013

Braunschweiger Jungs

Nach der lang ersehnten Bundesligarückkehr von Eintracht Braunschweig liest man derzeit immer wieder geradezu fußballromantische Zeilen über die Eintracht. Da macht es beinah selbst kaum etwas,dass die Eintracht auf der Bielefelder Alm im DFB-Pokal längst die Segel strich und sich ausschließlich auf den Klassenerhalt konzentrieren kann. Derlei Begrüßungsgirlanden für Braunschweig interessierten im 11Freunde-Interview kürzlich Harald Schmidt eher weniger, der vielmehr eine Sottise über den Deutschen Meister von 1967 zum Besten gab:

»Genauso wie es Plasberg gibt, muss es auch Eintracht Braunschweig geben

Die Schmidt'sche Chuzpe dürfte für das Bundesliga-Gründungsmitglied indes durchaus als Anerkennung zu verorten sein. Schließlich sind die Braunschweiger Jungs nach 28 Jahren zurück in der Bundesliga - am Ziel lang gehegter Träume. Da lässt sich solch Spöttelei durchaus verkraften. Bekanntlich hält es »Dirty Harry« mit dem VfB Stuttgart und den Bayern. Was die Eintracht angeht, lässt sich allerdings augenzwinkernd durchaus sagen, dass sie anders als »Dirty Harry« immerhin bei jedem Auftritt vor heimischem Publikum über 20.000 Zuschauer vorzuweisen hat, viel bissiger unterwegs ist und längst wieder aus den Untiefen der vorläufigen Versenkung aufgetaucht ist.Apropos, etwas Ähnliches widerfuhr vor Kurzem selbst Eintracht Braunschweigs wohl berühmtesten, wenn auch nicht erfolgreichstem Kicker.

Erfolgreicher, das war gewiss jene fabulöse 1967er Generation um Trainer Walter Johannsen, die die Meisterschale an die Hamburger Straße holte. Doch hier soll nun von Paul Breitner die Rede sein, den wir alle wohl überaus erstaunt letztmals bei den Festivitäten vor dem Champions League-Endspiel beobachtet haben, wie er recht rüstig in seinem Ritterkostüm über den heiligen Rasen von Wembley huschte. Jener Breitner ließ sich anno 1977 von Real Madrid nach Braunschweig lotsen und stellt dank der damaligen Ablösesumme von 1,6 Millionen Mark, also rund 800.000 Euro, bis heute den Rekordtransfer der Eintracht dar.



Kürzlich und damit über drei Dekaden später hatte die Eintracht den Norweger Vilsvik an der Angel. Für den eher unbekannten Rechtsverteidiger von dem norwegischen Klübchen Strømsgodset IF soll Braunschweig satte 1,2 Millionen Euro als Ablösesumme geboten. Dem Vernehmen nach soll die Verpflichtung auch kurz vor dem Abschluss gestanden haben. Allerdings platzte der Transfer des Norwegers, der in Berlin aufwuchs, aus eher nebulösen Gründen  in letzter Minute.  Angeblich soll sich der Defensivkicker des Klubs aus Drammen ob der sportlichen Perspektive beim Deutschen Meister von 1967 nicht ganz sicher gewesen sein.Wie dem auch sei, das hat Rolf Töpperwiens Lieblingsklub sicher in keiner Weise verdient.

Was Breitner angeht, bleibt dessen Transfer in den Braunschweiger Annalen übrigens nun weiter als Rekordtransfer verbucht. Schenkt man den schlauen Schreibern des Online-Portals von ntv Glauben, dann wäre es Breitner auch dann geblieben, wenn Vilsvik keine kalten Füße bekommen hätte. Demnach rechneten jene schlauen ntv-Schreiber ihren Lesern vor, dass eingedenk der Inflation seit 1977 Breitners Ablösesumme heute stattliche 1,8 Millionen betrüge und den für den Norweger aufgerufenen Betrag weithin übertroffen hätte. Hört! Hört! An Paule Breitner, ob mit oder ohne Rüstung,kommt halt niemand so leicht vorbei.

So oder so bleibt Breitner damit Gewinner dieser kleinen Transferepisode und wird den Braunschweiger Jungs nach zwei unglücklichen Auftaktniederlagen am 3. Spieltag gegen die andere Eintracht aus Frankfurt hoffentlich ebenso wie »Der Libero« die Daumen drücken. Geschlossen werden soll dieser Beitrag  nun mit jenem finalen Satz, mit dem Breitner sich nach nur einer Saison von seinen Eintracht-Teamkollegen - der Legende nach reichlich Zank, Zwist und Zinoba - verabschiedet haben soll: »Ich tue euch jetzt einen Gefallen und gehe.«

Foto: www.der-libero.de

Mittwoch, 21. August 2013

Audere est Facere

Mein lieber Herr Gesangsverein, schon mal von Andrew Magee und Ollie Smyth gehört? Nick Hornby und alle weiteren Arsenal-Anhänger sollten sich besser gleich ihre Ohren zuhalten. Denn die beiden erwähnten  kongenialen Briten sind  Fans von Tottenham Hotspur und setzten  ihrem Lieblingsklub aus dem Londoner Norden kürzlich ein kleines Denkmal.

Wie? Indem Magee und Smyth altvordere und aktuelle Spurs-Helden schmissig-schrullig in einem kleinen Tributsong besingen. Ja, und dieses wundervolle per Gitarre untermalte Liedchen, das Anleihen an Billy Joels »We did't start the fire« erkennen lässt,  dann einfach »Heroes in White & Blue« nennen. Sicher, sie singen offenkundig in der Spur eines gewissen Dave Henson, der zu Ehren seiner Lieblinge von Leicester City einmal einen Song mit dem selben Titel schmetterte. Wie dem auch sei, dank Magee und Smyth schien Tottenhams erhabenes Klubmotto selten mehr Takt zu besitzen: Audere est Facere. Es zu wagen, ist es zu tun.



Welche Hotspurs heroische 6 Minuten und 51 Sekunden lang so besungen werden? Surely, Paul Gascoigne, Darren Anderton, den einmaligen Tottenham-Topstar Diego Maradona, Robbie Keane, Glenn Hoddle, David Ginola und natürlich Gary Lineker, Pat Jennings und selbst Paul Stalteri (!). Nicht vergessen wurde ebenso Tottenhams Ryan Giggs-Erbe Gareth Bale. Für den walisischen Flügelflitzer gibt Real Madrid ja schier täglich ein neues Rekordangebot ab. Doch, wem in einem solchen Song eine derart königliche Huldigung erfährt. Wer wird sich denn da noch in Reals engem Haifischbecken eine Bahn mit Cristiano Ronaldo teilen wollen?

Last, but not least erhält auch das deutsche Tottenham-Trio Steffen Freund, Christian Ziege und Jürgen Klinsmann von Mr. Magee und Mr. Smyth den verdienten Tribut. Als wünschenswert hätte eine Nennung seines Namens sicher auch Lewis Holtby empfunden. Allerdings, lässt sich selbst nach mehrmaligem Abspielen des Songs keine kleinste Holtby-Anspielung entnehmen. Das mag am nuscheligen Cockney-Akzent des Sängers liegen. Oder, es ist zu befürchten, dass Holtbys Renommee als heroischer Hotspur (doch noch) nicht klangvoll genug ist. Indeed, die Spatzen schienen es vom Stadiondach der altehrwürdigen White Hart Lane zu pfeifen...

Welchen kolossalen Klang indessen »Heroes in White & Blue« entwickelt hat? Das belegt eine Schlagzeile von 101 Great Goals, mit der sich jene englische Webseite übrigens schon Mitte Juli die alles entscheidende Frage stellte: »Is this the greatest Tottenham song EVER?«

P.S.: Dieser Beitrag ist inspiriert von diesem kleinen Fundstück der 11Freunde...
 

Montag, 12. August 2013

»König Otto« versus »Kaiser-Orakel«

Euphorische Eintracht herrschte am Samstagabend in Braunschweig. Erstmals nach 28 Jahren mischte der Meister von 1967 wieder in der Bundesliga mit. Als Gast an diesem Auftaktspieltag der 51. Bundesligasaison sah der Spielplan Werder Bremen vor, weshalb nicht nur Eintracht-Edelfan Rolf Töpperwien rasenden Beifall geklatscht haben dürfte.

Eintracht und Braunschweig und Werder haben fürwahr einiges gemeinsam. Beide sind Traditionsklubs aus dem Norden, Gründungsmitglieder der Bundesliga, stemmten mindestens einmal in ihrer Historie die Salatschüssel gen Himmel und segelten vor einer guten Woche mehr oder weniger blamabel aus der 1. DFB-Pokalrunde. Obendrein nannte  Franz Beckenbauer die Eintracht und Werder in einem Atemzug, nicht etwa in höchsten Tönen lobend - der »Kaiser« stufte beide als erste Abstiegskandidaten ein. Schaun 'mer mal, ob sich das  »Kaiser-Orakel« irgendwann als Geschwätz von gestern herausstellen wird.

Anders bei den Braunschweiger Jungs gab es bei Werder in den letzten Monaten eher weniger Jubelarien - außer vielleicht den kürzlichen 75. Geburtstag von Werders Trainer-Legende Otto Rehhagel, wie manch tapfere Twitterin aus dem Werder-Kosmos einwarf.


Selbst Rehhagels einstiger Musterstürmer Wynton »Kiwi« Rufer befand in der WELT, dass Werders »goldene Zeiten« vorbei seien.  Doch am Samstagabend kam es anders. Im Stadion an der Hamburger Straße war die euphorische Eintracht nach dem Schlusspfiff abgeebbt - dank Zlatko Junuzovic, der acht Minuten vor dem Ende  aus 14 Metern Werders durchaus überraschendes Siegtor einnetzte und die Serie von 14 sieglosen Pflichtspielen endlich beendete. Kein Wunder, dass Junuzovic nach Werders von ihm zum  »dreckigen Dreier« deklarierten Auftaktsieg befand, er  »hätte zehn Stunden vor der Kurve schreien können«.

Wie wunderbar, dass Werder seinen ersten Dreier gleich in einem gefühlten »6-Punkte-Spiel« eingesackt  und good old  »König Otto« damit ein nachträgliches Geburtstagsgeschenk bereitet hat. Denn für mich war »König Otto« augenzwinkernd gesagt nicht ganz unbeteiligt am Bremer Auftakterfolg. Denn am Samstagvormittag trudelte gerade noch rechtzeitig vor dem abendlichen Anpfiff eine alte Rehhagel-Autogrammkarte in meinem Briefkasten ein. Und seither behaupte ich, einem gewissen Aberglauben durchaus ergeben, recht kühn, dass die Karte mit »König Otto« Werder in Braunschweig ganz gewiss Glück gebracht hat.
 
 
 
Hoffentlich wird sie dies auch an den weiteren 33 Spieltagen im Kampf gegen das böse »Kaiser-Orakel« tun. Zum Beispiel am kommenden Samstag, wenn der FC Augsburg im Weserstadion gastieren wird. Wie jener Rehhagel wohl solch abergläubische Absonderlichkeiten a la »König Otto« versus »Kaiser-Orakel« findet? 
 
Da sich auf diese Frage schwerlich eine Antwort finden lässt, lassen wir wohl am besten eine typische Rehhagel'sche Weisheit aus seinem zeit- wie endlosen Zitatenschatz sprechen: »Wichtig ist auf'm Platz, alles andere is' Kokolores...«
 

Samstag, 10. August 2013

Drei unten, drei oben

Was hat uns das Aktuelle Sportstudio in 50 Jahren nicht alles beschert? Augenzwinkernd gesagt: Äffchen und abgerissene Perücken, Schalke 05, eine legendäre Bahnhofsuhr-Ouvertüre und nicht zuletzt Wolf-Dieter Poschmann. Und die »Torwand der Nation«, wie sie die WELT heute nennt.  »Drei unten, drei oben«, so lautet die mystische Ansage der Damen und Herren Moderatoren, infolge derer die Sportstudio-Gäste zum Finale eines jeden Sportstudios losschießen. Sigi Held war übrigens am 5. Februar 1966 der erste Torwandschütze, da die am 24. August 1963 gestartete Sendung in ihren Anfangsjahren fürwahr ohne Torwand auskam.

Günter Netzer, Rudi Völler, Frank Rost oder auch der 1990er Weltmeister Günter Herrmann trafen gleich fünfmal ins Schwarze - ganz zu schweigen vom  »Kaiser«, der bei einem seiner gefühlt tausend Sportstudio-Besuche viermal und weiland gar von einem Weizenbierglas traf. Dass die Wand einmal umgekippte, ist mir nicht bekannt. Dafür aber, dass die »Torwand der Nation« gar einmal abgeschafft werden sollte. Wie gut, dass der ansonsten so honorige Hanns-Joachim Friedrichs damals mit seinem verwegenen Ansinnen nicht durchkam.

Mancher moderner Meckerer mag zwar meinen, das Sportstudio habe seine besten Tage hinter sich und sei ein Relikt vergangener Zeiten. In den heutigen hypermedialen Zeiten lässt sich dies sicher nicht gänzlich von der Hand weisen. Erst recht, nachdem Dieter Kürten in Rente ging und Michael Steinbrecher leider in der heutigen Jubiläumssendung seinen letzten Auftritt haben wird.  Doch was wäre ein Samstagabend mitten in der Bundesligasaison ohne Torwand und Sportstudio? Das Sportstudio, nun genauso alt wie die Bundesliga, gehört einfach dazu - zum Samstagabend, zur Bundesliga. Es wäre vielleicht wie eine Bundesligapartie ohne Ball.

 »Der Libero« gratuliert dem Aktuellen Sportstudio, klatscht Beifall und legt seinen geschätzten Lesern den folgenden Geburtstagstusch ans Herz. Es war anno 1979, als Kevin Keegan sich zum britischen Barden aufschwang und im Sportstudio die Bühne sowie einen Schoß eines weiblichen Fans fand, um der geneigten Weltöffentlichkeit, untermalt von der Playbackmukke von »Smokie«, seinen Song »Head over Heels in Love« zu präsentieren. Indeed, ein krachender Klassiker aus der Geschichte des Aktuellen Sportstudios.


Wer genau hingehört hat: fast noch rühriger als Keegans Singsang war die Ansage Dieter Kürtens. Denn der Sportstudio-Ikone gelang es in putzigster Art und Weise, dem geneigten Sportstudio-Gucker die süßholzraspelnde Botschaft des Keegan'schen Schmachtfetzens gehaltvoll zu soufflieren: »Es bedeutet dem Sinne nach auf Deutsch: ein Mann und eine Frau, die sich lieben, stellen fest, dass die Liebe noch intensiver sein könnte. Und es heißt übersetzt so viel wie Hals über Kopf oder bis über beide Ohren in Liebe versunken.«

Das waren sie, die wilden Siebzigern des Aktuellen Sportstudios. Ich gebe zu, an diesem einen legendären Samstagsabend hätte man ausnahmsweise wohl keine Torwand gebraucht...
 

Dienstag, 6. August 2013

Einen auf den Dutt

Die erste Runde im altehrwürdigen DFB-Pokal ist nun vorüber. Vier Erstligisten an der Zahl strichen  dabei schon ihre Segel. Hierzu gehörte auch Werder Bremen. Mein Lieblingsklub bekam beim drittklassigen 1. FC Saarbrücken am Sonntag gewaltig einen auf den Dutt.


 »Einen auf den Dutt« , so lautet im Übrigen auch der Titel meines Gastbeitrags im FCS-Blog 2.0 beim geschätzten Bloggerkollegen Carsten Pilger, der vor  Bremens Pokalgastspiel in Saarbrücken noch hier in diesen Blogwänden im Interview Rede und Antwort gestanden hat.

 
Zu meinem Gastbeitrag, der Werders dritte Pokalblamage in Folge bei einem Drittligisten seziert, geht es hier lang... >>>  
 

Montag, 5. August 2013

Das ganz große Los

Hurra, die Bayern kommen! Für den BSV Schwarz-Weiß Rehden war Nia Künzer Mitte Juni die buchstäbliche Glücksfee, schenkte Künzer der meist eher biederen Pokalauslosung nicht nur eine kleine Panne, sondern dem Viertligisten aus dem Niedersächsischen das ganz große Los.

Offenbar berauscht hiervon ließ sich Rehdens Präsident und Macher Friedrich Schilling in einem anschließenden  Radio-Interview bei NDR 2 nicht lumpen, Uli Hoeneß nicht nur einen warmen Empfang anzukündigen, sondern dazu ein Versprechen hinterherzuschicken.Dieses tarnte er als Kalauer, der leider so amüsant über den Äther kam wie für Hoeneß etwa ein Schuss in den Belgrader Nachthimmel. Hoeneß könne sich bei ihm, dem langjährige Steuerberater, gern ein paar Steuertipps abholen. Ja mei, der Pokal hat halt seine eigene Gesetze, gell?

Der große FC Bayern München, also das personifizierte Mia san Triple, muss nun dank Fräulein Künzer an diesem denkwürdigen Montagabend des 5. August in dem 1.800 niedersächsischen Seelen-Örtchen nahe Diepholz antreten. Naja, nicht ganz. Bedauerlicherweise gastiert der FC Bayern nicht in Rehden, sondern im Stadion an der Bremer Brücke in Osnabrück. Dort mietet sich Rehden ein, da es für den Underdog schwierig wurde, in seinem  »Arenachen« namens Waldsportstätten, den gestrengem Anforderungen des DFB gerecht zu werden. Schade! Da scheint der prickelnde Pokalcharme still und leise zu verfliegen...


Was die großen Bayern gegen den Underdog mit der schwarz-weißen Kluft  erwarten wird? Vielleicht hält man sich hier an Rehdens Stadionmagazin Schwarz und Weiß, dessen Cover stets in großen Lettern Rehdens Stärken offenbart:»Tore, Technik, Leidenschaft, Kampf und Willen«. Gewiss, das lässt sich hören. Ob Pep schon einmal von diesem Vestenbergsreuth gehört hat? Wohl eher nicht. Vermutlich mehr von dem »Favoritensterben« in der 1.Pokalrunde an diesem Wochenende -Werder,Braunschweig, Gladbach oder auch Nürnberg lassen verdächtig grüßen.

Wer indessen in Rehdens Reihen den Pokal-Reibach machen soll?Da wäre der frühere Bremer Kevin Artmann, der 80 Kilometer von Rehden entfernt einst bei Werder Profiluft schnupperte. Der 27-Jährige kickte zuletzt beim FC Oberneuland, in jugendlichen Tage aber sogar für ein Jahr in der Jugend des FC Bayern. 2006 spielte der oft verletzungsanfällige Mittelfeldakteur auch für den DFB, als er in der damaligen U-20 unter anderem mit Manuel Neuer, Sami Khedira oder Kevin-Prince Boateng spielte. Bayerns Abwehr sollte etwa den Rehdens kongolesischen Stürmer Kifuta im Auge behalten, den Rehden vor Kurzem aus Portugals zweiter Liga losgeeist hat.

Nicht vergessen sollte man in dieser kleinen Aufzählung sicher Francis Banecki. Vor einem Jahrzehnt kam Banecki für Werder zu einmaligen Champions League-Meriten gegen den RSC Anderlecht. Allerdings blieb dem Halb-Kameruner wegen hartnäckiger Blessuren die verhießene größere Profikarriere verwehrt blieb. Stattdessen machte sich Francis Banecki bei diversen Klubs im Nordwesten als torgefährlicher Allrounder einen Namen und ward dank seiner eleganten Spielweise von manchen - wie einst beim SV Meppen - gar »Kaiser Franz« gerufen.

»Kaiser Franz«! Schaun' mer mal, ob sich der echte »Kaiser« auf den VIP-Plätzen an der Bremer Brücke neben Uli Hoeneß und Kalle Rummenigge sehen lässt. Darüber dürfte sich Rehdens Präsident Schilling vermutlich ebenso freuen wie über die schier unmögliche Pokalüberraschung. Und wenn der Fußballgott die bajuwarischen Triple-Titanic gegen Rehden nun doch untergehen ließe? Fürwahr, man mag es sich kaum ausmalen, welch tektonische Plattenverschiebungen sich im Kosmos des »Mia san Mia« dann ereignen dürften...

Samstag, 3. August 2013

»Wir sind eine Leidensgemeinschaft!«

Der 1. FC Saarbrücken,  bei dem einst Felix Magath und Andy Brehme die Stiefel schnürten, kickt derzeit in der 3. Liga. In der 1. DFB-Pokalrunde trifft das Gründungsmitglied der Bundesliga auf Werder Bremen. Die treuen Fans des FCS hoffen, wie schon im Sommer 2012, auf einen neuerlichen Pokalcoup im altehrwürdigen Ludwigsparkstadion.

Fans wie FCS-Blogger Carsten Pilger, der als eine Art  »Fußball-Kulturbeauftragter« seines Lieblingsklubs längst erstklassig ist und sich anlässlich des Pokalduells in der Rubrik »Der Libero fragt nach…« im Interview die Ehre gibt. Carsten spricht über die vorübergehende Pause seines FCS-Blogs, den FCS an sich, das ungleiche Pokalduell, die medienwirksame Göttinger Fan-Initiative »Glotze aus, Stadion!« und nicht zuletzt über seinen »ersten Helden« Karsten Hutwelker.

Hallo Carsten Pilger! »Wieder mal Geschichten, Erlebnisse und Kommentare zum FCS«. Was macht eigentlich das FCSBlog2.0?

Hallo Libero! Das Blog hat vor etwas mehr als einem Jahr die Arbeit wieder aufgenommen. Ich hatte selbst irgendwie beim Abschied im September 2009 vermutet, dass es vielleicht irgendwann wieder was ähnliches geben würde, aber mit jedem Jahr mehr eigentlich weniger daran geglaubt. Aber nach einem Jahr im Ausland und völliger FCS-Abstinenz war da auf einmal im Ausland wieder diese Stimme, die mir zurief, es sollte wieder ein Blog geben. Die Leser dürfen sich das wie bei Zinedine Zidanes Comeback in der Nationalelf vorstellen. Dort war es aber am Ende nur der Bruder, der was im Schlaf zuflüsterte. Angeblich!

Der FCS mischt nach zwischenzeitlicher Fünftklassigkeit seit 2010 in der 3. Liga mit. Zum Saisonende gewann der FCS zwar zum dritten Mal in Folge den Saarlandpokal, rangierte aber als Elfter nur im Niemandsland der Tabelle. Woran lag es?

Im Verbandspokal hat sich die Einstellung des Vereins gebessert. Die Spieler wissen, dass der DFB-Pokal wichtige Gelder bringt, also ist die notwendige Ernsthaftigkeit da. In der Liga lag meiner Meinung nach der Hase zum einen darin begraben, dass im ersten Jahr von Jürgen Luginger ohne Sportdirektor schon vor Beginn strategische Fehler gemacht wurden. Im Sturm verließ sich Luginger auf Marcel Ziemer als einzige Spitze – und der fiel zu Saisonbeginn gleich aus. Luginger hat generell immer mal wieder länger gebraucht, um die passende taktische Variante für sein Material zu finden. Deswegen gab es Anfang des Jahres auch vielfach Abstiegsängste. Ich muss ihm lassen, dass er aber immerhin irgendwann den Schalter umgelegt hat.

Der Saarbrücker Kader verzeichnete viele Abgänge, nach zunächst schleppender Spielersuche wurden zuletzt fast täglich Neuzugänge vermeldet. FCS-Präsident Paul Borgard kommentierte einige Transfers im kicker gar damit, »auch mal harte Hunde im Team haben zu wollen«. Welche Saarbrücker Kicker machen besonders Mut? Was ist für den neuformierten FCS in der neuen Saison drin?

Ich überspring mal die Frage, ob eher weiche oder harte Hunde wünschenswert sind. Mut machen weniger einzelne Kicker, als dass einerseits der Kader in der Breite verstärkt wird und vor allem im Sturm nun genügend Alternativen vorhanden sind. Das war meiner Meinung nach der Schwachpunkt der Vorsaison. Mit Thomas Rathgeber gibt es nun einen erfahreren Stürmer mehr. Und Maurice Deville ist allein schon aufgrund des jungen Alters und seiner Leistungsbilanz in der Regionalliga ein sehr interessanter Angreifer. Außerdem braucht es mehr Luxemburger im deutschen Fußball!

Zu großen Vorhersagen will ich mich nicht hinreißen lassen. Wenn dann mir eigentlich stets vernünftig erscheinende Zeitgenossen sagen »Mit dem Kader spielen wir um den Aufstieg mit!«, löst das bei mir eher allergische Reaktionen aus. Solche Aussagen vor Saisonbeginn taten dem FCS nie gut.

Am Sonntag gastiert in der 1. DFB Pokal-Runde mit Werder Bremen erneut ein Bundesligist im Ludwigspark. Wie stark schätzt Du Werder, auch in Anbetracht des Trainerwechsels von Thomas Schaaf zu Robin Dutt, ein?

Ich würde mir persönlich wünschen, dass Dutt vielleicht mal dem Ex-Saarbrücker Johannes Wurtz die Chance in der Bundesliga gibt. Vor Saisonbeginn hat er bereits den Profivertrag bekommen, vielleicht sehen wir ihn ja öfter!Sonst ist die Vorhersage eher schwierig. Nach Ende der Ära Rehhagel hatte Bremen mit dessen Nachfolgern auch erst einmal Pech. Dutt wird es definitiv nicht leicht haben, andererseits könnte ich mir vorstellen, dass Bremen auch weiter ein eher ruhiges Pflaster in der Bundesliga bleibt und er zunächst viel Kredit bei Fans und Verantwortlichen bekommt.

Was meinst Du, erlebt Werder wie in den beiden Sommern zuvor, dass der Pokal im Ludwigspark wieder einmal seine oft beschworenen »eigenen Gesetze« zeigt? Dein Tipp?

Bremen war ja in den vergangenen Jahren oft für dicke Blamagen gut. Wünschenswert wäre das aus meiner Sicht schon, da ich voraussichtlich die erste Pokalrunde verpassen werde und bei einem weiteren Spiel schon gerne im Ludwigspark noch einen Bundesligisten hätte. Der Trainerwechsel wird die Werderaner aber wohl zusätzlich anspornen.
 
 
Ich bin mal gespannt, wie viele Zuschauer den FCS im Ludwigspark anfeuern werden. Apropos anfeuern: Was hältst Du eigentlich von der kürzlich ins Leben gerufenen Initiative »GLOTZE AUS, STADION AN«? Bisher haben sich dieser viele zumeist viert- oder fünftklassige Traditionsklubs wie der VfB Oldenburg, Altona 93 oder Victoria Hamburg angeschlossen.

Drittligisten werden da wohl nicht reingehen, da sie befürchten, dass es als »Alleingang« bewertet wird, der ihnen bei Verhandlungen mit dem DFB und den Sendern um mehr Fernsehgelder Nachteile bringt. Deswegen wundert mich die eher kleine Liste von Regionalligisten oder Oberligisten nicht. Fördernswert ist das schon. Was mir inhaltlich bei der Kampagne fehlt, sind die Argumente. Ich lese dieses »Support your local club!«, aber objektiv betrachtet ist das für sich noch kein Argument. Höchstens bei uns Fußballromantikern. Der durchschnittliche Fußballfan ist nun mal - bedingt durch gesellschaftlichen Wandel - der Typ, der das Skyabo der Dauerkarte vorzieht und seinen einzigen Stadionbesuch im Jahr wie einen Pauschalurlaub durchplant. Dort liegen die potenziellen Stadiongänger - aber allein mit eher bittenden Parolen kommen die nicht.

Finale Frage: Der FCS feiert in diesem Jahr seinen 110. Geburtstag. Was ist für Dich das Besondere, das Anziehende, am FCS? Wer ist Dein ewiger Held?

Mein »erster Held« war Karsten Hutwelker, der Wandervogel und begnadete Allrounder. Wirkliche »Helden« brauche ich eigentlich nicht, mit meinen Freunden suche ich öfters mal zu Saisonbeginn einen Lieblingsspieler für die kommende Spielzeit – der nicht unbedingt der beste Torjäger sein muss! Da hatten wir schon einigen Spaß, mit Greg Strohmann, den wir gegen alle Widerstände immer wieder anfeuerten.

Aber eigentlich bleibt das Anziehende am FCS, dass es fast keine Helden gibt und so vieles doch nicht so rund läuft. Dieter Ferner ist sicher ein Held, aber auch das hat ihm weder gegen den DFB, noch gegen Kräfte im Präsidium geholfen. Wir sind eine Leidensgemeinschaft, aber gewiss eine, in der es immer mal wieder Hoffnung auf Besserung gibt.

»Der Libero« bedankt sich für das Interview.

Carstens FCS-Blog 2.0  ist laut Selbstbeschreibung »ein unabhängiges, kritisches, aber nicht vollends spaßbefreites Fan-Blog, das sich mit dem 1. FC Saarbrücken und dem Fußball im Allgemeinen beschäftigt« und wurde im Herbst 2012 von dem Magazin 11Freunde zum Blog des Monats ernannt. Daneben bereichtert Carsten Pilger die saarländische Fußball-Kultur mit dem lobenswerten FCS-Fanzine „Der Leuchtturm“ und war an der in diesen Blogwänden veranstalteten Themenwoche "50 Jahre Bundesliga - Titel, Tränen und bloß nicht wie Tasmania" beteiligt.

Montag, 29. Juli 2013

Schweinsteiger'sche Stilblüte

Vorhang auf für den Fußballer des Jahres 2013, Vorhang auf für Bastian Schweinsteiger! Der Vize-Kapitän des FCB erhielt bei der vom kicker unter Sportjournalisten veranstalteten Wahl 92 Stimmen, mit denen er seine Teamkollegen Franck Ribéry (87 Stimmen) und Thomas Müller (85) auf die Plätze verwies. Der bajuwarische Triplesieger, mittlerweile 28 Jahre alt und kaum noch »Schweini« gerufen, löst damit Vorjahressieger Marco Reus ab.

Sympathisch wirkt unterdessen die Reaktion der Numero 31 des amtierenden Champions League-Siegers auf seine Wahl.Ähnlich überrascht wie nicht wenige ob dieser erstmaligen Würdigung soll er mitgeteilt haben:»Das wundert mich schon ein wenig. Denn es gab Phasen, in denen relativ kritisch über mich berichtet wurde.«

Was die in der Überschrift angedeutete »Schweinsteiger'sche Stilblüte« betrifft, soll Euch nun der folgendes musikalisches Schmankerl (!) ans fußballromantische Herz gelegt werden.Dieser Song war wohl als belohnender Tribut für Schweinsteigers famose Auftritte bei der WM 2010 gedacht und trägt ganz und gar überraschend den Namen »Ein Lied namens Schweini«.In Hitparaden, Billboard Charts oder sonstigen Playlisten ward jenes Schätzchen bisher indes kaum zu finden...



Schlussendlich soll nicht unerwähnt bleiben, dass Herr Schweinsteiger nicht der einzige kapitale Kicker ist, der  aus dem bayrischen Kolbermoor stammt und irgendwann zu Deutschlands Fußballer des Jahres avancierte. Schon anno 1981 durfte sich ein weiterer hochgespriesener Sohn jener Stadt  über diese Ehrung freuen - ein gewisser Paule Breitner. Nun gut, 31 Jahre später mimte der weithin filmerprobte Paule Breitner bekanntlich in einer klamaukigen Eröffungszeremonie des Champions League-Endspiels 2013 einen Ritter ohne Pferd.

Das veranlasste die kritische Frankfurter Rundschau wiederum in der Nachschau zu dem Kommentar, dass »Paul Breitners Auftritt in Kettenhemd und Rüstung fraglos des Wahnsinns kurioseste Blüte« gewesen sei. Es bleibt zu hoffen, dass der zweite aus Kolbermoor stammende Fußballer des Jahres, der kurz vor seinem 100. Länderspieleinsatz steht, sich künftig gegen derartige Ritterlichkeiten zur Wehr setzt. Am Besten mit Lanze und Schild...

Freitag, 26. Juli 2013

Keine Dauerkarte für Mick Jagger

Wie es heute im Blätterwald wegen Mick Jaggers 70. Geburtstag rauscht, oder? Vorab gesagt soll hier nun selbstverständlich nicht Jaggers musikalisches Wirken rezipiert, die schönsten Stones-Schlager wie Perlen an einer Kette aufgereiht oder gar die Wirkung seiner schamanenhafter Bühnentänze auf wie toll werdende Konzertmassen analysiert werden. Kurz gesagt, es soll allein um „Sir Mick“ und den Fußball gehen. Denn Jagger gilt dem runden Leder als durchaus zugetan. An gewissen Tagen steigt der Stones-Sänger gar aus seinem Rock-Olymp auf die zuweilen harten Tribünen der Arenen dieser Fußballwelt herab.

Anders als bei Roddie Stewart, dessen Begeisterung sich auf Schottland und Celtic Glasgow beschränkt, nimmt es Jagger, der gebürtige Engländer, mit der Treue nicht so genau. Wie im wahren Leben, mag manche spitze Zunge nun einwenden. Doch jene Dinge, die außerhalb des Fußball-Kosmos liegen, sollen uns nicht interessieren. Lieber wollen wir uns an die WM 2010 in Südafrika erinnern, wo Jagger diverse Partien besuchte und dort die mystische Aura des Unglücks versprühte.

Konkret widerfuhr jenen Teams, denen er vor einem Spielbesuch öffentlich seine Sympathie bekundete hatte, dass sie nach dem Abpfiff die Heimreise antreten durften. Der Ballesterer schrieb einmal, dass zu diesem Phänomen ganz gut die Stones-Hymne "It's all over now" passen würde. Es war, als öffnete Mr. Jagger stets die Büchse der Pandora.


Untermalt von den dröhnenden Vuvuzela-Klängen konnten davon etwa die USA ein Lied singen. Zu denen hielt Jagger, auf der Tribüne flankiert von Bill Clinton, in ihrem Achtelfinalspiel gegen Ghana, das die US-Boys unglücklich in der Verlängerung verloren.

Doch dies war erst der Anfang. Denn Jaggers „Fluch“ machte selbst vor seinen englischen Landsleuten nicht halt, die Jagger im Achtelfinale gegen Deutschland unterstützte. Das Ende vom Lied? Die „Three Lions“ kassierten neben einer epochalen 1:4-Pleite auch das sogenannte„Bloemfontein-Tor“, das Englands Ikone Frank Lampard geschossen hatte. Es wäre der 2:2-Ausgleich nach dem Kopfballtreffer des englischen Stoppers Matt Upson gewesen. Zwar strich Lampards Schuss von der Unterkante der deutschen Torlatte hinter die Linie, doch von dort zurück an die Unterkante und danach in Richtung  Feld, ehe ihn Manuel Neuer fing. Referee Larrionda aus Uruguay ließ zum englischen Entsetzen einfach weiterspielen. Die Gazetten schlagzeilten danach von einer „Rache für das Wembleytor“...

England reiste ab und Jagger gleich weiter nach Port Elizabeth, wo er dem mit Spannung erwarteten Viertelfinalduell der Niederlande gegen Brasilien seine Aufwartung machte und Peles Erben einen Sieg wünschte. Das Ergebnis? Auch die stolze Selecao packte nach ihrer 1:2-Niederlage, die Brasiliens Verteidiger Felipe Melo mit einem Eigentor und einer Roten Karte flankiert, ihre Koffer. Am Zuckerhut stellten die Sirenen der brasilianischen Presse tags darauf aber nicht etwa den unglückseligen Melo an den Pranger. Die Schreiber der großen brasilianischen Tageszeitung Lance zwangen vielmehr unser Geburtstagskind in die Verantwortung und empörten sich, Jagger sei Schuld und mit einem WM-Fluch belastet.

Zum Schluß soll noch von Diego Maradona die Rede sein. Dessen argentinischer Elf drückte Jagger, knapp oberhalb der Rasenkante sitzend, in ihrem Viertelfinale (wieder) gegen Deutschland die Daumen. Allerdings gelang es weder Maradona als rastlosem argentinischen Nationalcoach noch Lionel Messi den Jagger’schen Fluch zu brechen. Denn Jogi Löws brillant aufspielende Elf schickte Messi & Co. mit 4:0 buchstäblich in die Pampa. Maradona blieb nach diesem Desaster nichts anderes übrig, als seinen Hut zu nehmen.

Wie man sieht, ist mit Mick Jagger als Tribünentalisman kein Staat zu machen. Wer weiß, welche Steine Jagger erst ins Rollen brächte, sollte Sir Mick sich bei seinem angeblichen Lieblingsklub Arsenal öfter blicken lassen. Es bleibt unter diesen Voraussetzungen wohl nur zu hoffen, dass die traditionsreichen „Gunners“ niemals auf die fixe Idee kommen, ihrem Edelfan eine Dauerkarte zu schenken. Es wäre wohl Arsenals Anfang vom Ende...

Dienstag, 23. Juli 2013

Tag der »Hängesocke«

Was macht eigentlich, Frank Mill? Wie man so liest, führt der Weltmeister von 1990  inzwischen über 80 Fußballschulen und wird heute 55 Jahre alt. Es lässt sich daher leicht der Tag der »Hängesocke« ausrufen, wie Mill ob seiner einst lässig herabhängenden Stutzen genannt wird. Da macht es auch nichts, dass Mills Stiefel seit über 15 Jahren am Nagel hängen. Gleichwohl macht der gebürtige Essener im Fußball-Kosmos immer mal wieder von sich reden. So wurde etwa im Bundesliga-Jubiläumsjahr so mancher Anekdotenstrauß gern mit dem berühmtem »Pfostentreffer« des gelernten Floristen garniert. Jener Treffer, der eigentlich keiner war, gilt längst als leuchtendes Vorbild für alle Schüsse über, unter und neben leere Gehäuse.

In Anbetracht dessen verleiht der geschätzte Bloggerkollege Klaas Reese gar regelmäßig den Titel »Frank Mill desTages«, wenn einer dieser Fehlschüsse mit Mills ewigen »Pfostentreffer« mithalten kann. Was in jenem Sommer ‘86 genau passierte? Es war Mills Debüt im BVB-Dress, das ihn ins sonnige Münchner Olympiastadion führte. Dort dribbelte Mill zunächst Bayerns belgischen Torwartboliden Jean-Marie Pfaff aus und vollbrachte zum kollektiven Entsetzen das Kunststück, den Ball statt ins leere Tor gegen den Pfosten des Rekordmeisters zu schieben. In einem ZDF -Interview gestand Mill einmal, dass er es eigentlich seinem Kumpel Pierre Littbarski nachtun und den Ball »abklemmen« wollte. In Mills Worten gesagt:» Weit ausholen, dann den Ball nach innen legen, so dass der Bayernspieler, der von links kam, ins leere Tor fliegt.«


Doch Mills »Torheit« tat seiner Popularität keinen Abbruch - ganz im Gegenteil. Franky Mills hat sich vielmehr in den 80ern verewigt. Gern erinnern wir uns an seine Chuzpe, wie er weiland dem Hannoveraner Keeper Ralf Raps das Leder aus den Händen köpfte und -dieses Mal - ins leere Tor einschob. Mills BVB-Sturmpartner Nobby Dickel sagte einmal, Mill sei mit allen Abwässern gewaschen. Auch daran muss es gelegen haben, dass Mill für den BVB, Rot-Weiß Essen, Borussia Mönchengladbach und die Düsseldorfer Fortuna über 200 Treffer in über 500 Profispielen einnetzte. In seinem Düsseldorfer Karriereherbst gelang dies Mill unter Aleks Ristic zwar nicht mehr so oft wie gewohnt, doch immerhin wirbelte er dort mit der »kaiserlichen« Nummer fünf durch die gegnerischen Strafräume.

Wer weiß, vielleicht war die Wahl jener ruhmreichen Rückennummer eine kleine Verneigung gegenüber »Kaiser« Franz. Denn dank Teamchef Beckenbauer wurde der damals schon 32-jährige Mill in dessen 1990er WM-Kader berufen, weshalb Mill sich seither Weltmeister nennen und wie alle 90er Weltmeister den »Kaiser« duzen darf. Da stört es auch nicht weiter, dass „Hängesocke“ Mill bei jener Italia 90 genauso viele Einsatzminuten für sich verbuchen konnte wie der Kölner Libero Paule Steiner, die beiden Ersatzkeeper Raimond Aumann und Andy Köpke oder auch ein gewisser Günter Hermann - nämlich keine einzige.

Dennoch kam bis heute fast niemand auf die Idee, Mill in die stilbildende Hermann'sche Nische für WM-Reservisten einzuordnen. Entweder, weil Mill den Fußballgott anders als im Sommer’86 auf seiner Seite hat. Oder, es mag daran liegen, dass Mill bei der Italia‘90 für viele irgendwie doch stets mit von der Partie war. Wie schon gesagt, er galt halt als „mit allen Abwässern gewaschen“ - dieser schlitzohrige Franky Mill...

Samstag, 20. Juli 2013

R.I.P. »Traut the Kraut«

Bernd, genannt Bert, Trautmann verstarb gestern im Alter von 89 Jahren im spanischen La Llosa. Die schier allwissende Wikipedia erinnert sich: „Bert Trautmann ist vielleicht das bekannteste Beispiel eines Deutschen, der im Zweiten Weltkrieg gegen die Briten kämpfte, sich nach dessen Ende aber in deren Herzen spielte. In England gilt Bert Trautmann noch immer als einer der besten Torhüter aller Zeiten.“

1956 war Bert Trautmanns annus mirablis, als der gebürtige Bremer -als Torwart wohlgemerkt - im Fußball-Mutterland zum Fußballer des Jahres avancierte.

Einem medizinischen Wunder gleichend hatte Bert mit einem Genickbruch und fünf ausgerenkten Halswirbeln das FA Cup-Endspiel gegen Birmingham City zu Ende gespielt. In seinem pastellgrünen Sweater hielt der Goalie für Manchester City mit diversen Glanzparaden im alten Londoner Wembley-Stadion den 3:1-Sieg und damit den FA Cup-Triumph buchstäblich fest.

Der große sowjetische Torwart Lew Jaschin adelte Trautmann, der aufgrund Sepp Herbergers Abneigung gegen Legionäre nie Pfosten der deutschten Nationalelf hütet sollte, einmal:

„Es gab nur zwei Weltklasse-Torhüter. Einer war Lew Jaschin, der andere war der deutsche Junge, der in Manchester spielte – Trautmann.“

 Am 22. Oktober wäre Trautmann 90 Jahre alt geworden, am selben Tag, an dem im Übrigen der schon 1990 verstorbene Lew Jaschin Geburtstag hatte. Manchester City kondoliert seiner Torwart-Ikone auf seiner Homepage, der über 500 Mal in Citys Tor stand, mit folgendem Worten:

„Bert war eine wahre Klub-Legende im besten Sinne des Wortes. Er war einer der großartigsten City-Torhüter aller Zeiten und ein wunderbarer Botschafter, nicht nur für sein Land, sondern auch für Manchester City. Bert wird von jedem, der ihn kannte, und von der gesamten Fußball-Welt schmerzlich vermisst werden.“


Rest in peace »Traut the Kraut«!
 

Donnerstag, 18. Juli 2013

Meppen Calling!

Was macht eigentlich, der SV Meppen? Lange ist es her, dass der ganz große Fußball im Emsländischen zu sehen war. Mittlerweile im dritten Jahr kickt die einstige Zweitliga-Trutzburg SV Meppen, die vor 15 Jahren aus Liga Zwo abstieg, in der viertklassigen Regionalliga Nord. Prominentester Meppener ist übrigens der Champions League-erprobte Stefan Wessels, der noch immer ein etwas ausschaut wie der britische Barde James Blunt und sich nach seinem Karriereende unter anderem als Torwartcoach im Meppener Trainerstab betätigt. Am Freitag spielen Oliver Kahns einstiger Vertreter und der  SVM indes eine nachrangige Rolle in der MEP-Arena, wenn sich dort Werder Bremen mit Ajax Amsterdam duelliert.

Foto: Der-Libero.de
Das riecht nach dem erwähnten ganz großen Kick, ist indes eines von vielen Vorbereitungspartien auf die neue Saison. Werder Bremen, das im Emsland viele Fans hat und als Partner des Meppener Jugendleistungszentrums fungiert, gastierte in Meppen bereits öfter und stand dort letztmals vor zwei Jahren Olympiakos Piräus gegenüber. Wie bei früheren Gastspielen in Meppen wurde Werder damals noch von Trainer-Legende Thomas Schaaf gecoacht. Dass ab sofort Robin Dutt mit der Raute auf der Brust Werders Elf antreibt, an dieses Bild werden sich gewiss noch einige der vielen Werder-Anhänger nahe der niederländischen Grenze gewöhnen müssen.

Auch Werders Kontrahent, Ajax Amsterdam, gastiert übrigens nicht zum ersten Mal in Meppen. Anno 1973 etwa stellte sich Hollands Rekordmeister dort erstmals vor, als die dortige Arena noch Hindenburg-Stadion hieß. Angeführt von seinen brillanten Johans Cruyff und Neeskens schlug Ajax seinerzeit, als amtierender Europapokalsieger der Landesmeister, die Gastgeber zwar glatt mit 4:0, der SVM sich hingegen überaus achtbar. 1987 beehrte Ajax mit Cruyff als Trainer erneut das Meppener Stadion anlässlich des 75. Vereinsjubiläums des SVM. Mancher meint zwar, Ajax habe den Glanz dieser Jahre allmählich verloren. Doch fast drei Dekaden später stehen mit Chefcoach Frank de Boer und seinem Assistenten Dennis Bergkamp zwei weitere Ajax-Legenden an der Seitenlinie.Und das Tandem ist wie einst auf dem Rasen hoch dekoriert, errang erst im Mai den 32. niederländischen Meistertitel und damit den dritte Meisterschaft in Folge.

Für den Test gegen Werder wird Ajax diverse hochtalentierte Kicker im Gepäck haben - wie sich das halt für die gute, alte Ajax-Schule so gehört. Stars von De Boers Ajax-Eleven sind der dänische Mittelfeldkomet Christian Eriksen, der Belgier Toby Alderweireld oder Kapitän Siem de Jong, seines Zeichens älterer Bruder des Gladbachers Luuk. Beim dritten Ajax-Auftritt in Meppen fehlt eigentlich nur noch der inzwischen 65-jährige Johan Cruyff, dessen nostalgischer Geist während der 90 Minuten auf den Meppen Rängen sicherlich vielfach beschworen werden dürfte.


Doch wer weiß, vielleicht taucht „König“ Johan - augenzwinkernd gesagt - auch urplötzlich auf der Alten Tribüne des einstigen Hindenburg-Stadions auf. Dort auf den Sitzplätzen des Oberrangs, wo so mancher Meppener Senior seinen angestammten Platz hat und die Heimspiele bei Pilsken und Bratwurst verbringt. Also, Johan: Meppen Calling! So weit ist der Weg von Amsterdam ins Emsland schließlich auch nicht…

Montag, 15. Juli 2013

Made in Ireland

Da ist sie die Sommerpause! Täglich surrt der Transferticker. Täglich und in hohem Takt bereiten sich auch die Bundesliaklibs auf die neue Saison vor, hecheln mit oder weniger Pep durch ihre Trainingslager, Testspiele und Blitzturniere, bis es Anfang August mit der 1. Liga endlich wieder losgeht. Da die zweite und dritte Liga bereits am kommenden Freitag starten, scheint die sagenumwobene Sommerpause fast schon wieder überbrückt.

Falls man sich bis dahin mal kurz den Kick woanders holen möchte, empfehle ich Irland. Denn auf der Grünen Insel wird die Saison wie in weiten Teilen Skandinaviens im Kalenderjahrmodus ausgespielt.  Denn die höchste irische Spielklasse, die  eigentlich League of Ireland Premier Division heißt und mittlerweile dank der gütigen Unterstützung eines Windparkbetreibers aus Dublin als Airtricity League auftaucht, hat tatsächlich ihren eigenen Thrill. Tippt man etwa auf einen Ligaspieltag, dann kann plötzlich ein 4:4-Remis der Bray Wanderers beim Limerick Football Club von Belang sein. Fernab von Giovanni Trapattoni, Roy und Robbie Keane fühlt sich der Blick auf die „irische Sommerliga“ dann wie ein abenteuerlicher Abstecher an.

Will man sich parallel ein paar Informationen ergoogeln und sucht nach den Stichwörtern „Irischer Fußball“, stößt sofort und etwas überraschend auf den „Blog zum Irischen Fußball“. Denn dieses  Kleinod irischer Fußball-Kultur ist nicht nur deutschsprachig und lesenswert, sondern obendrein - made in Ireland. Wie eine Art bloggender Korrespondent berichtet Blogchef Florian Christoph aus Dublin in losem Takt unter anderem über irische Fußballromantik, Stürmerveteranen im dritten Frühling oder schreibt ansprechende Saisonvorschauen und Analysen. Löblicherweise stellt er seinen hopperaffinen Lesern dazu die Grounds von der ››Grünen Insel‹‹ vor.

Ebenso kann es vorkommen, dass auch die neuen Auswärtstrikots Cork Citys als Thema am Rande gestreift werden, was die Herzen einzelner Trikotnerds durchaus höher schlagen lassen könnte. Cork  City: nebenbei gesagt ist dies jener südirischer Klub, der dem deutschen Rekordmeister- und pokalsieger mit seinem  1991er Jahrgang um Hansi Pflügler, Mazinho und Stefan Effenberg weiland fast in der 1. UEFA-Pokal-Runde ein Bein gestellt hat. Weitgereiste Bayern-Fans wie der werte FernglasFCB-Blogger werden sich vielleicht vage erinnern.


Irland Rekordmeister – und pokalsieger sind indessen die Shamrock Rovers, die stolze 17 Meistertitel und 24 Pokalsiege in ihren Annalen verbuchen können und aufgrund ihrer grün-weißen Kluft weniger an die Bayern als verdächtiger an Celtic Glasgow erinnern. Jene Shamrock Rovers, die wie fast die Hälfte der zwölf irischen Erstligisten in Dublin beheimatet sind,  können sich, wie unser irischer Fußball-Korrespondent auf dem Facebook-Seitenarm seines Blogs informiert, gar über eine neue Anzeigetafel freuen. Weniger erfreulich ist für Irelands Number One indes, dass die Shamrock Rovers ihren Fans anno 2013 keinen Europapokalfußball bieten können, da Irlands Rekordmeister in der 2012er Saison als Vierter den Sprung nach Europa um ein Haar verpasste.

In der Tat, da mag man sich gar nicht ausmalen, wie sich die bajuwarische Plattentektonik verschieben würde, wenn dem deutschen Rekordmeister einmal Derartiges wiederführe. Zuletzt passierte so etwas ausgerechnet am Ende jener unglückseligen Saison 1991/92, als die Bayern im längst beerdigten UEFA-Pokal bei Cork City angetreten waren... 

Samstag, 29. Juni 2013

Live und in Farbe

Oha, wie die Zeit vergeht! Etwas überrascht habe ich soeben bemerkt, dass dieser Beitrag der Einhunderste sein wird, nachdem Der Libero vor über zwei Jahren erneut aufs Feld geschickt wurde. Allerdings soll  nicht lange zurückgeschaut werden. Schließlich lässt Der Libero für manchen vielleicht etwas zu häufig mit leicht nostalgisch verklärten Blick Vergangenes aus dem Fußball-Kosmos Revue passieren. Vielmehr möchte ich ››Danke!‹‹ sagen.

Etwa bei meinen geschätzten Leserinnen und Lesern, die hier dann und wann oder gar öfter reinschauen - oder auch bei den Machern der Wissensplattform triviado.com, die diesen kleinen Blog aus der nostalgischen Nische der Fußballbloggenden doch tatsächlich zu den ››ultimativen deutschen Fußball-Webseiten‹‹ gezählt haben. Bedanken möchte ich mich selbstverständlich auch bei den bloggenden Protagonisten der Themenwoche ››50 Jahre Bundesliga - Typen, Titel und bloß nicht wie Tasmania‹‹, die vor einem Jahr mit der Jubiläumssaison startete. Es machten mit: Trainer Baade, Heinz Kamke ››angedacht‹‹, Uwe Strootmann ››Im Schatten derTribüne‹‹, Jannik Sorgatz ››Entscheidend is auf’m Platz‹‹, Carsten Pilger››FCSBlog 2.0‹‹, Carsten Koslowski alias Janus ››Janus kleine Welt‹‹ und Werder-Schalträger Udo M. Abgerundet wurde die Woche mit einem Ben Redelings-Interview. 
 
50 Jahre Bundesliga, das ist gewiss ein gutes Stichwort. Nahm sich dieses Jubiläum doch kürzlich der Tagesspiegel zum Anlass, um eine Expertenjury zu bilden, die dann die beste Elf aus fünf Jahrzehnten Bundesliga kürte. Löblich, diese Aktion. Doch besonders  von Interesse soll hier freilich sein, wen Jupp Heynckes und seine Jurykollegen zum besten Bundesliga-Libero gekürt hat. Es war natürlich, Franz Beckenbauer. Schließlich hat es kaum einen besseren gegeben als Beckenbauer, der den Libero mit federleicht anmutender Eleganz oft offensiv interpretierte. Sehen wir dem ››Kaiser‹‹ daher seine Zoten, Zitate und sonstigen Zwischentöne ausnahmsweise einmal nach. Gleichwohl möchte ich Elogen auf den ››Kaiser‹‹ nicht weiter vertiefen und überlasse dies DFB-Präsident Wolfgang Niersbach, der dies im Tagesspiegel vortrefflich erledigte.
 
Eher möchte ich dem einstigen Kölner Bundesliga-Profi Thomas Cichon einige Zeilen widmen. Vor einer halben Dekade schien Cichon beim VfL Osnabrück sein Glück gefunden zu haben und gab dort einen wenig sprintstarken letzten Mann. Cichon, dem Toni Polster weiland in  Köln den kapitalen Kosenamen ››Franz‹‹ verpasst hatte, interpretierte den Libero meist als zurückhängenden Ausputzer mit ansprechendem Auge und einer Vorliebe für lange Diagonalpässe per Außenrist. Unvergessen sind ferner - in Köln wie in Osnabrück - Cichons gewichtige Gesten, denen  Manuel Andrack in seinem Buch Meine Saison mit FC gleich ein  Kapitel lang Tribut zollt.
 
Auf diese Weise hielt Cichon damals Osnabrücks fragile Abwehr in Liga Zwo und Drei irgendwie zusammen. Selbst wenn einige Lila-Weiße auf den Rängen der Bremer Brücke schier öfter aufstöhnten als in manchen Spielen Abseits gepfiffen wurde, da ihr letzter Mann wieder einmal nur die Hacken der gegnerischen Neun sah. Cichon kompensierte die aufbrandenden Brummeleien an der Bremer Brücke zumeist mit Strafstoßtoren, nach denen er sich absurderweise überaus ausgiebig auf dem Zaun der Osttribüne feiern ließ. Wie singt man noch im lila-weißen Kosmos des Traditionsklubs? Wir sind alle ein Stück -VauEffEll Osnabrück!
 
Leider ist obendrein noch immer diese unappetitliche Sache mit dem Wettskandal in der Welt, in dessen Zuge ››Franz‹‹ Cichon mehrfach belastet und letztlich angeklagt wurde. Doch um Cichon, dessen Stiefel längst am Nagel hängen,  als einen Ausputzer auf Abwegen soll es hier ausdrücklich nicht gehen. Eher darum, dass dieser ››Franz‹‹ Cichon der letzte waschechte Libero gewesen ist, den ich im Profifußball von einer Tribüne aus habe spielen sehen. Im Übrigen: Live und in Farbe.  

Samstag, 15. Juni 2013

Sorgen um Pelés Erben

Die WM 2014 in Brasilien wirft immer größere Schatten voraus. Das Maracanã-Stadion wurde vor Kurzem endlich fertig, was zum heute beginnenden Confederations Cup, jener WM-Generalprobe, gerade noch just in time war. Schier zu große Schatten werfen unterm Zuckerhut derzeit jene genialen Generationen von Idolen und Altstars, über denen im Fußball-Olymp do Brasil nur noch der große Pelé als eine Art brasilianischer Fußball-Zeus thront, auf die aktuelle Seleção. Denn diese rumpelt für Maßstäbe do Brasil beinah über die Rasenrechtecke, weshalb sich der gesamte Olymp Sorgen um Pelés Erben macht.

Da wäre etwa Romário, seines Zeichens Weltmeister 1994 und inzwischen Parlamentsabgeordneter. Denn der Ex-Weltklassetorjäher schießt mittlerweile gern und oft kritisch aus allen Rohren -  besonders gegen den Verband, Brasiliens Trainer, das Team und selbst gegen Pelé himself. So legte Romário Pelé gar einmal nahe, sich einen Schuh in den Mund zu stecken. Weniger streitlustig wirkt da Zico, der sich in den 70er und 80ern den huldvollen Spitznamen «Weißer Pelé» erdribbelte. Kurz vor dem Confed Cup-Eröffnungskick, das Brasilien gegen Japan bestreitet, rechnet Zico, einstmals japanischer Nationalcoach, «mit einem der härtesten Duelle , die diese beiden Teams sich je geliefert haben.»  Für Zico ist dies offenbar kein Wunder. Die Seleção  befände sich, so Zico weise, gerade in einer Phase, in der sie noch nach der idealen Elf und Formation suche.

Bei Pelé himself scheint unterdessen ein typischer Uwe-Seeler-Reflex ausgebrochen zu sein. Brasiliens 73-jähriges Fußball-Idol erklärt permanent, Angst um seine Seleção zu haben. „Lasst uns die Selecao nicht ausbuhen, sondern unterstützen“, musste Brasiliens größter Zehner sogar dieser Tage seinen aufgebrachten Landsleuten soufflieren.

Die geballte Sorge hängt dabei irgendwie mit diesem Neymar zusammen. Denn Neymar gilt, wie sich täglich irgendwo nachlesen lässt, bereits seit einem gefühlten Jahrzehnt als Pelés Erbe. Wie Robinho und viele andere vor ihm, die einst beim Pelé-Klub FC Santos die Stiefel balljonglierend schnüren gelernt haben. Nun soll Neymar sein Heimatland beim Confed Cup zum Turniersieg führen. Wenn möglich mit einem Hattrick pro Spiel und sollte dieses Kunststück am besten im Sommer 2014 gleich noch einmal wiederholen. 

Doch mit diesem Neymar, der just dem FC Barcelona epische 57 Millionen Euro wert war, ist das so eine Crux. Schließlich wiegt der Rucksack aller brasilianischen Erwartungen für ihre 21-jährige Verheißung überaus schwer. Man beachte das enttäuschende Viertelfinal-Aus bei der Copa America 2011 oder die für brasilianische Dimensionen fast skandalöse Silbermedaillen beim olympischen Fußballturnier in London, wo der stets fesch frisierte Neymar so manchen Übersteiger ins Leere fabrizierte. Das führte mittlerweile dazu, dass ausgerechnet Pelé himself seine verwöhnten Landsleute davor warnte, Neymar mit ihren Erwartungen zu überfrachten.  So diktierte er noch Ende Februar der Zeitung Estado de Sao Paulo folgende Zeilen in ihre Blöcke: „Das Vertrauen in ihn ist wahnsinnig groß, aber er ist nur ein ganz gewöhnlicher Fußballer, wenn er für Brasilien spielt.“
Jene Aussage verliert leider etwas an Gehalt, wenn man Pelé dieser Tage so zuhört, wie er Sätzchen verkündet, die da lauten: Messi sei die Gegenwart und Neymar die Zukunft. 

Doch der große Pelé kann auch anders und schoss längst aus seinem Fußball-Olymp bittere Blitze auf seinen erklärten Erben ab. Neymars "Hauptsorgen" seien "Mode und seine Frisur", so bebte Pelé einmal im englischen Independent. Kurz zuvor war die März-Ausgabe des englischen Fußball-Magazins FourFourTwo erschienen, die auf ihrem Cover unter anderem Neymar abbildete, der tatsächlich, als verkleideter Elvis Presley aus der rechten Coverecke grinste. Fremdschämen ist ausdrücklich erlaubt. Welch Wunder, dass dies selbst Romário keine seiner berüchtigten Salven wert war...

Samstag, 4. Mai 2013

ALLEz GRÜN!

Werder steht nach zehn sieglosen Spielen das Wasser bis zum Hals. Drei Spieltage vor dem Saisonende ist Werders weiland üppiges Polster auf den Relegationsrang auf zwei Pünktchen und five points auf den ersten Abstiegsrang geschmolzen. Zeitweise kann man sich daher als Werder-Daumendrücker vor nett gemeinten Hinweisen kaum retten, wonach Werder und damit einem selbst bald Montagabends stets ein Livespiel garantiert sei. Bei manch spöttelndendem HSV-Fan hilft zwar dann und wann noch immer ein Papierkugelwurf, doch so ist das halt....

Rund um das Weserstadion machen sich daher nicht etwa Auflösungserscheinungen breit. Denn hinter Schaafs strauchelnder Herde steht, wie diese Tage unzweifelhaft, zeigen eine grün(-weiße) Wand. Dies begann offenkundig in Leverkusen, als Werders Kicker und Thomas Schaaf während und nach der dortigen Niederlage von den mitgereisten Werderanern frenetisch unterstützt und gefeiert wurden. Ich habe es schon kürzlich geschrieben, nicht nur ein Hauch von ››You'll never walk alone‹‹ nach Werder-Art wehte am diesem Samstag durch die BayArena.

Doch, es wird noch besser! Das wunderbare Werder-Blog «Worum» startete nun die Initiative «ALLEz Grün!». Alle Werder-Fans sind dazu aufgerufen, in den beiden Abstiegsendspielen heute gegen Hoffenheim sowie am nächsten Samstag gegen Eintracht Frankfurt im Weserstadion grüne Kleidung zu tragen, um Werders Arena in ein grün(-weißes) Farbenmeer zu verwandeln. Tradition allein schützt bekanntermaßen vor Abstieg nicht, Zusammenhalt schon.


Dieser famosen Aktion, die derzeit allerorten ihre verdiente Würdigung findet, schließe ich mich als langjähriger Werder-Fan gerne an. Wie man vielleicht erkennen wird, erscheint «Der Libero» daher seit gestern weitaus grüner als zuvor, das heißt: mit grünen statt schwarzen Post-Überschriften und auch die blaue Farbe im  Logo sowie in der Navigationsleiste wurde (zumindest bis zum Saisonende) durch grüne ersetzt. Dazu ist das Aktionslogo nun ebenso in der Seitenleiste zu finden. Denn grün ist die Hoffnung! Also an alle Werder-Fans, Kutten-und Schalträger oder Daumendrücker: unterstützt Werder und bekennt Farbe!

Bevor ich diesen Beitrag schließe, möchte ich noch kurz zurückschauen. Zum einen auf ein mögliches gutes Omen für die Partie gegen Hoffenheim. Denn vor 25 Jahren, also am 3. Mai 1988, errang Werder dank eines 1:0-Triumphes bei der Frankfurter Eintracht die erste Deutsche Meisterschaft unter Otto Rehhagel.

Zum anderen soll nun Rehhagel höchstpersönlich mit einer seiner angestaubten Weisheiten zitiert werden, die sich dank ihrer Zeitlosigkeit wunderbar auf Werders Situation und die erwähnte tolle Initiative übertragen lässt. König Otto sprach ehedem:

„Wenn ich heute Kapitän bin und das Schiff sinkt, müssen alle helfen. Dann kann doch der Koch nicht kommen und sagen: 'Ich kann nur die Bratpfanne halten.“

Jawoll Otto, recht hast Du! In diesem Sinne: «ALLEz Hopp!», ähm, «ALLEz GRÜN!»


Weitere Texte über Werder lesen? Hier gehts in die Werder-Ecke...

Mittwoch, 1. Mai 2013

Als Udo Lattek im Camp Nou weinte

On the road to Wembley. Die Bayern gastieren beim FC Barcelona. ››Der Libero‹‹ erinnert an das traumabildende Gastspiel des Rekordmeisters im Camp Nou anno 2009, nach dem Udo Lattek auf den Tribünen der katalanischen Fußball-Kathedrale gar Tränen der Trauer verdrückt haben soll...

Wenn die Bayern, mit ihrer 4:0-Sensation im Rücken, am Mittwochabend beim FC Barcelona im Halbfinalrückspiel der Königsklasse gastieren, dann wird dies das erste Mal seit jener denkwürdigen Nacht im April 2009 sein. In dieser Nacht spielte sich jenes bis vergangenen Dienstag schmerzendes Inferno ab, bei dem Schweinsteiger und Kollegen mit nullzuvier sang -und klanglos untergingen.

Alle vier Treffer kassierte Hans-Jörg Butt, den ein gewisser Jürgen Klinsmann als Bayern-Trainer damals den erklärten Oliver-Kahn-Erben Michael Rensing degradierend zwischen die Pfosten des Rekordmeisters befördert hatte. Doch an Butt, diesem wie strafstoßschiessenden Torsteher aus Großenkneten, lag es in den 90 Minuten wohl am wenigsten.

Vielmehr besaßen der brillante Messi und seinen nicht minder genialen Gefährten in den blau-roten Trikots nicht nur buchstäblich mehr Pep, sie führten den weißgekleideten Rekordmeister mit ihrer Spielfreude regelrecht am Nasenring durch die Manege des Camp Nou. Das internationale Presseecho zu dieser Demütigung? Es fiel damals vernichtend aus:

„Barcelonas Fußball ist von einer anderen Welt. Das Weiterkommen war bereits zur Halbzeit entschieden. Mit etwas mehr Druck in der zweiten Hälfte hätte Barça den Bayern eine Packung von skandalösen Ausmaßen verpassen können.“ [Marca]

„Ein kaiserlicher Spaziergang: Barcelona setzt seinen Triumphzug zum Finale in Rom fort. Egal was bis dahin geschieht, niemand wird Barça absprechen können, eine der besten Mannschaften in Europa zu haben.“ [El Periódico]

„Barça nahm den FC Bayern unter Maschinengewehrfeuer. Der deutsche Meister brannte lichterloh.“ [El País]

„Messi vernichtet Bayern. Er löscht Toni und Bayern aus. Barça feiert eine Fiesta. Ein Vergnügungspark an Toren. Jetzt zittert Klinsmann.“ [Gazzetta dello Sport]

„Messi schlitzt Klinsmanns Bayern mit einer blendenden Vorstellung auf. Barça erzielt alle Tore in einer sensationellen ersten Halbzeit. Messi tobt sich richtig aus. Barcelona schlägt Bayern vernichtend im Nou Camp.“ [THE SUN]

„Messis Zauber bringt Barça einen Schritt näher Richtung Rom. Man sollte vorsichtig mit dem Wort furchteinflößend sein, aber niemals vorher war es treffender als bei dieser Vorstellung.“ [THE TIMES]


Auf Einladung des FC Bayern saß damals auch Trainer-Haudegen Udo Lattek auf der Tribüne und erlebte wie seine bajuwarischen Fußballfreunde in Barcelona eine Nacht in Moll. Hiervon sollte selbst Kalle Rummenigge tags darauf berichten und stammelte in die Mikrofone der Reporter: Ich habe unseren alten Freund Udo Lattek in der Halbzeit gesehen, er hat geweint.

Freilich, Tränen lügen halt nicht. Wenige Wochen später, als Latteks Augen längst getrocknet und die Bayern gegen Barca ausgeschieden waren, geschah im Bayern-Kosmos das Unvermeidliche.  Die Bayern jagten Jürgen Klinsmann, die unglückverheißende Büchse der Pandora, vom Hof. Jupp Heynckes, seinerzeit eine Art Trainer-Rentner, übernahm vorübergehend das Zepter an der Seitenlinie.

Heynckes Ernennung kommentierte der Stern seinerzeit übrigens als „Bankrotterklärung“ und wird spätestens nach dem Ende dieser fabulösen Bayern-Saison vermutlich um einiges schlauer sein. Doch woher auch. Schließlich ließ uns Olli Kahn in seinem mysteriösen Fan-Orakel erst viel später in die Zukunft schauen...